In KANU SPORT stellt U.Beier in dem Beitrag:
„KANU-SPORT-Praxistipp: Gewässerschwierigkeiten“
die Bewertung der
Gewässerschwierigkeiten von:
und
vor. Folgende Ausführungen dürften insbesondere
Küstenkanuwanderinnen und –wanderer interessieren:
„Paddeln ist nicht immer so einfach. Spätestens wenn
das Kanu anfängt zu kippeln, wird es aufregend, und zwar nicht nur für den
Anfänger. Meist sind diese Schwierigkeiten „hausgemacht“, d.h. wir sind selber
dran Schuld:
Wenn wir also den Schwierigkeiten aus dem Weg gehen
wollen, sollten wir uns ein unschwieriges Gewässer aussuchen, z.B. ein
„Ententeich“, auf dem es weder windet & wellt, noch strömt, und darauf mit
einem breiteren Kanu paddeln, jedoch nur dann, wenn wir wissen, wie wir mit dem
Kanu dahin kommen können, wohin wir wollen, ohne dass es sich dabei allzu
plötzlich um seine Längsachse dreht, d.h. kentert.
Was aber ist, wenn uns das Paddeln auf einem
„Ententeich“ irgendwann langweilt; wenn wir uns danach sehnen, auf Gewässern
mit Strömung, Wellen, Schwällen, Walzen, Brechern, Gischt und Böen zu paddeln?
Nun, dann sollten wir es tun, aber nicht dabei vergessen, die paddlerischen Fähigkeiten
und die Ausrüstung an den zu erwartenden Gewässerbedingungen anzupassen.
Voraussetzung dafür ist jedoch, dass wir in der Lage sind, abschätzen zu
können, welche Schwierigkeiten solche Gewässer uns bereiten können, und uns nur
dann ins Kanu wagen, wenn wir uns sicher sind, dass wir bei der Tour nicht
überfordert werden.
Je nach Gewässertyp gibt es unterschiedliche Ansätze,
um auf mehr oder weniger einfache Weise jene Kriterien aufzuzeigen, die
letztlich maßgebend für die Schwierigkeitsbewertung sind.
Küstengewässer definieren sich wohl grundsätzlich
über das „Salzwasser“, dennoch sollten wir uns bewusst sein, dass auf so
manchem „süßwasserhaltigen“ Großgewässer Gewässerbedingungen herrschen können,
an der auch eine erfahrene Küstenkanuwanderin bzw. ein erfahrener
Küstenkanuwanderer scheitern kann. Wer einmal bei stärkerem Wind auf dem
Bodensee oder auch nur auf der Müritz gepaddelt ist, kann u.U. von einem
Seegang erzählen, den alte „Seebären“ niemals an der Küste Grönlands erlebt
haben. Und bei einer Fahrt auf dem Rhein können ebenfalls tagtäglich
Gewässerbedingungen erlebt werden, die nicht alle Tage im ostfriesischen
Wattenmeer zu beobachten sind.
Die Schlüsselgröße zur Bestimmung der
Gewässerschwierigkeiten entlang der Küste stellt nicht – wie beim Zahmwasser –
die Strömungsgeschwindigkeit, sondern die Windstärke dar, zumindest trifft
dies für Nord- und Ostsee und auch das Mittelmeer zu. In Anlehnung an den
WW-Grad findet bei der Bestimmung der Schwierigkeiten für Küstengewässer
ebenfalls eine Einteilung von I (= KW I) bis VI (= KW VI) statt.
Natürlich wird uns bei einer Inspektion vor Ort WW
III schwieriger als Küste III erscheinen. Berücksichtigen wir jedoch, dass eine
WW III-Passage vielfach nur für maximal 1 Minute gepaddelt wird und das nach
vorheriger Erkundung und ausgiebigen Diskussionen mit den uns begleitenden
Kameradinnen und Kameraden, auf einer KW III-Passage wir aber u.U. mehrere
Stunden unterwegs sind, und zwar ohne vorherige Erkundung – der Blick auf die
Seekarte muss genügen –, ohne Diskussion – da Wind- und Wellengeräusche eine
Verständigung fast unmöglich machen – und ohne Pause – denn der rettende Strand
befindet sich nicht immer stets seitab, dann dürfte sich doch das Ausmaß der
Schwierigkeiten bei Wildwasser und Küstengewässer weitgehend annähern. Der
einzige Unterschied zwischen diesen beiden Gewässern ist wohl bei einem
Todesfall zu sehen: Der WW-Kanute wird ungünstigstenfalls nach 5 Minuten
ertrunken sein, während der Küsten-Kanute möglicherweise stundenlang im kalten
Wasser treibt, bis er dann wegen Unterkühlung ohnmächtig wird und dann erst
ertrinkt. Dennoch scheint mir – zumindest was die Unfallstatistik betrifft –
das Wildwasserfahren die gefährlichere Sportart zu sein.
