28.03.2005 Zur Arbeit
mit dem Stromatlas (Ausbildung)
Wie
arbeiten wir mit dem Stromatlas? Die Berechnungen werden dargestellt anhand von
zwei Beispielen aus dem nordfriesischen und ostfriesischen Wattenmeer.
Als
Unterlagen werden benötigt der Stromatlas
der Deutschen Bucht (v. 2002) und der jeweils aktuelle Gezeitenkalender (jährl. neu). Beide Unterlagen werden vom
Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) herausgegeben und können
z.B. über die Schifffahrts-Buchhandlung HANSENAUTIC ( www.hansenautic.de ) bestellt werden.
Die
Strom- und Gezeitendaten der nächsten Tage können auch über das Internet
abgerufen werden, und zwar über die folgenden Links:
Gezeiten-Link: www.bsh.de/de/Meeresdaten/Vorhersagen/Gezeiten/index.jsp
Strömungs-Link: www.bsh.de/de/Meeresdaten/Vorhersagen/Stroemungen/index.jsp
Dem
Stromatlas können wir in Verbindung
mit dem aktuellen Gezeitenkalender
entnehmen, zu welchem Zeitpunkt der Strom in welche Richtung mit welcher
Geschwindigkeit fließt. Die Stromangaben werden auf Hochwasser
Helgoland bezogen und im 1-Std.-Takt angegeben. Zur Kennzeichnung der
Richtung werden „Pfeile“ verwendet. Je dicker bzw. dunkler die Pfeile
sind, desto größer ist die Stromgeschwindigkeit, z.B.:
→
= 0,2-0,4 km/h;
ž = 2,5-3,2 km/h;
´ = 4,7-5,4 km/h;
w = 5,4-6,1 km/h;
u = über 6,1 km/h.
Tabelle: Stromgeschwindigkeitsangaben lt. Stromatlas
Pfeile
lt. Stromatlas
|
A n g a b e n
i n
|
||
|
cm/s |
kn = Knoten |
km/h |
|
|
Die
Zeichen, die über verschiedenartige Pfeile die
Stromstärke symbolisieren, sind dem Stromatlas zu
entnehmen und selber
hier in diese Tabelle
einzutragen! |
0,1 – 2,5 cm/s 2,5 – 5,0 cm/s 5,0 – 10 cm/s 10 – 30 cm/s 30 – 50 cm/s 50 – 70 cm/s 70 – 90 cm/s 90 – 110 cm/s 110 – 130 cm/s 130 – 150 cm/s 150 – 170 cm/s > 170 cm/s |
< 0,05 kn 0,05 – 0,1 kn 0,1 – 0,2 kn 0,2 – 0,6 kn 0,6 – 1,0 kn 1,0 – 1,4 kn 1,4 – 1,8 kn 1,8 – 2,2 kn 2,2 – 2,6 kn 2,6 – 3,0 kn 3,0 – 3,4 kn > 3,4 kn |
< 0,1 km/h 0,1 – 0,2 km/h 0,2 – 0,4 km/h 0,4 – 1,1 km/h 1,1 – 1,8 km/h 1,8 – 2,5 km/h 2,5 – 3,2 km/h 3,2 – 4,0 km/h 4,0 – 4,7 km/h 4,7 – 5,4 km/h 5,4 – 6,1 km/h > 6,1 km/h |
1 kn
(Knoten) = 1 sm/h (Seemeile/Std.) = 1,852 km/h
Dem
Stromatlas ist für Nordfriesland zu entnehmen, dass spätestens ab 3 Std.
vor HW Helgoland das Wasser wieder aufläuft. Das Wasser kommt dabei vom Norden
bis Ende Amrum zunächst aus nordwestlicher Richtung (SO-Strom) bzw. von Ende
Amrum bis Höhe Trischen zunächst aus westlicher Richtung (Oststrom)
herangeströmt und fließt dann durch die Gats in das Wattenmeer hinein.
Spätestens ab 3 Std. nach HW Helgoland fließt das Wasser aus dem Wattenmeer
wieder hinaus Richtung offene See. Die größte Stromgeschwindigkeit ist 1 Std.
vor bzw. 5 Std. nach HW Helgoland südöstlich von Amrum zu beobachten (w= ca. 5,4-6,1 km/h).
