16.07.2002 Kentersäcke (Ausrüstung)
Alle Jahre wieder taucht mal in der
Diskussion unter Küstenkanuwanderern das Stichwort "Kentersäcke" bzw.
"Rettungssäcke" auf. Es wird den Kanuten empfohlen, nach einer
Kenterung ohne Rückkehrmöglichkeit ins eigene Seekajak in solch einen Sack zu
krabbeln, um sich vor der Auskühlung durch ständig an einem vorbeiströmendes,
nicht vom Körper erwärmtes Seewasser zu schützen.
Ich habe mir daraufhin als
sicherheitsbewusster Kanute Mitte der Achtziger Jahre solch einen Sack aus
England mitbringen lassen. Wahrscheinlich stammen diese Säcke noch aus jener
Zeit, als es für uns Küstenkanuwanderer noch keine funktionstüchtigen Trocken-
oder "Nass"-Anzüge gab. Als ich mir dann 1987 meinen ersten
Trockenanzug angeschafft habe, musterte ich den "Kentersack" (ein
Plastikfummel mit je zwei Hosenbeinen und Ärmeln) aus, nicht ohne ihn mal
vorher bei Seegang zu testen. Über die Testergebnisse kann ich hier nicht
berichten, da ich schon gleich daran scheiterte, bei Seegang meine Beine in den
teilweise mit Luft gefüllten Sack so zu stecken, dass ich das Oberteil
überstülpen konnte.
Dafür haben jedoch einmal andere Stellen
einen Test unternommen, dessen Ergebnisse in etwa andeuten, was solche
Kentersäcke leisten können. Und zwar berichtet W.W.Forgey von
Untersuchungsergebnissen, die Steinman & Kublis im "Wilderness
Medicine Newsletter" (02/90) veröffentlicht haben. Sie untersuchten dabei
die Überlebenschancen im kalten Wasser in Abhängigkeit der getragenen Kleidung.
Dabei war eine Bekleidungsvariante ein Trockenanzug, der über einen ca. 5 cm
langen Riss auf der linken Schulter verfügte. M.E. entspricht dies genau einem
solchen Kentersack, den man sich überstülpt und wahrscheinlich bis auf eine
kleine Öffnung, die i.d.R. bestimmt nicht kleiner als 5 cm sein wird, schließen
kann.
Die Untersuchungsergebnisse möchte ich etwas
verkürzt in der folgenden Aufstellung widergeben:
Tab.: Geschätzte Zeit bis zur
Handlungsunfähigkeit (Körperkerntemperatur: 34° C) von schlanken Personen
(Körperfettgehalt: 11,1%), die verschiedene Bekleidungsarten bei rauher See und
6,1° C kaltem Wasser tragen
a) leichte Bekleidung:
= 0,4 - 1,3 Std.
b) 5cm lang am linken Ärmel eingerissener
Trockenanzug (inkl. dicker Fleeceunterbekleidung):
= 0,9 - 2,7 Std.
c) 4,8 mm Neoprenanzug (enger Sitz):
= 1,6 - 4,7 Std.
d) intakter Trockenazug (inkl. dicker
Fleecunterbekleidung):
= 2,9 - 8,8 Std.
Ich gehe davon aus, dass ein Kentersack
maximal das leisten kann, was ein eingerissener Trockenanzug bietet.
Vorausgesetzt, dass der Kanute entsprechend dicke Fleecebekleidung trägt, kann
er mit Hilfe eines Kentersackes seine Überlebenschancen durchaus verdoppeln
(Verbesserung: mind. 107%). Will er jedoch seine Überlebenschancen noch weiter
erhöhen, empfiehlt es sich für ihn, einen eng sitzenden Neo (mit Ärmeln und
Beinen!) (Verbesserung: mind. 262%) oder einen Trockenanzug (inkl. dicker
Unterbekleidung) (Verbesserung: mind. 577 %) zu tragen.
Text: Udo
Beier
Quelle:
W.W.Forgey, "The Basic Essentials of Hypothermia". 3. Aufl. 1996, S.51.