11.10.2004 "Life-Line": Ein Muss beim
Solo-Küstenkanuwandern (Ausrüstung)
In der Aktuellen Info vom 31.08.04
wurde über einen Seenotfall vor Baltrum berichtet, der zum Glück dank des
Einsatzes eines SAR-Rettungshubschraubers ohne Personenschaden endete. Das ist
nicht ganz selbstverständlich; denn wäre es dem Kanuten nach seiner Kenterung
mit anschließendem Verlust des Seekajaks nicht gelungen, wieder Griffkontakt
zum Wind & Seegang abtreibenden Kajak zu bekommen, hätte dieser Fall auch
tragischer enden können. Wie will ein allein ohne Kajak im Wasser treibender
Kanute nicht nur Dritte auf sich aufmerksam machen, sondern auch die Retter zu
sich hin lotsen. Die eine Seenotfallschirmrakete und die 6 Leuchtkugeln des
Nico-Signals sind im Stress und in der Angst schnell verschossen. Wer dann
nicht auffällig gekleidet ist (z.B. gelber Südwester) und nicht über ein
funktionstüchtiges sowie wirklich wasserdicht verpacktes Handy verfügt, hat
kaum noch Chancen, auf sich aufmerksam zu machen.
Wie kann man es nun vermeiden, nach
einer Kenterung von seinem Kajak getrennt zu werden. Im Folgenden sollen einige
Ausrüstungsgegenstände erläutert werden, mit denen man das Risiko der Trennung
des Kanuten von seinem Seekajak vermindern kann: „Life-Line“ und „Treibanker“.
Die "Life-Line" hat die
Aufgabe zu verhindern, dass das Seekajak eines Küstenkanuwanderers, der
unterwegs auf dem Meer kentert und aussteigt, vom Wind & Seegang
fortgetrieben werden kann, nur:
- weil es der Kanute versäumt
hat, während des Ausstiegs bzw. nach dem Aussteigen sein Kajak
festzuhalten;
- bzw. weil ihm die
Kraft fehlt, das Kajak zu halten.
Ist der Kanute solo unterwegs und
paddelt er weitab von der sicheren Küste, ist bei einem Verlust des Kajaks der
Seenotfall vorprogrammiert. Das gilt aber auch bei Gruppentouren, wenn die
Kameraden die Kenterung nicht bemerken bzw. wegen des Seegangs nicht in der
Lage sind, dem „Kenterbruder“ zu helfen.
Zwei Varianten:
Folgende beiden Varianten der
"Life-Line" sind geläufig:
1) Die elastische Paddelhalterungsleine wird zur Life-Line
umfunktioniert:
- Die ca. 1 – 1,5 m lange elastische
Paddelhalterungsleine wird durch die Spritzdeckenschlaufe geführt und mit
einer Steckschnalle am Vorderdeck befestigt. Im Falle einer Kenterung mit
anschließendem Ausstieg bleibt der Kenterbruder über seine Spritzdecke und
die Paddelhalterungsleine mit seinem Seekajak verbunden, vorausgesetzt die
Befestigung am Kajak bzw. Paddel löst sich nicht.
- Im Notfall kann sich der Kanute von dieser Art
Life-Line befreien, in dem er die Steckschnalle, mit der die
Paddelhalterungsleine z.B. in Höhe des Kartendecks befestigt ist, vom
Kajak löst.
- Nachteilig ist wohl, dass eine solche Life-Line zu kurz
ist, so dass der Kenterbruder u.U. bei brechender See, wenn das Kajak
mitgerissen wird und sich dabei dreht, um sein eigenes Kajak
"gewickelt" werden könnte. Verhindern könnte man dies, wenn die
dann 2 – 3 m lange Paddelhalterungsleine am Bug befestigt wird.
2) Die Life-Line stellt eine extra elastische Leine dar:
- Diese elastische Leine wird zum einen hinten am Heck
und zum anderen mit einem mit einer Hand zu öffnenden Karabiner
griffbereit hinter der Sitzluke (z.B. am Gepäcknetz) befestigt wird.
- Zusätzlich trägt der Kanute um seinen Spritzdeckenkamin
herum eine ebensolche Elastikleine, welche mit einem Steckverschluss zu
einer Art "Gürtel" verschlossen wird.
- Will der Kanute sich mit der Life-Line sichern, greift
er nach hinten zum Gepäcknetz, öffnet den Karabiner und hackt ihn mit samt
der Life-Line an der Elastikschnur ein, die man um den Spritzdeckekamin
herum trägt.
- Stört einen nach einer Kenterung diese Life-Line, löst
man entweder die Steckschnalle des Elastikleinengürtels oder den Karabiner
der Life-Line.
- Eine Zeit lang verwendete ich diese Art der Life-Line.
Bei Rettungsübungen hat sie sich ab und an mal am Gepäcksack, den ich auf
dem Achterdeck transportierte, bzw. an der hinten am Heck angebauten
Steueranlage, verhakt. Aber das wäre weniger problematisch, als wenn ich
unterwegs auf einer Solo-Tour nach einer Kenterung mit Ausstieg den
Griffhalt zu meinem Seekajak verloren hätte. Wann kentert man denn? Bei
hartem Wind und kabbligem Seegang. Wer da nach dem Ausstieg den Griffhalt
zu seinem Kajak verliert, der wird wohl in einem Trockenanzug bzw.