Dem
Stromatlas ist für Ostfriesland zu entnehmen, dass spätestens ab 5 Std.
vor HW Helgoland das Wasser wieder aufläuft. Es kommt vom Westen (O-Strom) und
fließt dann durch die Gats ins Wattenmeer hinein. Spätestens ab 1 Std. nach HW
Helgoland fließt das Wasser aus dem Wattenmeer wieder hinaus Richtung offene
See, wo es entlang der Seeseite der ostfriesischen Inseln Richtung West strömt
(W-Strom). Die größte Stromgeschwindkeit ist 3 Std. vor bzw. 4 Std. nach HW
Helgoland nordöstlich von Minsener Oog (östlich von Wangerooge) zu beobachten (u = über 6,1 km/h).
In
der Elbmündung nordöstlich von Cuxhaven ist 6 Std. vor HW Helgoland der
größte auslaufende Strom (u = über 6,1 km/h) und 1
Std. bis 0 Std. vor HW Helgoland der größte einlaufende Strom (w = ca. 5,4-6,1 km/h) zu beobachten.
Übrigens,
die „Welle“ des Hochwasser (HW), welches den Tidenverlauf in der Deutschen
Bucht bestimmt, kommt die britische Ostküste herunter, schwappt hinüber zur
niederländischen Küste und trifft im Westen der westfriesischen Inseln auf
Vlieland. Sie breitet sich dann Richtung Osten bis Neuwerk und schließlich
weiter Richtung Norden bis hoch nach Jütland aus, und zwar in den folgenden
ungefähren zeitlichen Abständen, wobei zur Veranschaulichung beispielhaft mit
einer konkreten Uhrzeit gerechnet wird:
|
England (Ostküste): ð 01.00 Uhr: Aberdeen ð 02.00 Edinburg ð 03.00 Newcastle ð 05.00 Humber Mündung ð 06.30 Great Yarmouth Niederlande: ð 07.00 Vlieland
(Ostspitze) ð 08.00 Ameland
(Westspitze) ð 09.00 Schiermonnikog
(Ostspitze) Deutschland: ð 09.30 Uhr: Borkum ð 10.00 Norderney (Westspitze) ð 10.30 Spiekeroog (Ostspitze) / Helgoland ð 11.00 Mellum Plate ð 11.30 Eingang
nordfriesisches Wattenmeer (St.Peter-Ording – Westerland (Sylt)) ð 12.00 Sylt (Nordspitze) Dänemark: ð 12.30 Uhr: Römö (Mitte) ð 13.00 Horns Rev (Jütland) ð 13.30 Hvide Sande ð 14.30 Thyborön (Eingang
Limfjord) ð 15.30 Skagen. |
Beispiel Nordfriesland:
Querung Rütergat von Japsand zum Kniepsand/Amrum
(Strömungs-Link: www.bsh.de/aktdat/modell/stroemungen/db2/db2.htm
)
1. Querung bei
Stillwasser: Wir möchten z.B. vom Japsand (liegt westlich von
Hallig Hooge) über das Rütergat hinüber zum ca. 6-7 km entfernten auf
der Westseite von Amrum liegenden Kniepsand paddeln. Um die
Gewässerschwierigkeiten (hier: Stromkabblung, Grundseen,
Wind-gegen-Strom-Situation) gering zu halten, möchten wir während der Stillwasserphase (Stauwasser) queren,
d.h. genau dann hinüber paddeln, wenn die Strömung möglichst gering ist. Die
Strömung ist entlang der Küste dann am geringsten, wenn die Tide gerade kippt.
Das trifft während der folgenden beiden Zeiträume zu:
Übrigens,
für unsere Querung kommt das Ende der Niedrigwasserphase infrage, wenn wir vom Schlüttsiel/Oland/Gröde/Langeness
bzw. Hooge aus kommend mit dem ablaufenden Wasser den Trittstein von
Japsand (liegt an seiner nördlichen Spitze) erreicht haben.
Das
Ende der Hochwasserphase käme eigentlich nur dann in Frage, wenn wir von Süden
aus kommend (z.B. St. Peter-Ording) westlich, weitab von Süderoogsand und
Norderoogsand mit dem auflaufendem Wasser hoch gepaddelt kommen, dann auf
Japsand eine Pause eingelegt haben und nun hinüber zum Kniepsand paddeln
möchten.
