02.12.2005 Überlebenschancen im kalten Wasser (Ausbildung)
Im Internet ist ein Beitrag
der Ärztin Jane Blockley:
„Kaltes Wasser – Wie du deine Überlebenschance
vergrößerst“
abrufbar (è www.leoblockley.org.uk/documents/KaltesWasser.pdf
), in dem ausführlich die Gefahren herausgearbeitet werden, die einem kaltes
Wasser bereiten kann. Am Ende des Beitrages arbeitet die Autorin eine „Kaltwasser-Überlebens-Checkliste“
heraus, die insgesamt 17 Checkpunkte enthält.
Im Folgenden werden diese
Checkpunkte zu 16 Punkten zusammengefasst und von mir kommentiert; denn der
Beitrag selber wendet sich in erster Linie an Ruderinnen und Ruder. Meine
Anmerkungen sollen dazu dienen, den Kanutinnen und Kanuten zu verdeutlichen,
welche Relevanz die einzelnen Punkte der Checkliste für sie haben, wenn sie
insbesondere bei Kalt-Wasser-Bedingungen auf ein Großgewässer hinauspaddeln.
(1) „Unternimm an erster Stelle alles, damit du nicht ins
Wasser fällst.“
Beim
Kalt-Wasser-Paddeln sollten wir darauf verzichten, mit Material zu paddeln,
welches besondere Anforderungen an unser Können stellt. D.h. wir sollten
vermeiden, mit einem Kajak bzw. Paddel unterwegs zu sein, das wir noch nicht so
richtig beherrschen. Auch sollten wir nicht mit Handschuhen gleich auf Tour zu
gehen, an deren Material wir uns noch nicht so recht gewöhnt haben.
(2) „Übe alle relevanten Techniken.“
Beim
Kalt-Wasser-Paddeln gilt es grundsätzlich darum, eine Kenterung zu vermeiden.
Wer also nicht die nötigen Stütztechniken (zumindest: flache Paddelstütze)
beherrscht, sollte lieber an Land bleiben. Und für den Fall, dass trotzdem
gekentert wird, sollten wir wissen, wie die nötigen Rettungstechniken
(zumindest: Ausstiegsmethoden sowie Parallel- und V-Wiedereinstiegsmethoden)
angewendet werden.
(3) „Lerne, wie das Eintauchen in kaltes Wasser die
körperlichen und geistigen Fähigkeiten beeinflusst.“
Wer
plant, bei kaltem Wasser zu paddeln, sollte zunächst einmal bei warmen und
anschließend bei kalten Bedingungen das Kentern üben. Und wer nicht bereit
wäre, spätestens bei Antritt einer Tour zu kentern, sollte eigentlich auf die
Tour verzichten.
(4) „Steige nicht ins Boot, wenn du krank, müde, hungrig,
durstig bist oder unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen stehts.“
Spätestens
nach einer Kenterung im kalten Wasser werden vom Körper Höchstleistungen
abverlangt, die er nur dann über eine längere Zeit bringen kann, wenn er nicht
geschwächt ist. Wer also im Winter unausgeschlafen in sein Kajak steigt und
dann stundenlang paddelt, ohne zwischendurch sich mit Getränk und Verpflegung
zu versorgen, braucht sich nicht zu wundern, wenn er nicht mehr die Kraft hat,
zu seiner eigenen Rettung beizutragen. Das gilt erst recht bei den anderen,
oben aufgeführten Schwächen (hier: Krankheit, Alkohol-/Drogenkonsum). Deshalb
gilt auch die Regel, mindestens 5 Tage fieberfrei zu sein, bevor uns bei
Kalt-Wasser-Bedingungen aufs Wasser trauen.
(5) „Ziehe dich passend an. Bedecke deinen Kopf. Überlege
es dir, eine Rettungsweste anzulegen.“
Kälteschutz
und Rettungsweste sollten wir bei jeder Kalt-Wasser-Tour tragen. Ein Long-John
schützt dabei weniger als ein Trockenanzug, aber natürlich mehr, als wenn nur
Fleece-Bekleidung getragen wird. Neo-Kappe, Fuß- und Handschutz und u.U. eine
weitere wind- und wasserdichte Jacke vermindern zusätzlich das Risiko der
Unterkühlung. Übrigens:
(6) „Prüfe die Umstände jeder Ausfahrt sorgfältig, um
deine eigene Rettung zu planen, und sei darauf vorbereitet, Vereinbarungen
entsprechend anzupassen oder die Ausfahrt abzusagen, wenn die Gefahr zu groß
ist.“
Bevor
es aufs kalte Wasser hinaus geht, sollten wir den aktuellen (See-)Wetterbericht
abhören und uns bewusst sein, dass wir auf einem Großgewässer schon ab 3 Bft.
in arge Schwierigkeit geraten können. Wir sollten außerdem auf eine Kenterung
und darauf vorbereitet sein, Hilfe herbeirufen zu können (z.B. per Handy,
Seenotsignalmitteln, UKW-Sprechfunk, Seenotbake). Schließlich sollten wir uns
nicht scheuen, unterwegs, wenn es kritischer wird, weniger schwierige Bereiche
anzupaddeln.
