Wer auf dem Meer paddeln
möchte, muss sein Seekajak bei den dort anzutreffenden Gewässerbedingungen
beherrschen. Voraussetzung dafür ist zum einen der richtige Halt in der
Sitzluke (hier: Hüft-, Schenkel- und Fußhalt):
www.kanu.de/nuke/downloads/Volumen&Sitzhalt.pdf
und zum anderen
der richtige Einsatz des Paddels. Nur dann ist es möglich, effizient Vorwärts-,
Bogen-, Stütz-, Bug- & Heckruder-, Wrigg-Schläge auszuführen bzw. sicher zu
eskimotieren.
Eine
Teilkomponente des Paddelns ist das „Kanten“,
welches insbesondere beim effizienten und sicheren Kurvenfahren unabdingbar
ist.
Wie kanten?
Beim „Kanten“ (hier: An-, Wegkanten) wird
das Seekajak auf die Seite gelegt, bis im Idealfall der Süllrand das Wasser
berührt. Das Ankanten des Seekajaks nach links, also das Legen des Seekajaks
beispielsweise auf seine linke Seite (= Drehung des Seekajaks um seine
Horizontalachse nach links) wird im Wesentlichen dadurch erreicht, dass das
rechte Knie etwas angezogen und das linke Knie gestreckt wird. Der Oberkörper
bleibt dabei aufrecht und wird per „Hüftknick“ so ausbalanciert, dass es nicht
nötig ist, mit dem Paddel auf dem Wasser zu stützen. Muss gestützt werden (=
mit einem Paddelstützschlag, wenn das Seekajak sich in Fahrt befindet,
bzw. mit Wriggschlägen, wenn es keine Fahrt mehr macht), wird nicht mehr
vom Kanten sondern von „Auslage“ gesprochen
Der Oberkörper liegt dann nicht mehr aufrecht über dem Seekajak, sondern ist
seitwärts hinaus verlagert ist.
Um mit seinem
Seekajak vertrauter zu werden und zu erfahren, welche Anfangs- und
Endstabilität es hat , bieten sich Übungen an, bei
denen das Kanten im Vordergrund steht.
·
Zur Übung kanten
wir das Seekajaks zunächst zur einen, später zur
anderen Seite an. Anschließend bewegen wird das angekantete Seekajak mit
Vorwärtsgrundschlägen 20-30 m vorwärts.
Bei dieser Übung
wird schnell klar, dass es ein Unterschied ist, ob bei „Ententeichbedingungen“
oder bei rauem Seegang gekantet wird. Die weniger geübten Küstenkanuwanderer
verzichten daher oft bei Seegang auf das Kanten, da ihnen das Risiko zu kentern
einfach zu groß ist.
Siehe
auch: www.kayakpaddling.net >Einführung
>Gleichgewicht halten
Warum
ist das Kanten so wichtig?
1. Zur Erleichterung des Paddelns einer Kurve:
Es wird beim Paddeln zur Außenkurve hin gekantet, um die Drehfreudigkeit
eines kursstabilen Kajaks auf stehendem oder seicht fließendem Gewässer zu
erhöhen.
Gerade mit
Seekajaks, die über eine lange Wasserlinie und wenig Kielsprung
verfügen (sog. „Geradeausläufer“) und ohne Steuer ausgerüstet sind, lassen sich
nicht so einfach Kurven paddeln. Insbesondere hier gilt:
·
Linkskurve: Um nach links zu kurven, kanten wir das
Seekajak zur rechten Seite hin an und machen gleichzeitigen rechts
mehrere Bogenschläge. Bei guter Bootsbeherrschung können wir stattdessen
– sofern Fahrt gemacht wird - während des Kantens auf der rechten Seite einen Bugruderschlag
links vornehmen und auf diese Weise den Bug nach links hinüber ziehen.
·
Rechtskurve: Links kanten mit Bogenschlägen links
bzw. Bugruderschlag rechts.
Siehe auch: www.kayakpaddling.net
>Grundfertigkeiten >Wenden mit Ankanten
Zwei Erklärungsansätze
dafür, dass das Kanten das Kurven von Seekajaks erleichtert:
Der
„Dralleffekt“ ist bei jedem Seekajakmodell anders und bei Seekajaks mit viel
Kielsprung fast Null. Wie stark dieser Drall ist, lässt sich ausprobieren,
indem wir zunächst schnell geradeaus paddeln und dann das Paddeln einstellen.