Wenn
wir über keinen Stromatlas verfügen, können wir näherungsweise im
Bereich des Wattenmeeres davon ausgehen, dass Folgendes gilt:
Stillwasserzeit
≈ Niedrigwasserzeit (NWZ) bzw. Hochwasserzeit (HWZ)
D.h.
wir können für diese Region auch mit Hilfe des Gezeitenkalenders
ungefähr die Niedrigwasserzeit (NWZ) bestimmen und dann die Querung so planen,
dass wir uns etwa zum Zeitpunkt der NWZ in der Mitte des Rütergats befinden.
2. Wann kippt der Strom? Dem Stromatlas können wir
genau diese beiden Phasen entnehmen. Wir suchen aus dem Stromatlas die
Strömungskarten für Nordfriesland heraus (sie reichen vom Großen
Knechtsand über Neuwerk/Cuxhaven und Helgoland bis nach Römö), die auf den
S.3-15 zu finden sind, und sehen nach:
3. Blick auf die 1.
Stromkarte (-6 h): Der Stromkarte auf Seite 3 können wir nun an der
Stelle zwischen Amrum und Japsand entnehmen, dass das Wasser noch hinaus läuft,
und zwar gemäß der dort eingetragenen Pfeile an einigen Stellen mit ca.
130-150 cm/s (= 4,7-5,4 km/h) in SW-Richtung. Gemäß Kennzeichnung auf der S.3
ist dieser Strom 6 Stunden vor Hochwasser Helgoland zu beobachten (= minus 6 h HW Helgoland) (siehe hierzu
auch Strömungstabelle Rütergat)
Strömungstabelle: Rütergat (zwischen Japsand (J) und Kniepsand (K))
|
HW-Stand Helgoland |
max. Strom- Geschwindigkeit |
Strom- Richtung |
ablaufendes Wasser (NW) |
auflaufendes Wasser (HW) |
|
minus
6 Std. |
4,7
– 5,4 km/h |
SW |
X |
- |
|
minus
5 Std. |
3,2
– 4,0 km/h |
SW |
X |
- |
|
minus
4 Std. |
0,4
– 1,1 km/h |
östl. K: SW westl. J: N |
X |
X |
|
minus 4 Std. |
geschätzte
Stillwasser-/Stauwasserzeit (Ende der Niedrigwasserphase) |
|||
|
minus
3 Std. |
4,0
– 4,7 km/h |
NO |
- |
X |
|
minus
2 Std. |
4,7
– 5,4 km/h |
NO |
- |
X |
|
minus
1 Std. |
5,4
– 6,1 km/h |
NO |
- |
X |
|
HW
Helgoland |
4,7
– 5,4 km/h |
NO |
- |
X |
|
plus
1 Std. |
2,5
– 3,2 km/h |
NO |
- |
X |
|
plus
2 Std. |
0,4
– 1,1 km/h |
östl. K: NNO westl. J: N |
- |
X X |
|
plus 2:15 Std. |
geschätzte
Stillwasser-/Stauwasserzeit (Ende der Hochwasserphase) |
|||
|
plus
3 Std. |
2,5
– 3,2 km/h |
SW |
X |
- |
|
plus
4 Std. |
4,0
– 4,7 km/h |
SW |
X |
- |
|
plus
5 Std. |
5,4
– 6,1 km/h |
SW |
X |
- |
|
plus
6 Std. |
4,7
– 5,4 km/h |
SW |
X |
- |
Quelle: „Der
küstennahe Gezeitenstrom in der Deutschen Bucht“, hrsg. v. BSH 2002 (S.3-15)
Übrigens,
bei Springtide kann dieser Strom etwa 10% größer und bei Nipptide etwa 10%
kleiner sein!
4. Blick auf die 2.
Stromkarte (-5 h): Auf Seite 4 (= minus
5 h HW Helgoland) läuft das Wasser im Rütergat immer noch ab, und zwar an
einigen Stellen mit 90-110 cm/s (= 3,2-4,0 km/h).
