31.08.2004 Seenotfall
vor Baltrum (Ausbildung)
Am 29.08.04 paddelte eine
Gruppe von 3 Küstenkanuwanderern bei einem zunächst 3-4er Wind aus SW, später
5-6er Wind aus NW bei ablaufendem Wasser auf der Seeseite vor Baltrum in
Richtung Langeoog. Sie ließen sich dabei immer mehr vom Strand weg Richtung
offene See abtreiben und achteten eigentlich nur darauf, den Wasserturm von
Langeoog anzufahren. In Höhe der Ostspitze von Baltrum gerieten sie im Gatt
„Accumer Ee“ nahe der Untiefen des „Westerriff“ in über 3 Meter hohe, brechende
See.
Ein Kanute kenterte und
stieg aus. Ein Kamerad half ihm beim Wiedereinstieg. Er kenterte jedoch erneut,
konnte dieses Mal aber wieder hoch rollen. Nicht lange danach erfolgte seine
dritte Kenterung. Der Kanute verlor den Schenkelhalt, stieg endgültig aus und
lies sich erschöpft mit dem Kajak fest im Griff im ca. 17-18° C kalten Wasser
treiben. Da riss ihm plötzlich ein Brecher das Kajak aus den Händen. Während
ein Kamerad das Forttreiben des Kajaks verhinderte, gelang es ihm schwimmend
sein Kajak zu erreichen und sich an ihm festzuklammern.
Der Seegang wurde immer
chaotischer, so dass die noch im Kajak sitzenden Kanuten in der „Flucht“
Richtung Strand den einzigen Ausweg aus diesem Wellen-Tohuwabohu sahen, um von
dort aus sich um Hilfe zu bemühen. Als der im Wassere treibende Kanute damit
abfand, treibend auf Hilfe zu warten, betätigte er zum Aufblasen der Luftkammer
seiner Rettungsweste die Handauslösung, zündete dann seine einzige
Seenot-Fallschirmleuchtrakete und nahm anschließend über Handy Kontakt mit der
Seenotleitung in Bremen (Tel. 124124) auf.
Daraufhin lief der auf
Norderney stationierte DGzRS-Seenotrettungskreuzer „Bernhard Gruben“ (Länge:
23,30 m) zusammen mit den auf Baltrum bzw. Langeoog stationierten
DGzRS-Seenotrettungsbooten „Casper Otten“ (9,41 m) und „Baltrum“ (8,52 m) aus
und nahmen gemeinsam mit einem auf Helgoland stationierten SAR-Hubschrauber die
Suche nach dem im Wasser treibenden Kanuten auf. Ca. 1:30 Std. nach der
Kenterung wurde er ca. 2 Seemeilen (3,7 km) vor Baltrum vom Hubschrauber
entdeckt, über eine Seilwinde abgeborgen und auf Baltrum wohlbehalten
abgesetzt. Das in der See treibende Seekajak wurde von der „Baltrum“
Seenotrettungsboot geborgen.
*** * ***
„Ende gut, alles gut!?“
Dieser vom gekenterten
Kanuten selbst im SEEKAJAKFORUM.DE geschilderte Seenotfall hätte auch anders
ausgehen können. Zu verdanken hat das der Kanute (kurz: „Kenterbruder“) u.a.
den folgenden Punkten:
Mit
einem etwas seegangstüchtigerem Seekajak (weniger kipplig, festeren
Schenkelhalt, kleinere Sitzluke) wäre jedoch u.U. keine Kenterung erfolgt.
Positiv
an dem Seekajak ist seine Steueranlage, die es weniger erfahrenen,
paddel-technisch weniger ausgebildeten bzw. am Rande ihre Kräfte paddelnden
Küstenkanuwanderinnen und –wanderer ermöglicht, sehr schnell Kursänderungen
vorzunehmen, die manchmal einfach erforderlich sind, um kritische Wellen
optimal anfahren bzw. ausweichen zu können.
Leider
kann man solch ein Seenotsignal nur kaufen, wenn man einen entsprechenden
Sachkundenachweis (sog. „Pyroschein“) vorzeigen kann. Ansonsten ist man z.B.
auf das 6-schüssige „Nico-Signal“ (Signalhöhe: ca. 75 m, Leuchtdauer:
ca. 6 Sek., Lichtstärke: ca. 8.000 cd) angewiesen, welche der „Kenterbruder“ am
Körper mit sich führte. Er feuerte 4 rote und 2 weiße Leuchtkugeln ab, die
ebenfalls vom Strand aus gesehen wurden.