Beim Kanten z.B. nach links kann ein mehr oder weniger starker oder gar kein
Rechstdrall beobachtet werden. Wenn das Seekajak tatsächlich beim Kanten links
eine Rechtskurve fährt, kann auch die Gegenprobe gemacht werden: Wir wechseln
plötzlich vom Kanten links auf Kanten rechts und beobachten, ob unsere Kajak
statt weiter nach rechts zu kurven nun nach links kurvt!
Skeg-Seekajaks: Bei Seekajaks mit einem Skeg stellt
sich die Frage, ob es vor der Einleitung der Kurve eingezogen werden muss?
Nein, das ist nicht erforderlich; denn beim Kanten legt sich ja nicht nur das
Seekajak auf die Seite, sondern auch das Skeg, sodass dieses einen wesentlich
geringeren Wasserwiderstand gegen das Drehen des Seekajaks ausübt.
Steuer-Seekajaks: Bei einem Seekajak mit Steuer
müsste ein Tritt auf die Steuerpedale reichen, um mit Hilfe des
Steuerblatts die gewünschte Kurve zu paddeln. Wer zusätzlich kantet, vermindert
nur die Wirksamkeit des Steuerblattes.
2. Zur
Verbesserung des Geradeauslaufs bei Windabdrift:
Es wird gekantet, um ein
abdriftendes Seekajak auf stehendem bzw. seicht fließendem Gewässer auf Kurs zu
halten.
Insbesondere
Seitenwind kann den Geradeauslauf eines Seekajaks beeinträchtigen, dadurch dass
der Wind das Seekajak zum Wind hin (= luvgierig) bzw. vom Wind weg
kurven lässt (= leegierig).
·
Luvgierigkeit: Dreht das Seekajak beim Geradeauspaddeln
in den Wind, müssen wir auf der Luvseite vermehrt Bogenschläge einsetzen. Da
diese Art Paddelei auf Dauer recht anstrengend wird, bietet es sich an,
die luvseitigen Bogenschläge mit luvseitigem Kanten zu kombinieren.
·
Leegierigkeit: Dreht das Seekajak vom Wind weg,
kombinieren wir die auf der Leeseite ausgeführten Bogenschläge mit leeseitigem
Kanten.
Zusätzlich kann
es hilfreich sein, dass Paddel nicht mehr mittig zu halten. Z.B. sollten wir
bei Luvgierigkeit (Leegierigkeit) das Paddel etwas zur Luvseite (Leeseite) hin
verschieben, sodass die Hebelwirkung des Bogenschlages sich erhöht.
3. Zur Beherrschung des
„Seitwärtssurfen“ bei Brandungsbedingungen:
Es wird zum brechenden Seegang hin gekantet, um zu
verhindern, von einem Brecher gekentert zu werden.
Insbesondere bei
Brandungsbedingungen, wenn parallel zu den Brechern gepaddelt wird, besteht die
Gefahr des „Seitwärtssurfens“.
·
„Seitwärtssurf“: Das Seekajak müssen wir zum Brecher hin
kantet, damit es nicht gleich bzw. beim anschließenden „Seitwärtssurf“ zum
Wellen-Lee (die dem Brecher abgewandte Seite) hin gedreht und gekentert wird.
Zusätzlich kann
es – in Abhängigkeit von der Wucht des Brechers - nützlich sein, den Oberkörper
zur Welle hin zulegen, um mit der flachen bzw. hohen Paddelstütze für weitere
Stabilität zu sorgen. D.h. dem Kanten folgt die Auslage (= „Edging and
Leaning“).
4. Zur Beherrschung
des Ein- und Ausfädelns bei Kehrwasserbedingungen:
Es wird zur Innenkurve hin gekantet, um zu
verhindern, von der Strömung gekentert zu werden.
Kehrwasserbedingungen
sind an Felshindernissen, Buhnen oder Tonnen zu beobachten. Der Wechsel von
Strömung und Kehrwasser sorgt dafür, dass das Seekajak fast von alleine kurvt.
Mit dem Kanten auf der Innenseite der Kurve soll verhindert werden, dass Wasser
auf das Oberdeck gedrückt wird und dadurch das Seekajak zur Kurvenaußenseite
hin kentern lässt. Folgende beiden Situationen sind dabei zu unterscheiden:
·
Einfahrt
ins Kehrwasser: Beim
Einkurven ins Kehrwasser müssen wir auf der Kurveninnenseite kanten, und zwar
so stark, dass das Oberdeck nicht auf der Kurvenaussenseite unter Wasser
gedrückt wird.
·
Ausfahrt
aus dem Kehrwasser: Beim
Einkurven in die Strömung müssen wir ebenfalls zur Kurveninnenseite hin kanten.
