12.06.2005 Analyse einer Gruppenfahrt mit Flusspaddlern auf der Ostsee (Ausbildung)
Als
Küstenkanuwanderer werde ich von meinen Clubkameradinnen und -kameraden immer mal
wieder betreffend einer „Mitpaddelgelegenheit“ angesprochen. So ergibt es sich
über kurz oder lang, dass ich für sie irgendwann einmal eine Extra-Küstentour
ansetze … und schon ist der „Seenotfall“ vorprogrammiert! Warum? Nun, ich will
darüber kurz berichten.
Zur Situation
Es
geschah an einem sonnigen Junisonntag im Jahr 1988, als ich mit 12
„See-Anfängern“ in Sierksdorf/Ostsee auf’s Wasser ging. Der Wind blies mit 3
Bft. aus NO. Die Wellen waren gerade noch akzeptabel. Drei kleinere
Brandungswellen galt es zu überwinden. Bei Kurs Richtung Timmendorf nahm aber
der Wind auf Stärke 4 zu und kam nun direkt von See, so auch noch der Seegang
vom letzten Sturm des Vortages. Aufgrund der Bodenstruktur (Untiefen) und des
Buchtcharakters (alle Wellen drängten in die Buchtmitte) wurde der Seegang
immer höher und kabbeliger, die Brandungszone reichte teilweise bis zu 200 m
hinaus. Eine Seltenheit für den Badestrand nahe Timmendorf, aber nichts
Ungewöhnliches für den, der die Wetter- und Wasserverhältnisse kennt. Der
Flussfahrer, der zum ersten Mal zur See fährt, ist dann leicht überfordert und
sein Fahrtenleiter auch!
Ich
hatte Mühe, meine Gruppe auf Kurs zu bringen, denn jeder paddelte trotz
Absprache so, wie er es als Flusspaddler gewohnt war: Jeder stieg ein und
paddelte los. Dass zuvor eine Gruppeneinteilung vorgeschlagen wurde und wer zu
welcher Gruppe gehörte, daran erinnerte sich kaum noch jemand … und die Tipps,
wie wir uns bei leichter Brandung verhalten sollten, waren wohl auch nicht so
richtig wahrgenommen worden. So paddelte eine Kameradin gleich nach dem Start
in Richtung offene See quasi gen Bornholm, da sie sich nicht traute, den
Seegang von der Seite zu nehmen. Als ich sie „eingefangen“ und so weit gebracht
hatte, dass sie parallel zum Strand paddelte, vermisste ich einen Kameraden. Er
war, ohne ein Wort zu sage, zurück an den Strand gepaddelt, um seine
Steueranlage zu justieren. Erst nach 500 m fiel mir auf, dass er fehlte. Da der
„Haufen“ so weit auseinander paddelte, dass ein „Rückruf“ nicht mehr möglich
war, meldete ich mich ab, um den letzten zu suchen. Als ich ihn zu fassen
bekam, paddelten wir den anderen hinterher, jedoch immer mit Blick an den
Strand. Konnten doch die übrigen Kanuten zwischenzeitlich ebenfalls angelandet
sein. In Strandnähe entdeckte ich dann auch meine Clubkameradinnen &
-kameraden wieder:
der
Rest befand sich im Brandungsbereich:
Damit
war die Küstentour zu Ende. 2,3 km hatten genügt, um den „persönlichen“ Notfall
zu erleben. Wie aber können wir vermeiden, dass aus einem solchen Notfall
gleich ein „offizieller“ Seenotfall wird?
1. Wetterbericht,
Gewässerschwierigkeiten ….
Vor
einer jeden Küstentour sollte der Seewetterbericht abgehört werden. Aus der
Seekarte lassen sich weiterhin Rückschlüsse auf die zu erwartenden
Seegangsverhältnisse – und bei Tidengewässern – Strömungsverhältnisse ableiten.