(7) „Vermeide, alleine oder ohne Sicherung zu fahren.“
Zu
dritt zu paddeln ist immer besser als zu zweit und zu zweit ist garantiert
vernünftiger als solo. Eine Ausnahme von dieser Regel gäbe es eigentlich höchstens
dann, wenn wir uns sicher sind, stets dicht entlang des Ufers im hüfttiefen
Wasser paddeln zu können.
(8) „Wenn du ins Wasser fällst, versuche die Lage des
Untertauchens zu kontrollieren, um zu vermeiden, dass du Wasser in Nase oder
Rachen bekommst.“
Wir
können eine Kenterung nur dann kontrolliert beherrschen, wenn wir dies vorher
immer und immer wieder mal geübt haben. Da wir Kanuten alle Schwimmer sind,
sind wir auf eine Kenterung im Sommer irgendwie vorbereitet. Aber sind wir auch
„Winterschwimmer“? Verneinen wir dies, müssten wir uns vor jeder Fahrt fragen,
woher wir es ableiten, auch ohne Probleme im Winter kentern, aussteigen und an
Land schwimmen zu können?
(9) „Konzentriere dich während des Kälteschocks auf das
bewusste Atmen und darauf, Mund und Nase aus dem Wasser zu halten.“
Ein
Kälteschock kann zu plötzlicher Atemnot, zu unkontrolliertem, hektisch Atmen,
sogar zur Orientierungslosigkeit unter Wasser führen bzw. einen Kälteschmerz
auslösen, der uns für einige Zeit handlungsunfähig macht. Uns muss dies bewusst
sein, damit wir nicht in Panik geraten, wenn wir plötzlich einen solchen
Kälteschock erleiden, und uns voll darauf konzentrieren können, den manchmal
nur wenige Sekunden, manchmal auch bis zu 5 Minuten andauernden Schockzustand
zu überwinden.
(10) „Halte dich an irgendwas fest und versuche deinen Rumpf
so weit wie möglich aus
dem Wasser zu bekommen.“
Das
dürfte uns Kanutinnen und Kanuten nicht schwer fallen; denn wir haben neben uns
unser Kajak. Wir dürfen es daher nach einer Kenterung nicht verlieren; d.h. das
erste was wir nach einer Kenterung mit Ausstieg unternehmen müssen, ist, sofort
den Griffkontakt zu unserem Kajak wieder herzustellen. Wenn ein Kajak mit
Halteschlaufen, Toggles bzw. Rettungshalteleinen ausgerüstet ist, fällt uns das
sicherlich viel leichter. Gelingt uns das nicht, weil es u.U. abgetrieben oder
mangels genügendem Auftrieb (z.B. wegen fehlender Spitzenbeutel bzw. doppelter
Abschottung) keinen Halt bietet, müssen sofort die begleitenden Kameradinnen
und Kameraden versuchen, dem „Kenterbruder“ zu ermöglichen sich an eines ihrer
Kajaks festzuhalten. Wenn der „Kenterbruder“ Halt gefunden hat und sich
beruhigt hat, ist zu versuchen, ihn möglichst schnell aus dem Wasser heraus zu
holen, und zwar entweder in sein eigenes Kajak (z.B. über eine
Wiedereinstiegsmethode; wobei es zunächst irrelevant ist, ob die Sitzluke voll
Wasser ist) bzw. auf ein anderes Kajak. Dabei ist es im letzteren Fall
hilfreich, wenn die den „Kenterbruder“ begleitenden Kameradinnen und Kameraden
mit ihren Kajaks ein Päckcken (Floß) bilden, auf das der „Kenterbruder“ sich
hoch robbt.
(11) „Nimm dir die Zeit, unter den gegebenen Umständen den
besten Weg zur Rettung zu
durchdenken.“
Wir
sollten bedenken, dass wir uns nach einer Kenterung mit Ausstieg in einer -
zumindest subjektiv empfunden - kritischen Situation befinden, die uns sogar in
Panik versetzen kann. Die Kameraden, die in ihren Kajaks sitzen, können in
einer solchen Situation – sofern sie „kühlen“ Kopf bewahren – eher eine
Entscheidung treffen, die zu einer schnellen Rettung führen kann. Wir sollten
uns daher als „Kenterbruder“ ihnen anvertrauen, statt allein starrsinnig bzw.
panisch nach einer Rettungsmöglichkeit zu suchen.