Je nach der
Stärke der Strömung ist es auch empfehlenswert, sich zusätzlich – einem
Fahrradfahrer gleich – in die Kurveninnenseite zu legen und mit einem Bugruderschlag
auf der Seite, wo gekantet wird, die Einfahrt ins Kehrwasser bzw. die
Ausfahrt in die Strömung einzuleiten. Wie weit sich zur Seite gelegt werden
muss und wann der Bugruderschlag in einen Paddelstützschlag übergehen sollte,
hängt von der Stärke der Strömung ab.
5. Zum kontrollierten
Surfen bei stehenden Wellen (Tide Race):
Das Paddeln in
starken Gezeitenströmungen („Tide Races“) ist eine große Herausforderung.
Das trifft insbesondere dann zu, wenn wir auf den Gezeitenstromwellen, die bei
einlaufender Dünung bzw. Wind-gegen-Strom-Bedingungen zusätzlich an Höhe und
Wucht gewinnen, gegen die Strömung gesurfen. Dies stellt hohe
Anforderungen an die Paddelfertigkeiten, da ständig Kurskorrekturen vorzunehmen
sind, um auf der Welle zu bleiben. Zwei Situationen sind dabei erwähnenswert,
bei denen richtig gekantet werden muss, um den Surf nicht abzubrechen:
·
Auf
dem Wellenberg: Befindet
sich beim Surfen die Sitzluke über dem Wellenberg, müssen wir nach links
(recht) ankanten, wenn wir nach links (rechts) steuern wollen.
·
Im
Wellental: Befindet sich
der Bug beim Surfen im Wellental, wird das Kajak von der Strömung nach rechts
(links) abgelenkt, wenn wir links (rechts) ankanten.
Reagiert das
Kajak nicht aufs Kanten, sollte mit einem Bug- bzw. Heckruderschlag
nachgeholfen werden.
6. Bei Kollision mit
einem in der Strömung liegenden Hindernis:
Solche
Kollisionen sind auf Großgewässern nicht so häufig wie auf Kleingewässern bzw.
im Wildwasser. Dennoch ist es nicht auszuschließen, dass wir von der Strömung
durch Unachtsamkeit quer vor z.B. eine Tonne, Pricke, Buhne, Felsen bzw. gar
ein Boot getrieben werden. Wie beim Kehrwasserpaddeln ist bei einer solchen
Kollision darauf zu achten, dass das anströmende Wasser nicht aufs Oberdeck
drückt und das Seekajak zur Strömung hin kentern lässt. Um das zu verhindern
ist Folgendes ist zu beachten:
·
Kenterprophylaxe: Kurz vor der Kollision des Seekajaks mit
einem Hindernis müssen wir es zum Hindernis hin kanten. Erst danach sollten wir
uns – wenn überhaupt – am Hindernis festhalten.
Ob eine Kenterung dadurch zu
vermeiden ist, hängt anschließend allein vom Wasserdruck der Strömung und der Art
des Hindernisses ab. Übrigens, diese Art Kenterprophylaxe ist nicht beim
Seitwärtssurf anzuwenden, sofern wir seitlich auf ein parallel zu uns
paddelnden Kanuten getrieben werden. D.h wir kanten und legen uns weiterhin zum
Brechen; denn sobald der Brecher mit uns das parallel neben uns liegende
Seekajak erreicht hat, wird dieses sofort zusammen mit unserem Seekajak
mitgerissen, ohne dass ein größerer Zusammenprall beider Seekajaks zu
befürchten ist. Der von uns „gerammte“ Kanute hat lediglich darauf zu achten,
dass er ebenfalls zum Brecher hin kantet und stützt, wobei das Stützen
gegebenenfalls auch auf dem Seekajak des seitwärts heran surfenden erfolgen
kann. Nur wenn das seitwärts auf einem zu surfende Seekajak in Körperhöhe auf
einem zu kommt, ist es überlebenswert, lieber zur
anderen Seite hin weg zu kentern.
7. Zum erfolgreichen Beenden der Rolle:
Zum Schluss soll kurz
angemerkt werden, dass der bei der Endphase der Rolle so wichtige „Hüftknick“
simultan mit einem Kanten einhergeht.
Text: U.Beier
Quellen:
J.Gerlach: Der Kajak – das
Lehrbuch des Kanusports. 1996, S.28ff.
A.Matthews: Sea Kayaking - Rough Waters, 2006, S.39ff.,
S.84ff.
D.Alderson: Sea Kayak Strokes, 2007, S.21ff.,
S.83ff., S.103ff.
Ph.Clegg: Playing in Tide Races, in: Ocean Paddler, No.11/08,S.52ff.
N.Hakkarainen: www.kayakpaddling.net (2007)
Ich danke K.Coelius für kritische Anmerkungen.