5. Blick auf die 3.
Stromkarte (-4 h): Auf Seite 5 (= minus
4 h HW Helgoland) läuft nahe Amrum (Südspitze) der Strom noch etwas ab, und
zwar mit 10-30 cm/s (= 0,4-1,1 km/h) in Richtung SW, aber westlich von Japsand
beginnt es schon wieder aufzulaufen, und zwar mit derselben Geschwindigkeit in
Richtung N. D.h. dies ist das Zeichen dafür, dass 4 Std. vor HW Helgoland die
Tide südöstlich von Amrum kippt und der Strom am geringsten ist. Die
Niedrigwasserphase ist erreicht. Anschließend beginnt das Wasser wieder
Richtung NO aufzulaufen.
6. Blick auf die 4.
Stromkarte (-3 h): Zur Kontrolle schauen wir uns die Strömungsverhältnisse an,
wie sie 1 Std. später anzutreffen sind. Diese findet man auf Seite 6
dargestellt (= minus 3 h HW Helgoland):
An einer Stelle in der Mitte des Gats zwischen Amrum und Japsand strömt es
schon wieder mit 110-130 cm/s (= 4,0-4,7 km/h) hinein. D.h. der Flutstrom hat
sich endgültig durchgesetzt. 3 Std. vor Hochwasser Helgoland beginnt es also
schon wieder kräftiger hineinzulaufen.
Wenn
wir uns die obige Strömungstabelle vom Rütergat ansehen, können wir erkennen,
dass kurz nach plus 2 h HW Helgoland die Tide erneut kippt. Dann ist die
Hochwassserphase erreicht. Anschließend beginnt das Wasser wieder Richtung SW
abzulaufen.
7. Bestimmung des
Startzeitpunkts (I): Wenn wir möglichst am Ende der Niedrigwasserphase bei
geringem Tidenstrom das mindestens 6 km breite Gat queren möchten, wofür wir
bei Windstille und ohne Strom bei einem Paddeltempo von 5 km/h ca. 1- 1:15 Std.
brauchen, sollten wir ca. 4:45 h vor HW Helgoland vom Japsand aus starten,
sodass wir ca. 3:30 h vor HW Helgoland an der Südspitze von Amrum den Kniepsand
erreichen können.
Wie
stark es beim Start von Japsand aus strömt, wissen wir nicht ganz genau, da der
Stromatlas nur die Stromveränderungen im 1-Std.-Takt
darstellt. Wir können jedoch davon ausgehen, dass der Strom etwas schwächer ist
als bei „minus 5 Std. HW Helgoland“, d.h. es läuft wohl noch etwas ab. Wenn wir
aber etwa die Hälfte des Gats hinter uns haben, wird der Strom kippen und
beginnen aufzulaufen. Verzögert sich die Querung nur um 0:30 h, werden wir
jedoch am Rand des Kniepsand (S/O-Spitze) mit jenem Strom rechnen, den wir der
S.6 (-3 h HW Helgoland) entnehmen können, nämlich 70-90 cm/s (2,5-3,2 km/h).
Sofern
wir planen, weiter zum Hafen von Wittdün zu paddeln, ist das nicht weiter
schlimm, da der Strom uns dann ohnehin dorthin treiben wird. Wenn wir jedoch
zur Brandungsseite von Amrum paddeln wollen, hieße das jedoch, rechtzeitig
Richtung Südwest vorzuhalten (sog. „Seilfähre“), ansonsten würden wir Richtung
Wittdün abgetrieben und müssten dann an der Wattkante vom Kniepsand gegen einen
ca. 2,5-3,2 km/h starken Strom anpaddeln.
8. Schwierige
Gewässerbedingungen: Wir wissen jetzt also, dass wir ca. minus 4:45 h vor HW
Helgoland die Querung hinüber zum Kniepsand beginnen sollten. Spätestens um
minus 3:30 h vor HW Helgoland werden wir dann bei einem geschätzten Paddeltempo
von 5 km/h die Wattkante des Kniepsands erreichen.