(12) „Drehe deinen Rücken zu den Wellen.“
Gekentert
wird meistens bei Strömungs-, Wind- bzw. Dampferwellen. Wenn wir also nach
einer Kenterung aussteigen und im Wasser treiben müssen, ist es wichtig, dass
unser Gesicht nicht den u.U. brechenden Wellen frontal ausgesetzt ist. Deshalb
gibt es auch extra Rettungswesten, die mit einem „Spray-Cap“ ausgerüstet sind,
welches uns davor schützen soll, dass wir im Seegang deshalb ertrinken, weil
wir die übers Wasser fliegen Gischt bzw. die über uns brechende See einatmen.
(13)
„Wenn du eine Rettungsweste trägst, versuche durch geeignete Haltung den
Wärmeverlust
zu minimieren.“
Der
Wärmeverlust ist dann am geringsten, wenn wir uns im Wasser zusammenkauern. Mit
dieser sog. „Embryo-Haltung“ (= Kopf aus dem Wasser, Arme verschränkt über die Brust,
Oberschenkel dicht zusammengepresst, Knie angewinkelt, Fußknöchel überkreuzt)
sollen wir unsere Überlebenszeit um bis zu 100 % erhöhen können.
(14) „Halte so still wie möglich. Vermeide unnötige
Manöver.“
Spätestens
dann, wenn wir erkennen, dass wir nach einer Kenterung nicht wieder in unser
Kajak kommen, sollten wir uns mit unserer Kenterung abfinden, uns ruhig
verhalten und lediglich Ausschau halten, ob uns jemand retten könnte. Werden
wir endlich entdeckt, sollten wir uns nur dann bewegen, wenn das das Auffinden
erleichtert; denn jegliche Bewegung wie Schwimmen oder Wassertreten vergrößert
Wärmeverlust um bis zu 40%.
(15)
„Schwimme nur als letzten Ausweg und versuche irgendwas als Rettungsfloß zu
benutzen.“
Die
meisten Todesfälle nach einer Kenterung passieren dann, wenn wir den scheinbar
kurzen Weg vom Ort der Kenterung hinüber zum sicheren Ufer bzw. Rettungsboot
schwimmend überwinden wollen. Nur wenn überhaupt keine Retter alarmiert werden
können, sollten wir versuchen, an Land zu schwimmen. Wir sollten das jedoch
möglichst nur dann wagen, wenn wir eine ohnmachtsichere Rettungsweste tragen
bzw. uns an unserem Kajak festhalten können. Übrigens, der Grund dafür, dass
wir im kalten Wasser ganz plötzlich nicht mehr schwimmen können, liegt an der
langsam immer steifer werdenden Muskulatur bzw. an Krämpfen, die durch die
Unterkühlung ausgelöst werden.
(16)
„Wenn sie aus dem Wasser raus sind, sollen sich von der Kälte angegriffene
Opfer
hinlegen,
eingepackt werden und sich bewegungslos verhalten, während man den
Transport
ins Krankenhaus erwartet.“
Je
weiter der Unterkühlungsprozess fortgeschritten ist, desto kritischer ist der
Zustand des „Kenterbruders“. Aus dem Wasser, aus dem Wind (z.B. Zelt als
Windschutz) und in die Wärme (z.B. Isolierdecke bzw. Schlafsack) ist nur eine
Maßnahme. Seinen Körper flach und möglichst „bewegungslos“ halten ist eine
weitere Maßnahme, letztlich um auch zu verhindern, dass der Kreislauf das kalte
Blut der Beine und Arme in den Rumpf pumpt („After-Drop“). Spätestens wenn das
„Opfer“ das Stadium des „Kältezitterns“ überschritten hat in Richtung der
nächsten Unterkühlungsstadien (Erschöpfungsphase/Muskelsteife bzw.
Lähmungsphase/Muskelstarre) sollte Rettung von außen angefordert werden.
Übrigens, die Quintessenz
dieses Beitrages fasst die Autorin in den folgenden 5 Schlüsselbotschaften zusammen:
Anmerkungen: U.Beier – www.kanu.de/kueste/
Link:
è www.leoblockley.org.uk/documents/KaltesWasser.pdf
è www.kanu.de/nuke/downloads/Gefahr-Unterkuehlung.pdf
----------------------------------