(a)
der Netzempfang sichergestellt werden kann (was in
Küstennähe Ost- und Nordfrieslands i.d.R. gewährleistet ist, sofern der hohe
Seegang nicht dauernd zu einem Abbruch des Netzempfanges führt);
(b)
das Handy wasserdicht verpackt ist und die Verpackung
die Bedienung des Handys nicht behindert;
(c)
das Display des Handys so konstruiert ist, dass man
die eingetippten bzw. ausgewählten Nummern auch bei hellem Tageslicht ablesen
kann;
(d)
und dass man weiterhin bei den Wind &
Wellen-Geräuschen in der Lage ist, sich über das Handy zu verständigen, und
zwar auch dann, wenn man im Seegang schwimmt.
Der
„Kenterbruder“ verfügte über 2 Handys (Typ: Siemens S55 und Siemens ME45). Die
Tel.-Nr. der Seenotleitung war in beiden Geräten eingespeichert. Das Erste war
nicht wasserdicht verpackt und ging gleich beim ersten Wasserkontakt kaputt.
Das Zweite war spritzwasserfest, was anscheinend reichte, um insgesamt 2x
Kontakt mit der Seenotleitung in Bremen aufzunehmen.
Gleichzeitig
hatten die Kameraden, nachdem sie am Baltrumer Strand angelandet waren,
ebenfalls per Handy den Seenotfall gemeldet und später per Handy den
Rettungshubschrauber in Richtung „Kenterbruder“ dirigiert.
Im
Vergleich hierzu hat das scheinpflichtige UKW-Sprechfunkgerät nur dann
Vorteile:
(a)
wenn man außerhalb des Netzempfangs verunglückt.
(b)
Es setzt dann aber voraus, dass sich in der Nähe zum im Wasser
treibenden Kanuten ein Schiff aufhält, dessen Besatzung den Notruf (Kanal
16) empfängt & abhört.
(c)
Ansonsten hat das Funkgerät dieselben Nachteile wie
das Handy.
(d)
Jedoch im Falle der direkten Suche vor Ort ist es möglich,
über das Funkgerät ein Signal auszustrahlen (sog. „Homing“), mit dessen
Hilfe ein entsprechend ausgerüstete Retter den „Kenterbruder“ anpeilen kann.
(a)
dass er bei den vorherrschenden Wassertemperaturen eine
recht lange Überlebenszeit hat
(b)
und dass bei der Tageszeit auch eine gute Chance bestand,
ihn noch vor Einbruch der Dunkelheit zu finden.
Insofern
kann ihre „Flucht“ an den Strand als eine diskutable Alternative gegenüber
jener angesehen werden, in der Nähe ihres „Kenterbruders“ zu bleiben und
gegebenenfalls auch zu kentern und aussteigen zu müssen.
Von
einem sehr seetüchtigen Kanuten hätte man jedoch erwarten können, dass er in
der Nähe des „Kenterbruders“ bleibt und wartet, bis dieser von Wind &
Tidenstrom aus dem lokal bedingten chaotischen Seegang, der sich wegen der
Stromkabbelung und Grundseen über den Untiefen des „Westerriff“ gebildet hatte,
in etwas ruhigeres Wasser getrieben wäre.
Der
vom „Kenterbruder“ getragene Trockenanzug (Hersteller: Zoelzer) hätte trotz der
konstruktionsbedingten Dichtigkeitsprobleme der Neopren-Halsmanschette
sicherlich dazu beigetragen, dass diese beiden Zeitspannen weitaus
optimistischer ausgefallen wären. Die vom Kenterbruder getragene
ohnmachtsichere Rettungsweste hätte schließlich dafür gesorgt, dass auch noch
nach Eintritt der Bewusstlosigkeit eine Überlebenschance bestände.
Ca.
1:30 Std. hielt sich der „Kenterbruder“ im Wasser treibend an seinem Seekajak
fest. Dass er dazu die Kraft hatte, solange durchzuhalten, hat er sicherlich
seinem Trockenanzug zu verdanken, aber auch der Tatsache, dass er bis zur
Kenterung erst 1 Std. unterwegs auf dem Wasser war. Nach einer 4-5-stündigen,
anstrengenden Küstentour, bei der der Seegang einem nicht ermöglicht hätte,
zwischendurch Pause zu machen und Nahrung & Getränke zu sich zu nehmen,
hätte dies auch anders ausgehen können.