Das
gilt jedoch nur, wenn wir unterwegs nicht auf zusätzliche
Gewässerschwierigkeiten (z.B. Gegenwind, Wind- bzw. Grundseen) stoßen, die
uns daran hindern, unser 5 km/h-Tempo zu halten. Z.B. Wind ab 4 Bft aus
südlicher bis nördlicher Richtung, bzw. Wind ab 5 Bft. egal aus welcher
Richtung könnten dazu führen, dass die Querung wegen des Winddrucks bzw. des
Seegangs länger dauert. Wenn wir dann nicht wirklich seegangstüchtig sind,
sollten wir das Rütergat nicht queren.
Übrigens,
ob wir unterwegs im Rütergat mit Grundseen, zumindest mit Kabbelwasser zu
rechnen haben, können wir der aktuellen Seekarte (z.B. Nr. 107) entnehmen; denn
überall dort, wo Untiefen liegen, kann einem u.U. der Seegang Probleme
bereiten. Schauen wir in die Seekarte, können wir leicht erkennen, dass gerade
die von uns gewählte Passage voller Untiefen ist. Das ist auch der Grund dafür,
dass wir versuchen sollten, möglichst während der Stillwasserphase die Querung
hinüber zum Kniepsand vorzunehmen.
9. Bestimmung des
Startzeitpunkts (II) (11.06.05): Um jetzt zu wissen, um wie viel Uhr wir vom Japsand
aus starten, müssen wir wissen, an welchem Tag wir uns auf dem Japsand
befinden. Nehmen wir an, es ist Samstag, 11.06.05. Lt. Gezeitenkalender
ist an diesem Samstag um 3:21 Uhr und um 15.32 Uhr Hochwasser in Helgoland.
Die
von uns errechnete Zeit von minus 4:45 h vor HW Helgoland fällt dann
D.h.
wir sollten bei für uns unproblematischen Bedingungen Samstagvormittag um 10.47
Uhr vom Japsand Richtung Kniepsand (Amrum) starten. (Übrigens, der Start
Freitagnacht um 22.36 Uhr kommt allein schon deshalb nicht infrage, da an
diesem Tag lt. Gezeitenkalender Sonnenuntergang um 21.55 Uhr ist. Wir müssten
dann unser Seekajak mit einer vorschriftsmäßigen, d.h. vom BSH zugelassenen,
weißen Rundumlicht (Mindesttragweite 2 Seemeilen) ausgerüstet haben und uns der
Gefahr aussetzen, trotzalledem von der im Rütergat verkehrenden Berufs- und
Sportbootschifffahrt nicht gesehen zu werden.)
Weht
dann ein 3-4er Wind aus westlicher Richtung, ist es – sofern wir zur
Brandungsseite von Amrum paddeln wollen (was jedoch nicht mehr empfehlenswert
ist, da dort bei einem solchen auflandigen Wind Brandungsbedingungen entstehen
werden!) – ratsam, sogar schon um 10.30 Uhr zu starten, um zu verhindern, dass
wir am Ende der Querung in den immer stärker werdenden NO-Strom geraten, der
bei ca. -3 h HW Helgoland herrscht. Wenn wir bei der Querung dann nicht entsprechend
etwas vorhalten, werden wir wohl vom SW-Strom des noch ablaufenden Wassers
etwas in Richtung SW abtreiben. Der einsetzende NO-Strom des dann wieder
auflaufenden Wassers wird uns jedoch wieder zurück treiben in Richtung NO. Ob
wir uns vom Strom zunächst Richtung SW und später Richtung NO treiben lassen,
oder entsprechend vorhalten (d.h. „Seilfähre“ fahren), hängt von der
Situation vor Ort ab. Auf alle Fälle sollte wir darauf achten, dass wir nicht
südlich von der im Rütergat liegenden Steuerbordtonne (Green/Red/Green) „13
/ Schmaltief 22“) treiben und Ausschau halten, ob über dem nordwestlich
davon liegenden Wattrücken keine Grundseen stehen, die dann zu umpaddeln wären.
Sollten
wir uns entschließen, ohne Abdrift das Rütergat zu queren, müssten wir den auf
Amrum stehenden 26 m hohen Leuchtturm „Wriakhörn“ so anpeilen, das sich
sein Abstand zum etwas nördlicher gelegenen 33 m hohen Leuchtturm „Amrum“
nicht verändert.
