29.04.2006 Kenterung auf hoher See (Ausbildung)
Im SEAKAYAKER berichten Leif Erickson, David Workman und George
Gronseth in dem Beitrag:
„Duck Island Rescue“
über den folgenden
Seenotfall:
Drei Kanuten (Leif, Morris
und Dave) paddelten Mitte August 2005 auf dem Lake Ontario (Kanada) vom Ufer
aus hinaus zu einer ca. 16 km entfernt liegenden Inselgruppe, um dort für eine
Nacht zu campen. Die Kanuten bezeichnen sich als erfahrene Kajakfahrer, die
jedoch über keine Off-Shore-Erfahrungen verfügen. Der See selber ist so groß,
dass bei entsprechender Windrichtung und –stärke sich Wellen wie auf dem Ozean
bilden können. Das Wasser war 23° C warm, sodass weder ein Neo noch eine
Paddeljacke angezogen wurde. Vor dem Start wurde der Wetterbericht abgehört,
der nichts Außergewöhnliches prognostizierte. Leif und Morris verfügten über
Seekajaks, Dave über ein weißes Flusswanderkajak (396x61 cm; mit fester
Flosse). Ausgerüstet waren sie mit Kompass, GPS, Reservepaddel, Paddel-Float,
Handlenzpumpe, Wurfsack, Seenotsignalmittel und Handy.
Morgens um 9 Uhr starteten
sie. Als sie den Wellenschutz des Ufers verließen, nahm der Seegang allmählich
auf ca. 90 cm zu. Seinen Höhepunkt erreichte er unmittelbar vor der angepeilten
Insel, dort wo ein paar Untiefen zu verzeichnen waren. Die Wellenhöhe stieg um
dass 2-3-fache an (= 1,80 – 2,70 m). Die höchsten Wellen erreichten ca. 3 m.
Der Wind und auch die See kam halb von hinten mit 4-5 Bft. (28 km/h). Leif
hatte Probleme mit seinem rot-gelben „Nordkapp HM“ (Valles)(mit fester
Flosse), Kurs zu halten, da sein Kajak immer ausbrechen wollte. In der
Zwischenzeit war es 11.30 Uhr, d.h. sie hatten für die bislang zurückgelegten
ca. 15 km 2:30 h gebraucht.
Plötzlich kenterte Morris,
der in dem anderen Seekajak, ein grüner „Solstice“ (Current Designs),
paddelte. Er pfiff sofort mit seiner Signalpfeife und konnte so auf sich
aufmerksam machen. In dem Seegang hatten Leif und Dave Schwierigkeiten, den
„Kenterbruder“ im Auge zu behalten. Leif war als erster beim Kenterkajak und
hielt es am Cockpit fest, was ihm jedoch nicht leicht fiel, da der steile
Seegang sein Kajak aufs Deck des Kenterkajaks trieb. Morris, ein großer,
korpulenter Kanute, versuchte nun über das Achterdeck in die Sitzluke seines
Kajaks zu klettern. Aber er hatte nicht die Kraft, Beweglichkeit &
Ausdauer, es zu schaffen, sodass schließlich auch Leif die Kräfte verließen,
das Kenterkajak einstiegsbereit zu halten.
So entschied sich Leif dazu,
das Seekajak von Morris samt Morris – im Wasser treibend – zu schleppen. Morris
holte daraufhin seinen Wurfsack heraus und befestigte die Leine am Bug seines
Kajaks und am Heck des Kajaks von Leif. Sie waren noch ca. 1,5 km von der Insel
entfernt. Leif versuchte daher Morris samt seinem Kajak ins Lee der angepeilten
Insel zu schleppen. Irgendwie kam jedoch Leif nicht voran. Als die nächsten
größeren Wellen eintrafen, konnte sich Leif noch mit einer flachen
Paddelstützen vorm Kentern retten. Irgendwann aber kenterte er doch noch und
musste aussteigen. Morris half ihm beim Wiedereinstieg, was auch sofort
gelangt. Leif schloss die Spritzdecke und lenzte mit der – bei älteren
britischen Seekajaks noch üblichen hinter de Sitzluke montierten Handlenzpumpe.
Da das zu beschwerlich war, zog er es vor, die Handlenzpumpe von Morris zu
benutzen. Bei der nächsten Gruppe größere Wellen behindert das im Schlepp
hängende Kenterkajak Leif am Stützen, sodass er erneut kenterte.