Der
Flusspaddler, der zum ersten Mal auf dem Meer paddelt, kann bei Seegang leicht
überfordert werden. Schnell entstehen dann Situationen, die kritisch werden
können. Die folgenden Hinweise beziehen sich auf solche Situationen, nicht auf
„Ententeich“-Bedingungen. Wenn die See spiegelglatt vor einem liegt, ist vieles
leichter. Aber sind wir uns immer sicher, dass die See ruhig bleibt?
2. Ausrüstung
Auf
alle Fälle muss bei einer Küstentour die Ausrüstung stimmen. Z.B.:
Ein Kajak ist aber nur seetüchtig, wenn es kein
Flusswanderkajak und kein Wildwasserkajak ist.
Das Kajak sollte über ein Steuer verfügen
(Ausnahme: echte Seekajaks). Das Steuer sollte stabil, die Steuerleinen
unbeschädigt und fest justiert, sowie vorher passend auf die Körpergröße des Fahrers
eingestellt sein. Dabei sollten wir nicht vergessen: „Kajakschäden auf hoher See sind in den meisten Fällen Steuerschäden!“
Ein solches Kajak sollte am besten doppelt
abgeschottet sein. Spitzenbeutel stellen nur theoretisch eine
Alternative zur Abschottung dar; denn meistens sind sie zu klein, d.h. reichen
nicht bis kurz vor die Füße bzw. kurz hinter dem Rückengurt, oder werden nicht
richtig aufgeblasen, da sie Platz fürs Gepäck machen müssen. Je kleiner aber
die Spitzenbeutel sind, desto schwieriger wird es werden, nach einer Kenterung
das Wasser wieder aus dem Kajak zu bekommen. Dank etwaiger wasserdichter
Packsäcke geht das Kajak nach einer Kenterung wohl nicht unter, aber es ist
dann nur selten in der Lage, zusätzlich auch noch den wieder in die Sitzluke
steigenden „Kenterbruder“ zu tragen.
Als eine Variante der Abschottung kann die „Sackabschottung“,
angesehen werden. Das Schott bildet hier eine Art Kleidersack, welcher im Bug
und Heck ins Kajak geklebt wird. Wer jedoch nicht stets darauf achtet, dass der
„Rollverschluss“ des Schotts nicht richtig verschlossen wird, der braucht sich
nicht zu wundern, wenn nach einer Kenterung mit Ausstieg der Wasserdruck die
Sackabschottung aufdrückt.
Eine Alternative zur Abschottung bieten eigentlich
nur bug- und heckausfüllende Spitzbeutel mit wasserdichtem
Reißverschluss bzw. ein „Kajaksocken“ (Kentersack). Insbesondere
Faltbootfahrern sollten sich überlegen, auf eines dieser beiden
Ausrüstungsgegenstände zurückzugreifen. Bei „Kajaksocken“ ist jedoch zu beachten,
dass sie einen Süllrand erfordern, der den „Kajaksocken“ so fest hält, dass er
sich nicht nach einer Kenterung löst.
Keine Alternative stellt dagegen eine halbe
Abschottung („Heckabschottung“) dar. Nach einer Kenterung mit Ausstieg läuft
nämlich der Bug trotz Spitzenbeutels voll. Der Bug geht halb unter, sodass dann
weder ein kontrolliertes Paddeln bzw. ein effizientes Lenzen möglich ist.
Der „Kajaksocken“ ersetzt u.U., sofern er
wasserdicht ist, die Pumpe, da aufgrund seiner Konstruktion nach einer
Kenterung nicht so schnell so viel Wasser ins Kajak laufen kann.
„Lenzventile“ scheinen sich demgegenüber immer mehr zu einer
„Schönwetter“-Einrichtung herauszukristallisieren. D.h. sie funktionieren bei
einem Kajak nur, wenn wir ohne Gepäck paddeln und die See spiegelglatt ist.
Am besten ist eine fest installierte Hand- oder
Fußlenzpumpe, wobei jedoch die Fußlenzpumpe weniger leistungsfähig ist.