10. Wie geht’s weiter? Nehmen wir an, die Querung
hinüber zum Kniepsand kann innerhalb der geplanten Zeit (-4:45 h bis -3:30 h HW
Helgoland abgeschlossen werden. Gegebenenfalls bietet es sich an, an der
Wattkante vom Kniepsand eine Pause von ca. 0:30 Std. einzulegen. Mit welchem
Strom müssen wir rechnen, wenn wir nun -3 h vor HW Helgoland von der
Südostspitze von Kniepsand aus entlang der Seeseite (Brandungsseite) von Amrum
paddeln wollen?
Lt.
Stromkarte strömt es von – 4 h bis – 3 h HW Helgoland bis zur Westspitze von
Amrum (westlich vom 22 m hohen Leuchtturm „Norddorf“) parallel zur
Wattkante Richtung Süd, und zwar mit 0,4-1,1 km/h, wobei in Höhe der Südspitze
sogar mit 1,8-2,5 km/h Strom zu rechnen ist. D.h. bei der Fahrt entlang des
Kniepsandes ist mit einem Gegenstrom zu rechnen.
Das
sollte jedoch kein Grund sein, nicht entlang Amrums Seeseite zu paddeln.
Solange keine Brandungsbedingungen herrschen, können wir dicht entlang der
Wattkante paddeln und so dem Strom etwas ausweichen. Ansonsten müssten wir bis
+2 h HW Helgoland warten; denn erst dann beginnt es entlang der ganzen Seeseite
nordwärts zu strömen.
Wenn
wir jedoch bis zur ca. 15 km entfernten Nordpsitze von Amrum (Amrum-Odde)
paddeln wollen und dann gegebenenfalls weiter bis zum ca. 2,5 km gegenüberliegenden
Weststrand von Föhr, können wir
es uns nicht leisten, so lange zu warten, bis das Wasser auf der Seeseite Amrum
Richtung Nord strömt. Denn wenn wir bei +2 h HW Helgoland starteten (übertragen
auf Samstag, 11.06.05 = 17.32 Uhr (15.32 plus 2 h)), kämen wir frühestens bei
+5 h HW Helgoland (= 20.32 Uhr) dort oben an. Dabei müssten wir aber davon
ausgehen, dass das Wasser lt. Stromatlas entlang der Nordwestseite Amrums
(zwischen Leuchtturm „Norddorf“ und Odde) ab +3 h HW Helgoland wieder abläuft
und folglich uns entgegen kommt. D.h. irgendwo werden wir bei der Fahrt entlang
der Seeseite Amrums etwas Gegenstrom erleben. Ich würde daher raten,
frühestmöglich entlang der Seeseite zu paddeln. Anderenfalls könnte es
passieren, dass wir erst sehr spät in Föhr (West) anlanden könnten
(Sonnenuntergang lt. Gezeitenkalender am 11.6.05: 21.56 Uhr).
11. Größte Stromgeschwindigkeit im Rütergat: Übrigens, der
stärkste ablaufende Strom südöstlich von Amrum ist 5 Std. nach HW Helgoland
und der stärkste auflaufende Strom ist 1 Std. vor HW Helgoland zu beobachten.
Zu beiden Zeitpunkten strömt es mit w = 150-170 cm/s (5,4-6,1
km/h) Richtung SW bzw. Richtung NO.
Beispiel Ostfriesland:
Querung Otzumer Balje von Spiekeroog nach Langeoog
(Strömungs-Link: www.bsh.de/aktdat/modell/stroemungen/db5/db5.htm
)
1. Querung bei
Stillwasser: Wir möchten z.B. vom Zeltplatz, der im Westen von Spiekeroog liegt, über
das Gat „Ozumer Balje“ hinüber zur Seeseite (Brandungsseite) von
Langeoog paddeln. Um die Gewässerschwierigkeiten (hier: Stromkabblung,
Grundseen, Wind-gegen-Strom-Situation) gering zu halten, sollten wir möglichst
während der Stillwasserphase (Stauwasser)
queren.
Übrigens,
für unsere Querung kommt das Ende der Hochwasserphase in Frage, da wir von
Spiekeroog kommend dann mit dem anschließend ablaufenden Wasser der
Niedrigwasserphase an der Seeseite von Langeoog entlang paddeln möchten. Das
Gat ist zu diesem Zeitpunkt ca. 2,5 km breit (im Vergleich: 1,5 km bei
Niedrigwasser).
