02.05.2005 Radarreflektor: 10 Gegenargumente (Ausrüstung)
So ein Radarreflektor macht
schon etwas her, nur sollten wir wissen, welchen Nutzen er für das
Küstenkanuwandern bringt.
1. Risikoverhalten & Sicherheitsregeln
Ein Radarreflektor verführt
den einen oder anderen von uns eventuell zu Nebel- bzw. Nachtfahrten, weil sie
sich vor machen, sicherer zu sein. Aber wird dürfen nicht verdrängen, dass
Nebel- bzw. Nachtfahrten wegen unzureichender Ausrüstung, u.a. wegen fehlender
attestierter Beleuchtung, im Fahrwasser gänzlich verboten sind. In den vom BSH
herausgegebenen „Zehn Sicherheitsregel für Wassersportler“ wird unter 8.
die folgende Regel zu allgemeinen Beachtung empfohlen:
„Nebel:
Verlassen Sie keinen sicheren Liegeplatz bei Nebel. Werden Sie von Nebel oder
schlechter Sicht überrascht, möglichst umgehend Fahrwasser und Schifffahrtswege
verlassen, zum eigenen Schutz einen sicheren Ort aufsuchen und Fahrt
unterbrechen. In jedem Fall sind bei verminderter Sicht die vorgeschriebenen
Schallsignale zu geben. …“
2. Sichtbarkeit: Theorie & Praxis
Wir wissen trotz
Radarreflektor nicht, ob wir echt gesehen werden. Ein gutes einstellbares Radar
erlaubt den Berufsfahrzeugen, wenn es der Schiffsführer will, sehr wohl
zu interpretieren, ob eine Ente oder ein Schwan vor dem Dampfer im Fahrwasser
vor dem Bug dümpelt. Nur wer nun glaubt, gesehen zu werden, täuscht sich
gewaltig. Der Schiffsführer wird das Gerät für den normalen Betrieb eingestellt
und auch die Seegangsunterdrückung definiert haben. Denn sonst sieht er
jede Wellenkante und der ganze Schirm ist voller irre machender gelber Reflexe.
Also sieht er keinen Paddler mit Radarreflektor. Er könnte bei richtiger
Einstellung und Grund dazu natürlich auch Paddler ohne Reflektor sehen - sofern
er denn das wollte. Aber er wird es nicht wollen, weil er nicht damit rechnet,
dass jemand bei derart unsichtigem Wetter mit einem Seekajak unterwegs ist.
Hinzu kommt noch Folgendes:
Sollte er sich ein Schiffsführer behindert fühlen und aus Sicherheitsgründen
den Fahrplan wegen unklarer Radarechos nicht mehr einhalten, so könnte er die
Wasserschutzpolizei alarmieren, die u.U. die undefinierten Objekte aufspürt,
was mit Hilfe der Reflektoren nun eine erleichterte Angelegenheit ist. Das
könnte uns wegen Gefährdung der Seeschifffahrt teuer zu stehen kommen.
Letztlich würde es auch den Ruf unseres Natursports schädigen.
3. Bauliche Maßnahmen
Ohne Minimast ist
der Radarreflekor auf dem Radar kaum auszumachen. Wir sollten da nicht von
Demonstrationen ausgehen, die von Experten gekonnt dargeboten werden. Das gilt
übrigens auch für das Zusatzangebot eines Seekajakherstellers, die Schottwände
seiner Seekajaks mit einer Alu-Folie zu beschichten, um besser vom Radar
erkannt zu werden.
4. Wenn schon, denn schon
Wir armen, kleinen Miniseefahrer
sollten auf Seeschifffahrtsstraßen wenigstens über einen Radartransponder
verfügen. Der meldet uns, ob wir von einem Radargerät erfasst wurden. So etwas
aber ist teure und schwere Technik und widerspricht unserem Sport total.
5. Menschliche Schwächen
Abgesehen davon ist das
Radar eine Hilfe und nicht ein Gerät, dem ein Schiffsführer auf der Brücke
alleinige Aufmerksamkeit schenken darf. Es ist daher realistisch, dass u.U.
zeitweise überhaupt niemand auf der Brücke ist.
Außerdem gibt uns ausgerechnet
der Radarreflektor bekannt und münzt uns um zum interessanten Ziel für
Neugierige, die diesem so schnellen „Treibholzhaufen“ mit äußerster Neugierde
nun nachjagen. Da erreichen wir glatt das Gegenteil vom ursprünglichen Ziel:
wir werden angelaufen, statt gemieden. Wer taucht, kennt den gleichen Effekt
von der Flagge Alpha. Die signalisiert Taucher und heißt: Fernbleiben, langsame
Fahrt, Taucher unter Wasser. Und genau diese Boie dient den neugierigen
Motorbootfahrern nun als Zielmarke. Mehr Gefährdung geht nicht.
6. Windwiderstand
Nicht so prickelnd ist es,
wenn es windet. Zwar ist zumindest bei Nebel kein Starkwind zu erwarten, aber
ein Seekajak wird durch solch einen Radarreflektor nicht nur kippliger (hier:
höherer Schwerpunkt bzw. größere Windangriffsfläche), sondern fängt auch an zu
gieren (hier: luv- bzw. leegierig). Außerdem behindert einen ein solcher
Reflektor nach einer Kenterung, sei es, dass die Rolle bzw. die
Rettungstechniken nicht mehr klappen wollen.