Notfalls reicht auch eine tragbare Handlenzpumpe aus. Auf elektrische
Lenzpumpen sollte wir nur zurückgreifen, wenn wir selber in der Lage sind,
sie zu installieren und zu reparieren. Das Risiko, dass die Elektrik einmal
unterwegs kaputt geht, ist einfach zu groß.
Ansonsten helfen nur die entsprechenden „Rettungstechniken“
(hier: „X-Lenzmethode“), auf die wir uns jedoch auch nur dann verlassen
können, wenn beim Lenzen kein brechender Seegang herrscht, die
Wassertemperaturen akzeptabel sind (unter +15° Wassertemperatur wird es für die
„Kenterbrüder“ ohne Kälteschutz schnell kritisch) und die „Kenterbrüder“ in der
Lage sind, dem Helfer bei der Anwendung der „X-Methode“ zu unterstützen.
Wenn nämlich das Wasser welliger wird, ist es meist
zu spät. Die Schwimmweste lässt sich dann nicht mehr so leicht anlegen. Ein
ängstlicher Kanute aber, der seine Weste nicht mehr überziehen kann, wird
dadurch noch ängstlicher und folglich unsicherer.
Natürlich können wir auch die Auffassung vertreten,
dass das eigene, gut ausgerüstete Seekajak der sicherste Auftriebskörper
ist und folglich die Schwimmweste, insbesondere aber eine ohnmachtsichere
Rettungsweste ersetzt. Was aber ist, wenn ein Kanute unbemerkt von seinen
Kameraden kentert und aus Ungeschicklichkeit bzw. weil er z.B. beim Aussteigen
Wasser geschluckt hat, den Kontakt zum Kajak verliert? Bei Seegang haben es
dann die Kameraden nicht nur sehr schwer, den ohne Schwimmweste knapp an der
Wasseroberfläche treibenden Kameraden zu entdecken, sondern ihn auch wieder
zurück zu seinem abgetriebenen Kajak zu bringen.
Abgesehen davon ist eine Schwimmweste auch sonst noch
recht praktisch. Sie hält warm und kann als Prallschutz dienen.
Wenn das Paddel per „Paddelsicherungsleine“ am
Kajak gesichert ist, können sich sowohl der „Kenterbruder“ als auch sein Helfer
voll um das gekenterte Kajak kümmern, statt mit einer Hand immer wieder das
eigene Paddel zu halten.
Das Paddel sollte dabei über eine Leine nicht am
Kanuten angebunden werden, da dies beim Schwimmen bzw. beim Einsteigen ins
Kajak stören könnte. Die „Paddelsicherungsleine“ sollte ca. 1 m lang sein, aus
einer ca. 6 mm dicken Elastikleine bestehen, am Paddel unverlierbar mit einer
Schlinge befestigt werden und am Kajak selber seitlich am Kartendeck mit einer
ca. 30 mm breiten Steckschnalle (die notfalls mit einer Hand geöffnet werden
kann) gesichert werden.
Trotzdem sollte eine Gruppe zumindest ein
Reservepaddel mitführen.
Denn alles was lose ist, geht u.U. bei einer
Kenterung verloren bzw. stört beim Wiedereinstieg. Natürlich können wir nicht
jeden Gegenstand, der griffbereit zur Verfügung stehen sollte, fest am Kajak
anbinden. Es reicht jedoch, wenn wir hinter der Sitzluke auf dem Achterdeck ein
Gepäcknetz mit einem 6 mm Gummi befestigen und lose Gegenstände unter dem Netz
verstauen.
… und zwar griffbereit. Fallschirmsignalraketen
sind im Seenotfall am geeignetsten, jedoch benötigen wir zu ihrem Erwerb einen
Befähigungsnachweis (sog. „Pyroschein“). Solange wir den nicht haben, ist das „Nico-Signal“
(mit 6 Schüssen) besser als gar nichts.
Bei Küstentouren kann immer Seenebel auftreten. Nur
der Kanute, der Kompass & Karte dabei hat und der den bislang
gefahrenen Kurs immer auf der Karte mit verfolgt hat, ist dann in der Lage,
sich zu orientieren und auf dem kürzesten Weg raus aus dem Fahrwasser und
zurück ans sicher Land zu paddeln.