Wenn
wir über keinen Stromatlas verfügen, können wir für diese Region auch
mit Hilfe des Gezeitenkalenders die Hochwasserzeit (HWZ) bestimmen und
dann die Querung so planen, dass wir uns etwa zum Zeitpunkt der HWZ im Gats
Otzumer Balje befinden.
2. Wann kippt der Strom? Auf dem Stromatlas suchen
wir nun genau den Zeitpunkt heraus, an dem die Tide kippt, d.h. das auflaufende
Wasser zum ablaufenden Wasser wird. Die Strömungskarten für Ostfriesland finden
wir auf den S.17-29. Sie erstrecken sich von Emden über Borkum bis nach
Bremerhaven und dem Großen Knechtsand.
3. Blick auf die 1.
Stromkarte (-6h): Der Stromkarte für Ostfriesland auf S.17 können wir
an der Stelle zwischen Spiekeroog und Langeoog entnehmen, dass das Wasser
schwach hinein läuft, und zwar mit 0,4-1,1 km/h bei minus 5 h HW Helgoland (siehe hierzu auch Strömungstabelle
Otzumer Balje).
Strömungstabelle: Otzumer Balje (zwischen Spiekeroog (S) und Langeoog (L))
|
HW-Stand Helgoland |
max. Strom- Geschwindigkeit |
Strom- Richtung |
ablaufendes Wasser (NW) |
auflaufendes Wasser (HW) |
|
minus 6:15 Std. |
geschätzte Still-/Stauwasserzeit (Ende der Niedrigwasserphase) |
|||
|
minus
6 Std. |
0,4
– 1,1 km/h |
S |
- |
X |
|
minus
5 Std. |
1,8
– 2,5 km/h |
S |
- |
X |
|
minus
4 Std. |
2,5
– 3,2 km/h |
S |
- |
X |
|
minus
3 Std. |
3,2
– 4,0 km/h |
S |
- |
X |
|
minus
2 Std. |
3,2
– 4,0 km/h |
S |
- |
X |
|
minus
1 Std. |
1,1
– 1,8 km/h |
S |
- |
X |
|
minus 0:30 Std. |
geschätzte Still-/Stauwasserzeit (Ende der Hochwasserphase) |
|||
|
HW
Helgoland |
1,1
– 1,8 km/h |
N |
X |
- |
|
plus
1 Std. |
2,5
– 3,2 km/h |
N |
X |
- |
|
plus
2 Std. |
2,5
– 3,2 km/h |
N |
X |
- |
|
plus
3 Std. |
2,5
– 3,2 km/h |
N |
X |
- |
|
plus
4 Std. |
2,5
– 3,2 km/h |
N |
X |
- |
|
plus
5 Std. |
1,8
– 2,5 km/h |
N |
X |
- |
|
plus
6 Std. |
0,4
– 1,1 km/h |
N |
X |
|
|
plus 6:15 Std. |
geschätzte Still-/Stauwasserzeit (Ende der Niedrigwasserphase) |
|||
Quelle: Der küstennahe
Gezeitenstrom in der Deutschen Bucht, hrsg. v. BSH 2002 (S.17-29)
4. Blick auf die 2.-7.
Stromkarte (-5h bis 0h): Den folgenden Stromkarten können wir entnehmen, dass es immer
stärker durchs Gat hindurch hinein ins Wattenmeer strömt. Erst bei HW Helgoland
beginnt das Wasser wieder abzulaufen.
5. Bestimmung des
Startzeitpunktes (4.06.05): D.h. bei ca. 0.30 Std. vor HW Helgoland kippt die Tide. Da
wir bei angenommenen 5 km/h Paddeltempo ca. 0.30 Std. benötigen, um hinüber zum
Süderriff von Langeoog zu kommen, sollten wir ca. 0:45 Std. vor HW
Helgoland von Spiekeroog (West) aus starten.
Um
jetzt zu ermitteln, um wie viel Uhr wir an der Westspitze von Spiekeroog
(unterhalb des Zeltplatzes) aufs Wasser gehen, müssen wir wissen, an welchem
Tag wir uns auf Spiekeroog befinden. Nehmen wir an, es ist Samstag, 4.06.05.
