04.02.2006 Richtig Surfen (Ausbildung)
Richtig zu surfen, muss gelernt sein. Wer es kann,
hat einen weiteren Grund, sich beim Küstenkanuwandern zu freuen; denn Surfen
heißt mit dem Seekajak in einen Tempobereich vorzustoßen, denn wir ansonsten nicht
erreichen können.
Folgende Aspekte sind beim Surfen von Interesse:
- Gewässerbedingung: Gesurft werden kann bei achterlichen
Seegangsbedingungen (verursacht durch achterlichen Wind, aber auch durch
achterlich einlaufende Dampferwellen), sowie bei Strömungswellen
(zurückzuführen auf Engstellen, durch die der Gezeitenstrom fließt).
- Seekajakanforderungen: Seekajaks mit Kielsprung bzw. mit voluminöserem
Heck werden von einer Welle leichter mitgenommen und kommen somit auch
schon bei relativ kleineren Wellen
ins Surfen. Seekajaks ohne Kielsprung bohren sich dagegen beim
Surfen in die vor einem liegende Welle. Wer das nicht verhindert, dessen
Seekajak kerzt bzw. bricht aus.
- Ausrüstungsanforderungen: Wer über ein Seekajak mit Steuer
verfügt, das nicht sofort in der Luft hängt, wenn eine Welle das Heck
anhebt, kann am effizientesten sein Seekajak auf Surfkurs halten. Verfügt
das Seekajak nur über ein Skeg, ist es nicht ganz unstrittig, was
besser ist: das Skeg voll draußen zu lassen; denn dann bricht es nicht so
schnell aus, oder ganz reinzuziehen; denn dann können wir ein
ausbrechendes Seekajak leichter wieder zurück auf Kurs bringen. Übrigens,
mit Skeg ist es nur Kanuten mit ausgefeilter Paddeltechnik möglich, auch
bei raumer Welle, d.h. Seegang schräg von hinten, zu surfen.
- Paddeltechnikanforderungen: Wer über ein effizient arbeitendes Steuer
verfügt, kann sich beim Surfen voll auf das Tempomachen konzentrieren.
Alle anderen müssen mehr oder weniger häufig mit Hilfe von Steuerschlägen
(hier: Ziehschlägen bzw. Heckruder) versuchen, ihr Seekajak am Ausbrechen
zu verhindern, bzw. mit Hilfe von Stützschlägen (hier: flache bzw. hohe
Stütze) versuchen, kipplige Situationen beim Ausbrechen ihres Seekajaks zu
meistern.
- Surftaktik: Surfen können wir, wie gesagt, nur bei Seegang,
der mehr oder weniger direkt von achtern angelaufen kommt. Das Surfen
fällt einem am leichtesten, wenn die Wellen direkt von hinten kommen.
Nähern sie sich nämlich seitlich von hinten, neigen unsere Seekajaks dazu,
sofort auszubrechen und sich quer zur Welle zu legen. Haben wir unser
Seekajak so ausgerichtet, dass die Wellen direkt von hinten kommen, leiten
wir – sobald die einlaufende Welle beginnt, das Heck unseres Seekajaks
anzuheben - das Surfen einen, indem wir (a) unseren Oberkörper nach vorne
verlagern und (b) mit kräftigen Paddelschläge unsere Seekajak
beschleunigen. Die Welle und der Surf ist dann perfekt, wenn unsere
Seekajak in ganzer Länge auf der vorderen Hälfte (= „Gefällstrecke“) der
Welle zu liegen kommt und liegen bleibt. Die Beschleunigung unseres
Seekajaks per Paddelschlag muss so kräftig & feinfühlig erfolgen, dass
wir das Tempo der Welle erreichen, dabei aber nicht zu schnell werden und
der Welle davon eilen (hier: bei Brandungswellen) bzw. in die vor unsere
Surfwelle liegende Welle bohren (stechen), was zum Kentern oder Ausbrechen
unseres Seekajaks führen könnte. Sobald unsere Seekajak anfängt zu bohren,
sollten wir unseren Oberkörper etwas nach hinten verlagern und
gegebenenfalls mit Konterschlägen zu bremsen.
- Surfvermeidungstaktik: Nicht jedermann bzw. jedefrau möchte ins Surfen
kommen. Spätestens bei Brandungsbedingungen bzw. ab einem 6er Wind können
Kenterungen nicht mehr ausgeschlossen werden. Wer nicht surfen will, muss
folglich das Surfen verhindern, d.h. er darf nicht beschleunigen, wenn
sich hinter ihm Seegang aufbaut und droht, einem mit seinem Seekajak
mitzunehmen. Notfalls sind im schnellen Wechsel links & rechts
Bremsschläge auszuführen und der Oberkörper nach hinten zu verlagen, damit
die einem kritisch erscheinende Welle möglichst schnell unter einem
durchläuft.