3. Paddeltechnik
Vor
einer Küstentour ist jeder Mitkanute auf die nötige Paddeltechnik hinzuweisen.
Gerade Seegang & Brandung bzw. böiger Wind können uns unterwegs Probleme
bereiten. Das trifft nicht immer auf Verständnis. Insbesondere dann nicht, wenn
es sich um alte Flusspaddler handelt und die See am Startort spiegelglatt vor
einem liegt.
Insbesondere bei brechendem Seegang paddeln wir nicht
nebeneinander, sondern seitlich versetzt hintereinander. Wenn wir jedoch
nebeneinander oder hintereinander paddeln, dann mit entsprechend großem
Abstand. Je größer die Wucht der brechenden See ist, desto größer muss auch der
Abstand sein; anderenfalls ist eine Kollision mit einem Kameraden nicht
auszuschließen; denn wenn einen ein Brecher erwischt, kann er einen mitnehmen
und auf einen in der Nähe paddelnden Kameraden „schleudern“. Eine Kenterung ist
dann noch das geringste, was passierne kann.
Übrigens, kommt es doch einmal zu einer Kollision,
dann sollte wir nicht mit unseren Händen am Kajak des Kameraden abstützen.
Der erfahrene Kanute blickt beim Paddeln gelassen in
Richtung des anrauschenden Seegangs und ändert nicht seinen Paddelrhythmus, nur
weil da ein paar Wellen „aus der Reihe tanzen“ (jede „Siebte“).
Der „See-Anfänger“ dagegen sollte den Seegang stets
genau beobachten, um rechtzeitig zu erkennen, wenn eine Welle – meist ist es
eine mit einem Schaumkopf – ihm gefährlich werden könnte. Folgende
Möglichkeiten hat er dabei zu reagieren: (1) er paddelt etwas schneller bzw.
langsamer und lässt den Brecher hinter bzw. vor sich vorbeirziehen, (2) er
dreht sein Kajak Richtung Brecher und fährt ihn mit dem Bug von vorne
an. Anschließend nimmt er, wenn der Brecher unter einem durch gerauscht ist,
wieder den alten Kurs auf. Manchmal empfiehlt es sich, wenn wir uns etwas
weiter vom Ufer entfernen, damit wir unterwegs Abstand von dem meist etwas
kabbligeren bzw. brechenden Seegang in der Strandzone halten können. Das gilt
jedoch nur dann, wenn es nicht draußen ebenfalls brandet. Denn wenn wir draußen
kentern, ist der Weg zurück an den sicheren Strand etwas weiter.
Sind wir langsam mutiger geworden und haben wir uns
an den Seegang gewöhnt, können wir auch versuchen, den Brecher von der Seite
zu nehmen. Droht sie einen mitzunehmen – aber nur dann – sollten wir Richtung
Brecher flach oder hoch stützen und zugleich etwas in Richtung Brecher
ankanten. Wir werden dann u.U. fürchterlich nass gespritzt, aber wir kentern
wenigstens nicht.
Kommen die Wellen von hinten, macht das den
erfahrenen Kanuten Spaß; denn sie können Fahrt aufnehmen und mit der Welle
paddeln (surfen). Durch schnelle Steuerschläge per Paddel bzw. Steueranlage
verhindern sie, von der See zur Seite gedrückt (ausbrechen) und
umgeschmissen zu werden. Der „See-Anfänger“ sollte dagegen lieber langsamer
paddeln und durch Bremsschläge verhindern, dass sein Kajak ins Surfen kommt. Er
muss aber wissen, dass das Kajak dann in Schlingerbewegung fährt, d.h. es
schwojt.
