03.03.2006 Aphorismen II (Ausbildung)
Aphorismen sind Lebensweisheiten, von denen wir recht
wenig in den gängigen Berichten über Touren entlang der Küste finden. Eine
Ausnahme hiervon macht Alfred A. Lange.
Sein im SEEKAJAK unter dem Titel:
„Cast a cold eye …“ (3 / Schluss)
erschienener Beitrag, der von einer Tour entlang der
westirischen Küste berichtet, ist nur so gespickt mit solchen
„Paddlerweisheiten“:
- „Jedes
Lospaddeln vom Ufer beinhaltet eine wachsende Entfernung von Zäunen,
Mauern, Verbotsschildern und all den anderen Fesseln, mit denen Menschen
ihr territoriales Besitzdenken manifestieren. Oder, anders betrachtet.
Paddeln auf dem Meer ist eine Annäherung an Freiheit.“
- „Hoch
aufgebaut auf einer Klippe, dicht neben einem Felsen, der sich in Todesgier
weit ins Leere hinüberlehnt. Die Enge im Zelt war unbeachtlich: Seele
braucht mehr Raum als ein Körper. Der vom Zelt eingerahmte Ausblick aufs
Wasser war wichtig. Vogelperspektivische Plätze nahe am Meer schienen am
geeignetesten für horizontsüchtige Träumer.“
- „Ein
Mann, dem das Leben die Mundwinkel nach unten gezogen hatte, warnte, ich
würde umkommen da draußen auf dem Meer. Die Warnung ließ mich kalt.
Wirklich gute Propheten warteten solange mit ihrer Vorhersage, bis das
Ereignis, das sie vorhersagten, auch tatsächlich eingetroffen war.“
- „Eigenheit
des menschlichen Denkens bei einer Begegnung mit dem Unbekannten. Man
nähert sich ihm immer zunächst nur mit einem Rückgriff auf das schon
Bekannte. Man versucht, die alten Erfahrungen auf das Neue, das
Unbekannte, zu übertragen. Naturgemäß ist diese Vorgehensweise
unvollkommen. So auch hier: der prophetische Warner hatte nie selbst
gepaddelt. Zwangsläufig ging er davon aus, nur große Boote seien geeignet
zur Bewältigung einer längeren Passage offener See.“
- „Wie
soll man Paddeln in diesem Umfeld beschreiben? Man muss sich wohl mit den
vollmundigen Adjektiven emotionaler Überwältigung behelfen: Hinreißend,
phantastisch, faszinierend. Das sagt nicht viel. Diese Worte beschreiben
allein den rauschartigen Zustand, den Paddeln, einer Droge gleich,
auszulösen vermag in den Momenten nach Verlassen sicheren Landes. Paddeln
in einem derartigen Rauschzustand gleiche einer kultischen Handlung.“
- Beim Paddeln entlang der westlichen Klippen der
Irischen See „spürt man ein Gefühl
diffuser Beklemmung. Vor einem die brandende See, von wirbelndem Grün
erfüllt; Wellen, bekränzt von schneeartigen Gischtgebilden und in den
rechteckigen Felsbecken eine ruhige, unergründliche Tiefe: Lockend und
bedrohend zugleich. Wenn dann noch Nebel um die Felsen wogt, mag man
erkennen, dass die Wirklichkeit oft phantastischer ist als das
Phantastische selbst.“
- „Man
paddelt die westliche Steilküste entlang und fühlt sein Alleinsein in
rauem Umfeld. Die Unzulänglichkeit der Steilküste, die sich laufend
verändernden Bedingungen der See, das nicht berechenbare, jenseits der
nächsten Klippe. Schnell lernt man, nie einer Realität jenseits der
Sichtbaren trauen. Anhängern der These, leben sollte eine Mischung sein
aus Alleinsein und Karneval, gibt diese exponierte Steilküste eine
faszinierende Möglichkeit zum Rückzug.“
- „Das
Paradies war, einerlei was die Bibel auch immer sagt, niemals ein Garten,
sondern eine friedliche, im Sonnenlicht gründlich – funkelnde Meeresbucht.
Quelle: SEEKAJAK, Nr. 100/06, S.24-29
– www.salzwasserunion.de
s. auch SK 97 + 98/05 bzw.
Aktuelle Info v. 11.09.05 (Ausbildung)