15.03.2009 Unterwasserausstieg nach Kenterung
(Ausbildung)
Am
Beginn einer jeden „Kajakkarriere“ muss grundsätzlich zuerst gelernt werden,
wie man kentert und aussteigt. Erst dann sollte begonnen werden, das Paddeln zu
erlernen und den Wiedereinstieg zu üben! Eine
Ausnahme ist nur dann zu akzeptieren, wenn anfangs ganz ohne (geschlossener) Spritzdecke gepaddelt wird.
Manch
Kleinflusswanderpaddler hält das nicht für nötig; denn erstens ist er noch nie
gekentert, zweitens ist der Bach sowieso nicht tief und drittens wird er irgendwie
schon bei einer Kenterung aus seiner Luke fallen. Ich weiß auch nicht, ob jeder
Anfänger meines Clubs schon mal gekentert ist bzw. das Kentern geübt hat. Viele
Vereine bieten wohl im Winter Kenterübungen im Hallenbad an, aber haben daran
auch wirklich alle paddelnden Mitglieder schon einmal teilgenommen?
Dabei
ist doch das Kentern so leicht und das Aussteigen auch, wenn nicht anschließend
einem der Wiedereinstieg bevorstände:
Das
war’s. Wer sich eine Vorstellung darüber machen möchte, wie das bildlich
abläuft, der möge den – auch auf Deutsch erläuterten - Zeichentricklehrfilm von
Niko Hakkarainen (Finnland) abrufen
und anschauen:
=>
www.kayakpaddling.net
>Sicherheitsgrundlagen >Kentern, Aussteigen, Schwimmen
oder
in dem Buch von Jürgen Gerlach: „Der Kajak – das Lehrbuch des Kanusports“
(S.52-54) nachschlagen.
Natürlich,
wer Rollen kann, hat es da viel leichter. Übrigens, es gibt in dem
amerikanischen Lehrbuch von:
J.Robison: „Sea Kayaking Illustrated. A Visual Guide to Better Paddling“ (2003, S.87)
zwei
Skizzen, die eine zeigt in 12 Zeichnungen wie man kentert, aussteigt und wieder
einsteigt, und die andere zeigt in 3 Zeichnungen wie man kentert und wieder
hoch rollt.
Aber
zurück zum Aussteigen nach einer Kenterung. Es gibt m.E.
mindestens 4 Fehler, die tödlich enden können, z.B. wenn die Kenterung im
Salzwasser passiert und der Ausstieg misslingt; denn ein Schluck Wasser in die
Lunge kann zum Tod führen (s. den Beitrag „Nur
beinahe Ertrunken und trotzdem verstorben“ von M.Huber/U.Beier in: Kanu Sport 6/06 bzw. downloadbar
unter:
=>
www.kanu.de/nuke/downloads/Seenotfallanalyse-IV.pdf
)
Jemand kentert, ohne vorher jemals gekentert zu sein.
Auch wenn ihm vorher verbal erklärt wurde, was er nach einer Kenterung zu tun
hat, können wir nicht sicher sein, dass dem Kenterbruder der Ausstieg auch
wirklich gelingt.
Selbst unter Warmwasserbedingungen im Hallenbad schaffte
es trotz aller Erläuterungen eine Kenterschwester nach der ersten Kenterung nicht
auszusteigen, da sie sofort nach der Kenterung in Panik geriet, sich statt nach
vorne nach hinten legte und in dieser Haltung bewegungslos verharrte. Zum Glück
gelang es jemanden vom Beckenrand aus, ihr Kajak am Heck so weit hochzuheben,
dass sie aus der Sitzluke fiel.
Ein anderer Kanute hatte draußen auf dem Meer nicht
so viel Glück. Wegen der kühlen Gewässerbedingungen (+15° C Wassertemperatur) sollte
erst am Ende einer Ausbildungsfahrt das Kentern, Aussteigen und Wiedereinsteigen geübt werden. Zunächst stand der
Programmpunkt „Paddeltechnik“ im Vordergrund. Dabei kenterte er, kam nicht
sofort aus der Sitzluke, weil er wohl einen Kälteschock erlitt oder in seiner
Panik vergaß, seine Spritzdecke zu öffnen, inhalierte dabei Salzwasser, war
nach ca. 5 Minuten ohnmächtig und nach 1 Stunde tot.
Beim Schließen der Spritzdecke wird immer mal wieder
vergessen, die Spritzdeckenschlaufe griffbereit vorne am Süllrand baumeln zu
lassen. Selbst wenn man noch rechtzeitig beim Ablegen des Kajaks vom Ufer merkt,
dass die Spritzdeckenschlaufe eingeklemmt ist, fällt es einem nicht immer
leicht, die Spritzdecke ohne Schlaufe zu öffnen. Wie sieht das erst dann nach
einer Kenterung aus? Nun, bei einem Spritzdeckengummi-Durchmesser von 4 mm bis
6 mm, dürfte auch eine ansonsten straffer gespannte Spritzdecke noch mit den
Knien zu öffnen sein. Spätestens ab einem Spritzdeckengummi-Durchmesser von 8
mm wird es jedoch nicht mehr so leicht sein, die Spritzdecke mit den Knien zu
öffnen. Das gilt insbesondere für Neo-Spritzdecken. Bei einem
Spritzdeckengummi-Durchmesser von 10 mm ist sogar bei einer straffen Einstellung
damit zu rechnen, dass eine schwächere Person die Spritzdecke schon dann nicht mehr
auf bekommt, wenn sie an der Spritzdeckenschlaufe zieht.