Und was machen wir, wenn wir durch die Brandung
anlanden müssen? Nun, letztlich verhält man sich so wie bei achterlichem
Seegang. Wenn ein Brecher sich nähert, bremsen wird die Fahrt unseres Kajaks
herunter, lassen uns vom Brecher überrollen und nehmen anschließend wieder
Fahrt auf usw. Wichtig ist darauf zu achten, dass ein Brecher einen nicht
mitnimmt, querdrückt und umschmeißt. Eigentlich sollten wir, bevor es durch die
Brandung geht, die ankommende See beobachten; denn manchmal gibt es Sequenzen
von kleineren Wellen. Die nutzen wir dann beim Anlanden aus. Sollten wir dabei
kentern und aussteigen bietet es sich an, sich am Bug unseres Kajaks
festzuhalten, und zwar legen wir den Bug am Kopf vorbei über die Schulter,
damit wir in der Brandung nicht noch vom eigenen Kajak aufgespießt werden. Aber
Vorsicht: viele Kajaks haben an ihren Enden Trageschlaufen. In eine solche
Schlaufe darf der „Kenterbruder“ nicht seine Hand fassen; denn wird das Kajak von
einem Brecher um seine Längsachse gedreht, würde sich die Hand automatisch
mitdrehen … und gegebenenfalls brechen.
Übrigens, problematisch ist zuletzt immer das
Anlanden in der Brandung. Meist schmeißt einen der letzte Brecher quer und
hindert einen an einem trockenen Ausstieg. Es ist daher ratsam, wenn einer
erfahrener Kanute als erster durch die Brandung fährt, anlandet und die draußen
wartenden Kanuten der Reihe nach hereinwinkt und an den Strand zieht.
4. Paddeltaktik
Vor
einer jeden Küstentour ist die Taktik zu besprechen, wie zu paddeln ist, d.h.
was bei Gefahrensituationen zu tun ist, welche Route einzuschlagen ist, welche
Pausenplätze anzulaufen sind.
Ist nämlich die Gruppe größer als ca. 5 Kajaks, gibt
es Probleme mit dem Gruppenzusammenhalt. Folglich müssen entsprechend viele
Gruppen zu max. 5 Kajaks gebildet werden, und zwar vor dem Start und nicht
erst, wenn wir uns im kabbligen Seegang befinden. Jeder muss wissen, wer zu
seiner Gruppe gehört. Jede Gruppe startet und paddelt für sich, ohne jedoch den
Sichtkontakt zur nächsten Gruppe zu verlieren. Die „Experten“ sind auf die
Gruppen zu verteilen. Weiterhin ist ein Gruppenleiter zu bestimmen, der dafür
zu sorgen hat, dass „seine“ Gruppe zusammenbleibt.
Alte „Flusspaddler“ halten hiervon meist nicht viel.
Sie wollen schon auf’s Wasser, wenn die anderen noch ihre Kajaks packen;
paddeln los, ohne sich um die anderen zu kümmern; gehen an Land, wann sie
wollen, ohne sich abzumelden; paddeln hinterher oder vorne weg, ohne zu
schauen, wo die anderen sind. Dass irgendwelche Kameraden im Seegang Angst
haben, dass die ängstlichen Kameraden etwas Ermunterung benötigen, fällt ihnen
nicht ein; dass ein Kamerad abfällt, weil er nicht mit dem Seegang zurecht
kommt, wird ignoriert. Hauptsache er hat seinen Spaß. Und wenn er selber einmal
kentert, ja dann ruft er nach der Gruppe, die er nicht mehr sieht und die einen
nicht finden und folglich auch nicht helfen kann.
Übrigens, die Gruppe richtet sich nach dem Schwächsten
(d.h. dieser bestimmt das Tempo) bzw. nach dem Ängstlichsten (d.h.
dieser bestimmt den Kurs, auch wenn ein kleiner Umweg in Kauf genommen werden
muss). Unter Umständen ist ein Kurs gegen den Seegang einzuschlagen, auch wenn der
Kurs mit See von der Seite die kürzere Strecke ist, da eine Kenterung sie zur
zeitlich längeren Strecke werden lassen könnte!