Übrigens,
hätte der „Kenterbruder“ versucht, sich am Heck festzuhalten, wäre das nicht
lange gut gegangen, da sich dort die Steueranlage befand, die einem am
Festhalten behindert. Auch ein Festhalten an der Sitzuluke des Seekajaks, ist
im brechenden Seegang nicht empfehlenswert. Nimmt nämlich ein Brecher das
Seekajak mit, fehlt dem „Kenterbruder“ meist die Kraft, sich am Süllrand zu
halten.
Übrigens,
die Folgen einer Trennung vom Kajak wäre u.U. überlebensentscheidend gewesen;
denn ein in der aufgewühlten See ohne Kajak treibender Kanute hat ohne
entsprechende Signalmittel und auffällige Bekleidung (hier: aufgeblasene
Rettungsweste, gelber Südwester) nur geringe Chancen, von den Seenotrettern
gesichtet zu werden.
10 Tipps zur Befahrung der Seeseite Ostfrieslands
„Alles richtig gemacht!“ lautete das Urteil der Seenotleitung zum Verhalten
des „Kenterbruders“. Besser wäre es natürlich gewesen, wenn der Seenotfall ganz
vermieden worden wäre.
Weniger erfahrenen
Küstenkanuwanderinnen und -wanderer kann ich u.a. nur Folgendes empfehlen, wenn sie
nicht in eine vergleichbare Notsituation geraten möchten:
1. Seewetterbericht hören!
2. Gewässerschwierigkeit einschätzen!
Wie man die
Gewässerschwierigkeiten so ungefähr bestimmen kann, soll am Beispiel des oben
beschriebenen Seenotfalles erläutert werden. Am 28.08.04 prognostizierten die
Zeitungen für den Bereich der ostfriesischen Inseln 4-5 Bft. Wind aus SW-W mit
Böen von 6-7 Bft. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) sagt etwas von 4 Bft aus SW mit
Böen bis 6 Bft. Die DGzRS-Seenotretter selber sprachen davon, dass vor Ort der
Wind mit 5-6 Bft. aus NW kam.
Salzwasserschwierigkeitsgrad = Windstärke (gemessen in Bft.)
minus 2
3. Seetüchtigkeit trainieren!
Man sollte nur dann auf dem
Meer paddeln, wenn man "seetüchtig" ist. Hierzu zählt nicht nur u.a.:
sondern auch:
4. Seeseite meiden!
Stattdessen
sollte man lieber eine Wattfahrt hinüber zum Festland planen, vorausgesetzt es
wird max. 3-4 Bft. Wind prognostiziert.
5. Nur bei wenig Seegang & nicht solo!
Will man die Fahrt entlang
der Seeseite wagen, sollte man es - entsprechende Seetüchtigkeit vorausgesetzt
- nur bei wenig Seegang und in Begleitung erfahrener Kanuten tun.
Was den Seegang betrifft,
gilt Folgendes für die Seeseite der Ostfriesischen Inseln:
Und was die Kameradenhilfe
betrifft, gilt Folgendes:
* Fremderfahrung contra
Selbsterfahrung, d.h. es ist wesentlich weniger riskant, von den
Erfahrungen Dritter zu lernen, statt zu versuchen, eigene Erfahrungen zu
machen, also aus den eigenen Fehlern zu lernen, d.h. wer nicht das Risiko
herausfordern möchte, sollte auf eine Solotour verzichten und im Schutz einer
Gruppe paddeln.
6. In Strandnähe paddeln und nicht immer vor der Brandung „flüchten“!
7. Nicht gegen den Tidenstrom paddeln!
8. Untiefen umfahren und Wind-gegen-Strom-Bedingungen meiden!
Die
aktuelle Seekarte gibt über die Lage der zu erwartenden Untiefen Auskunft. Z.B.
liegen gerade im Gebiet des berichteten Seenotfalls, d.h. auf der Seeseite
östlich der Ostbake von Baltrum, solche Untiefen („Westerriff“). Wenn man
danach Ausschau hält, kann man diese Stellen schon recht früh erkennen, da dort
verstärkt Brandung zu beobachten ist.