Wer vorher mal geübt hat, notfalls aus dem
Spritzdeckenschacht (ohne Träger) herauszurutschen und –quetschen, behält nach
einer Kenterungen unter solchen Bedingungen eher die Ruhe. Ich erinnere mich da
an einen Jugendlichen, der im WW-Kajak seines Vaters
paddelte, die sehr festsitzende Neodecke nicht öffnen konnte und stattdessen
aus dem viel zu weiten Spritzdeckenschacht rutschte bzw. fiel.
Wer es trainiert hat, nach einer Kenterung in seinem
Kajak sitzen zu bleiben und durch Schwimmbewegungen (z.B. „Hundepaddeln“ bzw.
Kraulbewegungen verbunden mit stetem auf- und untertauchen des Kopfes) es
versucht, nahe der Wasseroberfläche zu bleiben, um ab und an Atem zu holen, dem
bleibt eine längere Überlebenszeit. Die aber braucht er, um von Mitpaddlern gesehen
und gerettet zu werden.
Ich selber konnte mal einem Kenterbruder, der seine
Spritzdecke mangels Griffmöglichkeiten nicht öffnen konnte, wieder an die
Wasseroberfläche ziehen, weil er mir nach einer Kenterung in der Brandung durch
allzu heftiges und unkontrolliertes Plantschen auffiel. Er hatte vorher dieses Aufschwimmen nicht geübt, aber in seiner „Todesangst“ schafft
er es halt, immer mal wieder den Kopf zum Luftholen an die Wasseroberfläche zu
bringen. Als ich neben ihm lag, sah er mich, ergriff die seitlich am Oberdeck
befestigte Rettungshalteleine und zog sich – wie es früher die Eskimos vielfach
auch getan haben - mit einem Hüftknick hoch (sog. „Eskimo-Rettung“).
Übrigens, genauso kritisch wie ein eingeklemmte
Spritzdeckenschlaufe ist eine Schlaufe anzusehen, die nicht mehr voll
funktionsfähig ist, da sie nach jahrelangem Gebrauch so verschlissen ist, dass
sie sicherlich genau in dem Moment abreißt, wenn man sie am nötigsten braucht,
nämlich beim Unterwasserausstieg.
Gefährlich kann es auch schon werden, wenn in
geliehenen Kajaks das Kentern geübt wird. Ohne sich viele Gedanken dabei zu
machen, setzt man sich in die Sitzluke, schließt fast automatisch die
Spritzdecke, kentert, legt sich nach vorne, greift nach der
Spritzdeckenschlaufe ….. und findet sie nicht, weil stattdessen quer über den
Spritzdeckenteller ein Band gespannt es. Wer aussteigen will zieht zum Öffnen
der Spritzdecke einfach an dem Band bzw. – vorausgesetzt es ist straff gespannt
-drückt mit seinem Knien gegen das Band. Aber was macht man, wenn einem das
Band nicht bewusst ist.
Unlängst erlebte ich im Hallenbad genau diese
Situation. Die Rettungsübungen waren fast beendet, alle Teilnehmer waren schon
mehrmals gekentert und ausgestiegen. Da setzte sich eine Kenterschwester in ein
ihr fremdes Kajak, kenterte und kommt nicht raus aus der Sitzluke, da die
Spritzdecke keine Schlaufe, sondern ein Band zum Öffnen hatte. Es dauerte eine
Ewigkeit bis jemand, der neben ihr schwamm, ihre prekäre Situation erkannte, sie
mit Gewalt aus der Luke zog und lehrbuchhaft zum
Beckenrand schleppte.
Bei den WW-Fahrern gehört
der Schutzhelm zur Standardsausrüstung, fast schon zum modischen Accessoire.
Bei den Küstenkanuwanderern ist er zumindest in Deutschland noch etwas verpönt.
Wenn man ihn sieht, dann i.d.R. nur dann, wenn in der
Brandung den ganzen Tag geübt wird.
Der Schutzhelm soll beim Kentern den Kopf davor
schützen, den Aufprall mit harten Unterwasserhindernisse etwas abzuschwächen.
Insbesondere entlang der deutschen Nordseeküste besteht der Boden aus
schlickigem Watt- bzw. festen Sandflächen. Wenn man Abstand von den ins Meer
reichenden Buhnen hält – so lehrt uns die Unfallstatistik – geht das Risiko
Richtung Null. Aber woher nehmen wir das Vertrauen, dass der Meeresgrund, dort
wo wir kentern, wirklich immer frei von Hindernissen ist? Alte Buhnenreste
(z.B. an Sylts Nordwestspitze), zurückgelassene, halb abgesägte Pfähle bzw.
alte Wrackreste, die von der Flut plötzlich wieder frei gespült werden (z.B. an
der Seeseite nahe der Westspitze von Spiekeroog), stellen ein Gefahrenpotenzial
dar, das jeden Küstenkanuwanderer, der damit mal mit seinem ungeschützten Kopf
in Berührung gekommen ist und das überlebt hat, dazu veranlassen würde, selbst
nachts im Zelt seinen Schutzhelm nicht mehr auszuziehen.
Text: Udo Beier