Alle erkannten, dass sie
sich in Seenot befanden. Morris holte daraufhin sein Handy aus einem seiner
Gepäcksäcke heraus, bekam jedoch keinen Funkkontakt. Dabei wurde er von einer
Welle überspült, sodass das nicht wasserdicht verpackte Handy nicht mehr weiter
funktionstüchtig war. Sie entschlossen sich daraufhin, Dave in seinem
Flusswanderkajak, welches über keine Abschottung und keine Auftriebskörper
verfügte, zur – eigentlich unbewohnten - Insel vorzuschicken, um nach Hilfe
Ausschau zuhalten. Während nun Dave davon paddelte, hielt sich Leif am Heck und
Morris am Bug der beiden Seekajaks fest. Sie versuchten mit den Seekajaks in
Richtung Insel zu schwimmen. Nach etwa einer Stunde wurde Morris seekrank. Als
einmal ca. 800 m entfernt ein Segelboot vorbei kam, holte Leif aus der Tasche
seiner Schwimmweste eine Seenotrakete und schoss sie ab. Sie wurde jedoch nicht
gesehen. Als ein Schiff ca. 400 m entfernt passierte, winkte er mit seinem
gelben Paddel. Aber sie wurden nicht entdeckt. Leif verfügte wohl noch über
weitere Seenotsignalmittel. Leider waren sie jedoch nicht griffbereit im
Gepäckraum verstaut.
In der Zwischenzeit hatte
Dave die Insel erreicht. Ca. 45 Minuten hatte er dafür benötigt. Leider war die
Insel gänzlich unbewohnt. Lediglich eine alte, verfallene Holzhütte stand noch.
Zufällig entdeckte er in der Hütte ein paar Streichhölzer, sodass er sich dazu
entschloss, die Hütte in Brand zusetzen, um so auf sich aufmerksam zu machen.
Nach einer Stunde stand die Hütte schließlich in Flammen. Alte
Autoreifenschläuche sorgten für den entsprechend Qualm.
Es war inzwischen 15 Uhr. Da
näherte sich ein Segelboot und nahm schließlich Dave an Bord. Erst 15.45 Uhr
gelang es über Funk, Kontakt mit der US-Coast Guard aufzunehmen, also über 4
Stunden nach der Kenterung von Morris.
Die beiden im Wasser
treibenden Kanuten sahen die qualmende Hütte und ahnten, dass kein anderer
Mensch auf der Insel war. Leif merkte, wie er langsam unterkühlte. Sein
Kältezittern setze schon aus und er bekam Muskelkrämpfe. Er hatte seit über 5
Stunden nichts mehr gegessen und getrunken. Die Bordverpflegung war weggespült
worden. Als sie im Wellenschutz der Insel trieben, wurde der Seegang flacher
(ca. 90 cm), sodass Morris vorschlug, dass Leif in Morris Seekajak steigen
sollte, da dieses weniger kipplig war. Der Wiedereinstieg klappte sofort (!)
und Leif begann wieder, Morris samt Kajak Richtung Insel zu schleppen. Die
Überlegung, den rot-gelben „Nordkapp HM“ wegtreiben zu lassen, wurde verworfen,
da im Gegensatz zu dem grünen „Solstice“ der „Nordkapp“ der einzige Gegenstand
war, der einer Suchmannschaft hätte auffallen können. Leif fing an zu paddeln
und wurde dabei wieder etwas wärmer. Ansonsten wurde er immer müder, durstiger
und hungriger. Schließlich um sah er um 17 Uhr in der Ferne ein Seenotkreuzer.
Bald darauf tauchte ein Rettungsflugzeug auf, das über ihnen kreiste. Etwas
später näherte sich ein SAR-Hubschrauber, markierte die Stelle, wo Leif und
Morris sich befanden und setzte um 17.42 Uhr, d.h. 6 Stunden nach der Morris
Kenterung, zwei Rettungsschwimmer ab. Zunächst nahm der Seenotkreuzer die beiden
Kanuten an Bord, dann wurden sie hoch zum Rettungshubschrauber gezogen und ins
Krankhaus geflogen. Während des Fluges setzte bei Leif wieder das Kältezittern
ein, was als Zeichen der allmählichen Wiedererwärmung anzusehen war. Übrigens, der
Seenotkreuzer holte beide Seekajaks und auch Dave an Bord: „We came out to rescue three people, and three people are going back.“ Übrigens, bei einer später durchgeführten Inventur
fehlte lediglich eine Sandale!