Wie können wir nun die Schwierigkeitsbewertung eines
Küstengewässers vornehmen? Zunächst einmal müssen wir die Windstärke (gemessen
in Beaufort (Bft.)) kennen. Auskunft hierüber erhalten wir für Nord- und Ostsee
per Seewetterbericht, der über die folgenden Infoquellen zu erhalten ist:
„Besser als gar nichts“ sind die Wettermeldungen nach
den Rundfunknachrichten des z.B. Norddeutschen Rundfunks anzusehen. Da jedoch nicht
immer die Windstärke in Bft. angegeben wird, sondern verbal umschrieben wird,
sollten wir wissen, dass „mäßiger Wind“ einem 4 Bft. Wind, „frischer“ Wind = 5
Bft. und „starker“ Wind = 6 Bft. entspricht.
Kennen wir nun die Windstärke, brauchen wird davon
nur 2 abzuziehen, um einen ersten Anhaltspunkt dafür zu bekommen, mit welchem
Schwierigkeitsgrad wir an der Küste zu rechnen haben (vgl. Tab. 3).
|
Schwierigkeitsgrad: |
Windstärke
(gemessen in Beaufort) (Bft.) |
Gewässer- Charakteristik |
Küste I
(KW I) è unschwierig |
1-3 Bft. (schwach windig) |
Die See
ist nicht mehr spiegelglatt, sondern bewegt. Ab und an können die Wellen
schon einmal weiße Schaumköpfe haben. Ein erfahrener Zahmwasserkanute hat
keinen Grund, sich vor dem Seegang zu fürchten, sofern er in der Lage ist,
nach einer Kenterung wieder zurück in sein Kanu zu kommen und weiter zu
paddeln. |
|
Küste II (KW II) è mäßig schwierig |
4 Bft. (mäßiger Wind) |
Überall
beginnen die Wellen sich zu brechen und der Wind fängt an, einem am Fortkommen
zu behindern. Treten dann zusätzliche Schwierigkeiten auf, bekommen die
meisten Kanuten Probleme. |
|
Küste III (KW III) è schwierig |
5 Bft. (frischer Wind) |
Weiße
Schaumkämme prägen die Wasseroberfläche. Der Seegang und der Windruck erfordern
Konzentration, Bootsbeherrschung und Kondition. |
|
Küste IV (KW IV) è sehr schwierig |
6 Bft. (starker Wind) |
Große
Wellen beginnen sich zu bilden. Ihre Kämme brechen. Der auflandige Bereich
einer Küste ist kaum noch befahrbar. Jeder paddelt für sich. An einen
Gruppenzusammenhalt ist kaum noch zu denken. |
|
Küste V (KW V) è äußerst schwierig |
7 Bft. (harter, steifer Wind) |
Die See
türmt sich auf. Gegen den Wind wir wohl keiner mehr Strecke paddeln können. Es
gibt keine Sicherheitsreserven mehr. Jede weitere Schwierigkeit führt zur
Unbefahrbarkeit. |
|
Küste VI (KW VI) è Grenze der Befahrbarkeit |
8 und mehr Bft. (stürmischer Wind |
Von den Kanten
der Wellenkämme beginnt Gischt abzuwehen. Im Allgemeinen ist eine Befahrung
unmöglich. Lediglich im Notfall ist im Wind- und Wellenschutz einer
Steilküste bzw. Insel an ein Paddeln zu denken, sofern wir uns wirklich ganz
dicht unter Land halten und keine Düsen-, Kapeffekt bzw. Fallwinde auftreten
können. |
Tab. 3:
Küsten-Schwierigkeitstabelle (DKV
2006)
Diese erste
Schwierigkeitseinschätzung liefert einen wichtigen Anhaltspunkt für die auf einer
Tour entlang der Küste zu erwartenden Schwierigkeiten. Wenn es uns bewusst ist,
dass es noch weitere schwierigkeitsbestimmende Faktoren gibt:
und dass jeder einzelne dieser zusätzlichen Faktoren
das Potenzial hat, den per Windstärke ermittelten KW-Grad um mindestens einen
Grad zu erhöhen (Ausnahme: z.B. kann Brandung, egal nun ob durch Windsee
oder Dünung verursacht, jeden Gewässerabschnitt unbefahrbar machen = KW VI), so
verfügen wir über die „Schlüsselinformation“ in Sachen
Schwierigkeitsbewertung. Wenn wir bei einer 3er Windprognose aufs Meer hinaus
paddeln und entsprechend seetüchtig sind, d.h. nicht nur in der Lage sind, bei
einem 3-Bft.-Seegang zu paddeln, sondern auch nach einer Kenterung wieder
weiter paddeln zu können, müssen wir eigentlich nur noch zwei Bedingung
erfüllen, um sicher paddeln zu können: Nämlich in der Lage zu sein, z.B. mit
Hilfe der Seekarte und der vor uns liegenden Küstenlandschaft erkennen zu
können, wo zusätzliche Schwierigkeiten auf uns lauern könnten und wie diese zu
umfahren sind.“
Quelle: KANU
SPORT, Nr. 8/07, S.36-38 – www.kanu.de