Der
Stromatlas „Der küstennahe Gezeitenstrom in der Deutschen Bucht“ (2002) liefert
in Verbindung mit dem aktuellen „Gezeitenkalender für die Deutsche Bucht“
(jährlich neu) die nötigen Daten dafür, wann mit welcher Stromrichtung und
–stärke zu rechnen ist.
Übrigens,
seeseitig der Ostfriesischen Inseln strömt es bei auflaufendem Wasser in
West-Ost-Richtung sowie in die Gatts hinein Richtung Wattseite und bei ablaufendem
Wasser in Ost-West-Richtung und aus den Gatts hinaus Richtung Seeseite.
9. Im Gatt möglichst nur bei Stillwasser!
Und
4 Std. vor Hochwasser Helgoland sowie 2 Std. nach Hochwasser Helgoland strömt
es z.B. im Gatt zwischen Baltrum und Langeoog mit ca. 1,4 bis 1,8 Knoten (2,6
bis 3,3 km/h) am stärksten (siehe hierzu "Gezeitenstromatlas").
Diese
Stromgeschwindigkeiten gelten für die Mittzeit. Während der Springzeit, die 2
Tage später während der Vollmondzeit, vom 30.8.-2.9.04, vorgelegen hätte, wären
die Stromgeschwindigkeiten sogar ca. 10% größer ausgefallen.
Quert man das Gatt unter
Strömungsbedingungen, sollte einem Folgendes bewusst sein:
Ansonsten
hat man mit seinem Seekajak eine Stromabdrift, gegen die genügend vorgehalten
werden muss (sog. „Seilfähre“), wenn man ohne große Umwege (sog. „Hundekurve“)
auf der anderen Seite des Gatts ankommen möchte. Abgesehen davon sollte auch
darauf geachtet werden, dass die Strömung einen nicht in Bereiche mit Grundseen
bzw. Stromkabbelung treibt.
Kommt
der Wind aus NW–NO, muss man damit rechnen, dass gerade im Gatt, wo es stets am
stärksten strömt, die See wegen der Wind-gegen-Strom-Situation besonders stark
aufsteilt
10. An die Rückfahrt denken!
Wer nicht lernen will, kann was
erleben!
Wer diese 10 Punkte als
Kanutin bzw. Kanute mit weniger Nordsee-Erfahrungen nicht richtig ernst nimmt
und sich darauf verlässt, dass er einfach nicht kentert, weil er seit Jahren
nicht mehr gekentert ist, bzw. dass im Falle einer Kenterung seine Rolle
klappt, sollte sich nicht wundern, wenn er in eine Situation gerät, die Eckehard
Schirmer (Kiel) einmal wie folgt beschrieben hat:
„Jeder sollte
eskimotieren können, klar doch. Aber die Rolle
ist kein dauerhaftes ultimatives Rettungsmittel. Stelle dir bitte vor,
die Bedingungen auf See werden so miserabel, dass du da nicht mehr sicher
paddeln kannst. Das nervt dich gewaltig. Es macht dich down. Du merkst, es
droht Kentergefahr. Und nun wird die See langsam noch miserabler. Du wirst dann
keineswegs stärker als Paddler. Es beginnt eine Negativspirale. Du paddelst
verkrampfter. Es strengt dich noch mehr an. Du ermüdest allmählich und
reagierst zunehmend schlechter. Du musst immer öfter stützen. Die Löcher im
Wasser neben dir werden unregelmäßiger und tiefer, die See lauter, die ersten
Brecher erzwingen vollste Konzentration, hartes Stützen, Neuorientierung, wenn
du wieder Luft und Sicht hast. So geht das immerwährend weiter, es wird
schlimmer, nicht leichter. Willy McNeal würde jetzt sagen: „… und wenn du
befürchtest, es könnte schlimmer kommen, sei sicher, es kommt noch sehr viel schlimmer!“
Die See grollt und rollt. Das Wasser wird grün, dunkelgrün, schwarz, die
Brecher weiß schäumend, gewaltig schiebend. 5 bis 8 Mal minütlich bekommst du
erst Ohrenspülungen, dann haut es dir aufs Achterdeck, dass dein Seekajak
kerzt, oder es schiebt dich in die vor dir laufende Welle, dabei wirst du
gehoben, steil, du stehst senkrecht im Boot und es überschlägt dich. Du ringst
nach Luft …“
Text:
Udo Beier