George Gronseth kommentierte – wie es beim SEA KAYAKER üblich ist, wenn über einen
Seenotfall berichtet wird - anschließend in dem Kapitel „Lessons Learned“ die
ohne Schaden endende Kenterung von Morris.
(a) bei einer Wellenhöhe von 30 – 60 cm ist das Paddel
nicht nur zum Vorwärtskommen, sondern auch zum Stützen einzusetzen;
(b) bei einer Wellenhöhe von 60 - 90 cm (ab ca. 80 cm
verschwinden die anderen Kanuten ab und an gänzlich hinten den Wellen) muss der
Kanute die Paddelstütze auch wirklich können;
(c) bei einer Wellenhöhe von über 90 cm werden an einen
Kanuten die höchsten Anforderungen an seiner Paddeltechnik gestellt.
Aber
auch ohne diese Untiefen und die nahe Insel ist damit zu rechnen, dass ab und
an die Wellen auch höher als üblich werden können. Allgemein bekannt ist es ja,
dass jede siebte Welle höher ist. Zurückzuführen ist das darauf, dass „13.5% aller Wellen im Seegang höher als die
kennzeichnende Wellenhöhe (bzw. signifikante Wellenhöhe)“ sind, wobei es
sich bei der kennzeichnenden Welle üblicherweise um jene Welle handelt, die in
Seegangsberichten genannt wird, oder anders ausgedrückt: „Die kennzeichnende Wellenhöhe ist die durchschnittliche Höhe des
höchsten Drittels aller Wellen im Seegang.“ Übrigens:
(a)
jede 100. Wellen ist 50% höher als die kennzeichnende Welle;
(b)
jede 3000. Welle ist 100% höher als die kennzeichnende Welle;
(c)
und die maximale Wellenhöhe liegt 115% über der kennzeichnenden Wellenhöhe.
G.Gronseth wies wohl noch daraufhin, wie wichtig es ist, ein
Handy wasserdicht zu verpacken und ein Funkgerät mitzuführen, aber der Bericht
der Kanuten zeigte doch sehr deutlich auf, dass die Kontaktmöglichkeiten mit
einem Handy bzw. Funkgerät sehr begrenzt sein können, wenn man sich 16 km weit
vom Ufer bzw. von der Küste entfernt hat. Abgesehen davon bezweifele ich, dass
es spätestens ab 5 Bft. Wind möglich ist, sich bei den Wind- &
Seegangsgeräuschen per Handy bzw. Funkgerät deutlich zu unterhalten.
Das
einzige was in dieser Situation wirklich hätte helfen können, wäre eine
satellitengestützte Seenotbake gewesen (hier: ein EPIRB (Emergency Position
Indication Radio Beacon), der auf 406 MHz sendet und automatisch über GPS die
Position ermittelt und ausstrahlt). Damit könnte innerhalb von ca. 5 Minuten
mit einer Positionsgenauigkeit von knapp 100 m auf einen Seenotfall aufmerksam
gemacht werden. Die Firma ACR bietet für ca. 850 Euro ein solches Geräte an
(„AquaFix 406/GPS). Aber wer hat schon so viel Angst beim Paddeln, dass er
bereit ist, solch einen Betrag auszugeben? Eher wird er wohl auf eine
Off-Shore-Touren verzichten, als sich einen Seenotsender anzuschaffen!
Manche
Kanutinnen und Kanuten machen es sich nicht richtig klar, dass
Küstenkanuwandern nicht mit Flusswandern vergleichbar ist. Es ist vielmehr eine
„sportliche“ Veranstaltung, die entsprechende Kondition und Fitness
voraussetzt. Jeder sollte, bevor er eine Tour antritt, die weg vom rettenden
Strand führt, daher dafür trainiert haben. Wer z.B. an einem verlängerten
Wochenende ein 100 km lange Paddeltour plant, sollte zumindest in den letzten 4
Wochen wenigstens 100 km auf stehendem Gewässer zurückgelegt haben.