Neoprenanzug kaum in der Lage sein, hinter seinem von Windböen
forttreibendem bzw. von Brechern wegtransportierendem Kajak her zu
schwimmen.
Übrigens, wer eine bessere Idee für
eine Life-Line hat, sollte bei ihrer Konstruktion u.a. auf Folgendes achten:
- Die Life-Line sollte es ermöglichen, dass das
gekenterte Seekajak nicht quer
sondern längs zum Wind & Seegang treibt, damit es nicht so leicht
vom z.B. transportierenden Seegang mitgenommen wird und den im Wasser
treibenden Kenterbruder nicht mit demselben Tempo hinterher zieht.
- Die Life-Line sollte sich nicht am Gepäck, welches auf
dem Achterdeck transportiert wird (z.B. Bootswagen, Gepäcksack,
Reserverpaddel), bzw. an der am Heck angehängten Steueranlage verheddern können. Das würde
nämlich dazu führen, dass u.U. das sich in einer transportierenden Welle
um die Längsachse drehende Seekajak die Life-Line aufrollt, so dass der
Kenterbruder anschließend Probleme beim Wiedereinstieg bekommen kann. Er
müsste sich nämlich dann vor dem Wiedereinstieg von der Life-Line lösen,
was das Risiko erhöht, von seinem Seekajak endgültig getrennt zu werden.
- Die Life-Line sollte es dem Kenterbruder ermöglichen,
in die Sitzluke seines Seekajaks einzusteigen, ohne vor oder nach dem Wiedereinstieg die Life-Line klarieren zu
müssen.
Zwei Alternativen?
1) Hand- & Haltearbeit:
Aber warum soll man denn sein Kajak
nach einer Kenterung nicht mit den Händen festhalten können? Folgende
Schwierigkeiten kann es dabei geben. Hält der Kenterbruder sein Kajak fest am:
- Süllrand, bekommt
er, sofern er z.B. nicht den Griff eines "Reckturners" bzw.
"Steilwandkletterers" hat, über kurz oder lang Probleme, das im
Wind quer getriebene Kajak zu halten, wenn der nächste Brecher
heranrauscht und es mitreißt.
- Heck, bekommt
er Probleme, sofern sich dort eine angebaute Steueranlage befindet;
denn dann hat der Kenterbruder kaum eine Chance, sein Kajak, welches von
einem Brecher mitgerissen wird, dort am Heck festzuhalten, da die
scharfkantige Steueranlage ihm die Hand aufreißen kann. - Es könnte nun
eingewandt werden, dass der Kenterbruder ja stattdessen gleich zum Bug
schwimmen kann. Aber es ist zu bezweifeln, ob der Kenterbruder in der
Hektik einer Kenterung immer daran denken wird, wohin er zu schwimmen
habe, bzw. immer genau weiß, wo der Bug und der Heck seines Seekajaks sich
befindet!
- Bug, bekommt
er Probleme, wenn sich dort kein Toggle (Halteknauf) befindet, der
es auf Grund der Länge seiner Halterung erlaubt, auch ein - durch einen
Brecher - drehendes Kajak zu halten; denn spätestens dann, wenn sich das
Kajak dreht, verrenkt oder bricht er sich bei einer zu kurzen
Toggle-Halterung seine Hand und lässt dann unweigerlich sein Kajak los. -
Übrigens, eine Toggle-Halterung ist dann zu kurz, wenn der Toggle nicht
über die Bugspitze hinaus reicht. Leider trifft dies für viele Toggles zu.
Sie sind dann nur als "Trage"- nicht aber als "Halte"-Toggles geeignet.
2) Treibanker:
Ob es nun ratsamer ist, statt einer
Life-Line einen Treibanker zu
verwenden, sollte jeder für sich abwägen.
- Problem des Treibankers ist, dass er nur nach einer
Kenterung mit anschließendem Ausstieg in Aktion treten sollte. Jochen
Grikschat berichtete im SEEKAJAKFORUM.de (27.03.03) von einer amerikanischen Idee, bei der der
Treibanker über eine Leine am Bug befestigt wird und dessen anderes Ende,
an dem sich der Treibanker befindet, nicht unter einem Netz vorne auf
Deck, sondern z.B. in einer an der Spritzdecke befestigten Tasche verstaut
wird.
- Nach einer Kenterung mit Ausstieg und Bootsverlust wird
der Treibanker vom abtreibenden Kajak aus dieser Spritzdecken-Tasche
gezogen, fällt ins Wasser, entfaltet sich und verhindert so, dass das
Seekajak allzu schnell forttreibt.
- Auf alle Fälle ist bei dieser Treibankerlösung die
Verhedderungsgefahr geringer als bei der Life-Line (i.d.R. hat man auf dem
Vorderdeck kein sperriges Gepäck verstaut), dafür muss man u.U. eine etwas
längere Strecke schwimmen, um z.B. das von einem Brecher weggespülte Boot
wieder einzuholen. Zumindest Trockenanzugträger werden da Probleme
bekommen.
Text:
Udo
Beier
Literatur:
M.Panknin, Life-Line für
Seekajakfahrer. Seekajak Nr. 71/99, S.26f.
Links:
Infos zum Seenotfall: è www.kanu.de/nuke/downloads/Seenotfall-II.pdf
Infos zur allgemeinen Ausrüstung: è www.kanu.de/kueste/ > Allgemeines >
Ausrüstung