Wenn in einer Gruppe „schwache“ Kanuten sind (wir erkennen
sie meist daran, dass sie die Wellen von vorne nehmen, egal welcher Kurs
angesetzt ist!), sollte ihre Betreuung durch erfahrenen Begleiter gesichert
sein.
Bei der Kursvorgabe ist dabei darauf zu achten, dass
jene Schwierigkeiten zu meiden sind, die die Gruppen in Gefahr bringen könnten
(z.B. Grundseen/Untiefen, Brandung/Strandnähe, Kabbelwasser/Steilküste;
Wind-gegen-Strom; Schiffsverkehr).
Bei Seegang fühlen sich anfänglich die meisten
See-Anfänger unwohl, auch wenn es nicht jeder zugeben will. Deshalb sollte zu
Beginn einer Tour – sofern sinnvoll – eine „Angstrunde“ zur Senkung des
„Adrenalinspiegels“ gedreht werden. D.h. alle Kanuten fahren einmal auf die
kabblige See hinaus, machen dort einen großen Bogen und landen dann wieder an.
So kann sich ein jeder an den Seegang gewöhnen, Fragen stellen, frischen Mut
schöpfen, sich „austoben“ oder sich dazu entschließen, an Land zu bleiben.
Außerdem ist nun jeder eher motiviert, Gruppendisziplin zu wahren.
Ja, … und was macht wir nun, wenn ein „See-Anfänger“
kentert. Auf alle Fälle fahren wir nicht dauernd um den „Kenterbruder“ herum
und warten auf die Welle, die uns endlich auch selber ‚reinschmeißt. Vielmehr
fährt einer an das gekenterte Kajak heran und hält sich an dessen Süllrand
fest. Ein solches Päckchen bildet eine sehr stabile Einheit. Kaum eine Welle
vermag einen umzuschmeißen. Befindet wir uns jedoch mitten in der
Brandungszone, sollten wir lieber abwarten, bis der „Kenterbruder“ mit seinem
Kajak in einen Bereich getrieben wird, wo die Wellen nicht mehr mit solcher
Wucht brechen. Erst dann sollte dem „Kenterbruder“ beim Wiedereinstieg geholfen
werden.
Und was machen die übrigen Gruppenmitglieder, die
nicht helfen können? Auf alle Fälle sollten sie nicht gleich ans „rettende“
Ufer paddeln. Vielleicht sind dort Felsen oder es steht dort eine steile
auftürmende Brandung. Am besten bleibt jeder bei seiner Gruppe, dreht den Bug
Richtung einlaufender See, hält seine Position, ohne allzu viel abzutreiben,
und wartet erst einmal ab, bis der „Kenterbruder“ wieder fahrbereit ist.
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Nicht
alles ist hier niedergeschrieben worden. Einiges fehlt, z.B. der Hinweis, dass
der erste „Kenterbruder“
erstaunlicherweise in der Lage war, nach der Kenterung unter Wasser in der
Sitzluke hängend zu schwimmen. Leider half ihm das nicht viel; denn keiner
der Kameraden traute sich, längsseits zum „Kenterbruder“ zu gehen, damit dieser
sich am Kajak des Helfers hochziehen konnte (sog. „Eskimorettung“). Es fehlt
auch der Hinweis, dass ein „See-Anfänger“ sich nicht blind auf einen Experten
verlassen sollte. Nicht immer kann dieser einen helfen. Spätestens wenn die
Zahl der „Kenterbrüder“ die Zahl der Experten übersteigt, ist mit
Schwierigkeiten zu rechnen. Nicht jedem Hilfsbedürftigen kann dann sofort
geholfen werden. Der zuverlässigste Helfer ist dann der nahe Strand … und dort
sollten sie daher auch bleiben, wenn es draußen zu stark windet & wellt (ab
4-5 Bft. Wind)… und gerade deshalb fuhr ich mit meinen 12 Clubkameradinnen und
–kameraden nur dicht am Badestrand der Neustädter Bucht entlang.
Text: U.Beier (30/06/88)