Natürlich
ist ein zusätzliches Training der Rettungsmethoden nicht zu vergessen. Wer
schon im Hallenbad bei moderaten Wassertemperaturen nur unter Schwierigkeiten
in der Lage ist, zurück in sein Seekajak zu klettern, sollte sich bewusst sein,
dass er u.U. draußen nach 1-, 2-, 3-stündiger Paddelei bei Wind, Seegang und
Kälte nach einer Kenterung mit Ausstieg kaum eine Chance hat, zurück in seine
Sitzluke zu kommen.
Text: Udo
Beier – www.kanu.de/kueste/
Quelle: SEA
KAYAKER, June 2006, S.20-27 – www.seakayakermag.com
Literatur:
Seewetter, hrsg. vom
Seewetteramt (1999, S.56 u. S.232 ff.
Brauner,R./Dentler,F.-U./Kresling,A./Seifert,W.:
Strom Seegang Gezeiten (2003)
Waves, Tides and Shallow-Water Processes, hrsg. von Open University
Course Team (2nd Edition) (Verlag Butterworth/Heinemann: 2005)
Link:
Gewässerbedingungen:
Bestimmungsfaktoren & Probleme: Wind, Strömung, Meeresboden, Geografie:
è
www.kanu.de/nuke/downloads/Gewaesserbedingungen.pdf
(2004)
Vorwärtspaddeln bei Wind
& Seegang: 10 tempobeeinflussende Situationen
è
www.kanu.de/nuke/downloads/Paddeln-Wind&Seegang.pdf
(2004)
Seenotfall-Meldung über
UKW-Sprechfunk:
è
www.kanu.de/nuke/downloads/Mayday.pdf
(2005)
Seenotbaken:
è www.kanu.de/nuke/downloads/Seenotbaken.pdf (2000)
Seenotsender: ACR AquaFix 406:
è www.kanu.de/nuke/downloads/Seenotsender-ACR.pdf (2005)
Seenot-Signalmittel.
Technische Infos, Einsatzbereiche, Tipps & Erfahrungen aus der Sicht des
Küstenkanuwanderns (J.Grickschat):
è
www.kanu.de/nuke/downloads/Seenot-Signalmittel.pdf
(2004)
Plädoyer für das
„Nicosignal“ als Grundausstattung:
è
www.kanu.de/nuke/downloads/Nicosignal.pdf
(2001)
Tourenrückmeldung (Passage
Plan): Extern bzw. intern?
è
www.kanu.de/nuke/downloads/Tourenrueckmeldung.pdf
(2005)
Sausichere Seekajaks. Zur
Kippligkeit von Seekajaks: 10 wacklige Tatsachen)
è
www.kanu.de/nuke/downloads/Sausichere-Seekajaks.pdf
(2006)
Trockenanzüge. Ein Muss fürs
Küstenkanuwandern?
è
www.kanu.de/nuke/downloads/Trockenanzug.pdf
(2004)
Schwimmweste oder
Rettungsweste: Was ist geeigneter fürs Küstenkanuwandern?
è
www.kanu.de/nuke/downloads/Rettungsweste.pdf
(2003)
Toggles. 10 nicht ganz
haltlose Punkte:
è
www.kanu.de/nuke/downloads/Toggle.pdf
(2005)
Sichtbarkeit. 10
einleuchtende Punkte:
è
www.kanu.de/nuke/downloads/Sichtbarkeit.pdf
(2004)
„Life-Line“. Ein Muss
zumindest beim Solo-Küstenkanuwandern
è
www.kanu.de/nuke/downloads/Life-Line.pdf
(2003)
Beleuchtung. Gesetzliche Regelungen
fürs Küstenkanuwandern
è
www.kanu.de/nuke/downloads/Beleuchtung.pdf
(2004)
Seetüchtige
Ausrüstungsgegenstände: 10 praktische Tipps
è
www.kanu.de/nuke/downloads/Ausruestungsgegenstaende.pdf
(2003)
Seekajak-Kauf: 10 praktische
Hinweise
è
www.kanu.de/nuke/downloads/Seekajakkauf-Hinweise.pdf
(2003)
Gewässerschwierigkeiten
(Küste). 3 Berechnungs-Varianten zur Bestimmung des
„Salzwasserschwierigkeitsgrads“ bzw. „Küstenkanuwanderrisikos“
è
www.kanu.de/nuke/downloads/SSG.pdf
(2004)