- Kopfschutz: Sollte gezielt in Brandungsbereich gesurft
werden, wo der Gefahr der Bodenberührung besteht, empfiehlt es sich, einen
Schutzhelm zu tragen.
Ein ganz
(un)gewöhnliches Surferlebnis?
Es geschah Anfang März vor 2 Jahren auf der
Unterelbe. Von achtern näherte sich der 280x40 m große Containerfrachter „Cosco
Hamburg“ (Tiefgang: ca. 11,5 m)und setzte zum Überholen an. Als er schon fast
passiert war, wurde das überholende Boot von den achterlichen Heckwellen des
Überholers „gepackt“ und – wie wir Seekajakfahrer es gewohnt sind, wenn wir
nicht per Steuerausschlag, Ziehschlag bzw. Heckruder gegensteuern bzw. per
Bremsschlag unser Kajak so abbremsen, dass die Welle unter uns durchläuft, ohne
uns mitzunehmen – zunächst etwas
abgebremst, dann aber auf das Tempo des Containerfrachters beschleunigt, wobei
es anfing, Richtung des Überholers auszubrechen. Trotz hart Gegenruder war eine
Kursänderung nicht mehr möglich. Die dann eingeleitete Bremsaktion konnte die
Kollision auch nicht mehr verhindern. Durch die Wucht des Zusammenstoßes neigte
sich das überholte Boot voll zur Seite und ließ einen Mann über Bord gehen.
Interessant an diesem Fall ist, dass das überholte
Boot kein Seekajak, sondern ebenfalls ein Containerfrachter war, nämlich die
101x18 m große „Nedlloyd Finland“ (Tiefgang: ca. 6,50 m). Der über Bord
gefallene Matrose wurde ca. 55 Minuten später aus dem märzkalten Wasser der
Elbe geborgen. Eine Wiederbelebung war nicht erfolgreich.
Die Bundesstelle für Seeunfall-Untersuchung (BSU)
ließ die Kollision untersuchen. Folgendes wurde dabei festgestellt:
- Der Passierabstand zwischen beiden Containerfrachtern lag bei knapp
100 m.
- Der Überholer fuhr etwa 15 kn und der Überholende etwa 13,5 kn
schnell.
- Als der Überholer schon fast vorbei war, verringerte sich die Fahrt
des Überholenden auf etwa 10,5 kn, um dann innerhalb von 1 Minute auf etwa
15 kn zuzunehmen.
- Die durch den Überholvorgang ausgelöste „Backborddrehtendenz bei
gleichzeitiger erheblicher Geschwindigkeitszunahme“, d. h. das Ausbrechen
des Überholenden in Richtung Überholer war auf hydrodynamische
Interaktionen („Sogwirkung“) zwischen den beiden Boote und die vom
Überholer erzeugte Wasseroberflächenverformung („primäres
Wellensystem“).
- Die Kursänderung ist teilweise aber auch durch die „Gefällekraft
durch das Primärwellensystem des Überholers verantwortlich“.
Übrigens, das Ausbrechen des Überholenden wurde vom
Überholer nicht bemerkt, da er davon ausging, dass der Überholvorgang
abgeschlossen war. Und der über Bord gefallene Matrose wurde nach ca. 55
Minuten aus dem märzkalten Wasser der Elbe geholt. Eine Wiederbelebung blieb
jedoch erfolglos.
Für das Küstenkanuwandern bringt dieser Fall eigentlich
nichts Neues. Manche von uns sind schon seit jeher von dieser „Gefällekraft des
Primärwellensystems“ so fasziniert, da sie ihnen die Möglichkeit zum Surfen
bietet.
Andere dagegen fürchten sich vor ihr, da sie nicht
sicher sind, ob sie die von hinten anrauschenden Wellen beherrschen können. Sie
ändern daher ihren Kurs und nehmen die kritischen Wellen lieber von vorne oder
nehmen „reiß aus“! Welche Kurskorrektur vorgenommen wird, sollte jedoch mit
Bedacht gewählt werden. Insbesondere ein Entfernung vom überholenden Schiff ist
dann nicht zu raten, wenn wir uns dabei in ein Gebiet mit Untiefen oder gar –
bei Flüssen – in Ufernähe begeben; denn dort können sich dann solche
„Dampferwellen“ zu Grundseen aufbauen, die dann als Brecher enden. Eine Kenterung
ist dann wirklich nicht mehr auszuschließen!
Text: U.Beier – www.kanu.de/kueste/
Link:
BSU-Untersuchungsbericht: www.bsu-bund.de > Aktuelles >
Unfallbericht 45/04