Lt. Gezeitenkalender ist an diesem Samstag um 10.58 Uhr und um 23.16 Uhr
Hochwasser in Helgoland.
Da
eine Nachtfahrt ausgeschlossen ist, kommt für uns als Startzeitpunkt nur das
Vormittaghochwasser infrage. Als Starttermin errechnen wir:
D.h.
wir sollten bei für uns unproblematischen Gewässerbedingungen Samstagvormittag
um 10.13 Uhr von Spiekeroog aus Richtung Langeoog (Seeseite)
starten. Die Gewässerbedingungen sind dabei i.d.R. unproblematisch, wenn kein
nördlicher Wind mit 3 Bft. und mehr bläst, , wenn kein Wind mit 4 Bft. und mehr
weht, egal aus welcher Richtung, wenn keine Dünung einläuft bzw. wenn wir vom
Zeltplatz Spiekeroog aus Richtung Seeseite Langeoog schauen und dabei nur
vereinzelt Brandung sehen.
Sollten
wir uns beim Start etwas verspäten, ist mit ablaufendem Strom zu rechnen. Bei
der Gatquerung müssten wir dann etwas vorhalten. Als Peilpunkt dienen dabei
zunächst die Steuerbordtonne „OB7/LW10“ und anschließend die Hindernistonne
am Süderriff. Auf alle Fälle sollten wir darauf achten, nicht in die
Untiefen des Westerriff abgetrieben zu werden (siehe hierzu die Seekarte
Nr. 89). Dort ist nämlich u.U. mit einer Stromkabblung oder mit Grundseen zu
rechnen, die nicht immer von allen beherrschbar sind.
Auf
alle Fälle sollten wir nicht der Versuchung unterliegen, viel früher die
Otzumer Balje Richtung Langeoog zu queren, um z.B. möglichst bald auf der
Seeseite von Langeoog entlang paddeln zu können. Würden wir z.B. 2 Std. vor HW
Helgoland auf der Westseite von Spiekeroog in unsere Seekajaks steigen, müssten
wir nämlich mit einem einlaufenden Strom rechnen, der mit ca. 3,2-4,0 km/h
strömt (s. Strömungstabelle). Wenn wird dann nicht genügend vorhalten, treiben
wir Richtung Süd ab. Und wenn wir richtig vorhalten, kommen wir kaum vorran.
6. Wie geht’s weiter? Nehmen wir an, die Querung
hinüber zum Süderriff von Langeoog kann innerhalb der geplanten Zeit
(-0:45 - -0:15 h HW Helgoland abgeschlossen werden. Sollten die
Gewässerbedingungen unproblematisch sein, können wir nun entlang der Seeseite
von Langeoog paddeln. Lt. Stromatlas strömt es bis + 6 h nach HW Helgoland Richtung West. D.h. auf Samstag, 4.06.05,
bezogen, könnten wir bis 16.58 Uhr immer entlang der Seeseite von Langeoog
Richtung West paddeln. Übrigens, sofern wir fit sind und die Gewässerbedingungen
sich insbesondere in den Gats nicht verschlechtern, könnten wir mit dem
ablaufenden Strom auch vorbei an Baltrum bis zur Westspitze von
Norderney – und wenn wir besonders schnell sind und bei Niedrigwasser das
Gat zwischen Juist und Norderney erreicht haben – mit dem einsetzenden auflaufendem Wasser
durchs Gat hindurch bis nach Norddeich paddeln. Unterwegs ist dabei von
+2 h bis + 3 h nach HW Helgoland entlang der Seeseite mit einer maximalen
Stromgeschwindigkeit von 1,1-1,8 km/h zu rechnen. Lediglich im Gat zwischen
Langeoog und Baltrum bzw. Baltrum und Norderney läuft das Wasser mit einer max.
Stromgeschwindigkeit von 2,5-3,2 km/h hinaus.
Text: U.Beier
Gezeitenkunde-Link: www.kanu.de/nuke/downloads/Gezeitenplanung.pdf
Gezeiten-Link: www.bsh.de/de/Meeresdaten/Vorhersagen/Gezeiten/index.jsp
Strömungs-Link: www.bsh.de/aktdat/modell/stroemungen/kartedb.htm