7. Ballast
Je bewusster einem
Küstenkanuwanderer die Gefahren sind, desto mehr Sicherheitsausrüstung schleppt
er mit (z.B. Rettungsweste, Lenzpumpe, Reservehandlenzpumpe, Reservepaddel,
Paddlefloat, Rettungshalteleinen, Paddelsicherungsleine, Schleppleine, Life-Line,
Treibanker, Neo-Kappe, Schutzhelm, diverse Seenotrettungssignalmittel, GPS,
Handy, UKW-Funkgerät, Seenotbake, Rettungsdecke, Seawings, Reserveverpflegung
& -trinkwasser, Reservebekleidung, Thermosflasche). Da ist wahrhaftig kein
Platz mehr in unseren Seekajaks für einen Radarreflektor. Abgesehen davon
sollten wir solides Können und vernünftige Tourenplanung höher gewichten. Ein
Restrisiko wird trotzdem immer verbleiben und ist nicht durch Ausrüstungskäufe
auszuschalten.
8. GPS & Seekarte
Ein GPS-Gerät bietet sich
als moderne Navigationshilfe geradezu an. Aber wir müssen es auch sicher
bedienen können und müssen die besonders wichtigen Wegepunkte bezüglich unserer
Navigationsplanung bereits eingegeben haben. Ohne eine aktualisierte Seekarte
ist jedoch ein GPS nicht viel Wert; denn bislang können wir nur auf der
Seekarte unseren Kurs exakt verfolgen. Wer sich aber einzig auf das GPS-Gerät
verlässt und sich hiervon abhängig macht, paddelt nur in eingebildeter
Sicherheit. Er ist ein armer Sklave, den dann jede Störung schachmatt setzen
kann.
9. Seemannschaft
Wir tun also gut daran,
davon auszugehen, dass wir in unseren Seekajaks nicht gesehen werden, egal ob
mit oder ohne Radarreflektor. Wir sollten versuchen, traditionell und sicher zu
navigieren. Die breite Palette von Können, gründlicher Vorbereitung, sinnvoller
Ausrüstung und Revierkenntnis bietet in Situationen mit plötzlich stark
verminderter Sicht weit mehr Sicherheit als ein Radarreflektor.
Der Seewetterbericht
prognostiziert Nebelgefahren. A und O ist das Verlassen der
Seeschifffahrtsstraßen bei verminderter Sicht. Wichtig ist dann gutes Gehör,
Kenntnis der zu erwartenden Schiffe (hier: Fahrpläne von Fähren und
Ausflugsdampfern; aber Achtung, die bieten nur grobe Anhaltspunkte!) und
fundierte Ortskenntnis. Der Könner erspürt sofort das Verlassen der Priele am
gestiegenen Paddeldruck und liest auch die Wellenrippeln bei Nebel, die
Tiefenänderungen und Strömungsveränderungen anzeigen. Je weiter wir uns vom
Fahrwasser entfernen und je flachere Gewässerbereiche wir aufsuchen (hier:
Fahrt entlang der Wattkante), desto geringer ist die Kollisionsgefahr.
Gleichzeitig wird dabei
aber auch das Navigieren schwieriger, es fehlen die Validierungs-Fixpunkte für
die Navigationskontrolle. Sauberes ununterbrochenes Mitplotten ist wichtig.
Stromversatz und Tidenfließgeschwindigkeit variieren aber, womöglich der Wind
noch dazu. Ohne größere Erfahrung riskieren wir hier jetzt Kopf und Kragen.
Treibende Nebelbänke, sich ständig ändernde Sicht, zeitweise völliges Fehlen
von Anhaltspunkten, wo Wasserfläche, wo Himmel und wo nur Nebel ist, werden den
Fahrtenleiter in Stress versetzen. Wer dann in der Paddelgruppe noch zu jammern
beginnt, unsicher wird und die Geschwindigkeit zusätzlich verändert, riskiert
den baldigen Kontrollverlust; denn so viele für die Navigation bedeutsame und
untereinander vermaschte Parameter sind dann kaum mitzuplotten und die zu
fällenden Entscheidungen werden sehr schwierig.
Eher als es für möglich
gehalten wird, hat wir uns verfranzt und könnten glatt in panisches Irresein
verfallen. Da würden Magnesiumleuchtstäbe in Rot, oranger Rauch und
Seenotraketen auch nur lokale Wirkung haben – also eher sinnlos verpuffen.
Besser sind dann im Kopf sofort klar konstruierte Auffanglinien, zum Beispiel
Sandbänke. Oder wir setzen uns Zeitlimits, nach deren Verstreichen wir
übergehen zum Paddeln von Suchpattern zum Auffinden eines sicheren
Kontrollpunktes.
10. Vernunft
Wer die Grenzen des Machbaren kennt und die gesetzlichen
Regelungen beachtet, wird es nicht als Schande, sondern als Ausdruck guter
Seemannschaft empfinden, bei drohenden Gefahren mit unkalkulierbarem Risiko
durch verminderte Sicht oder Nebel als Passagier auf die Fährschifffahrt
zurückzugreifen oder auf trockenem Boden zu bleiben; denn „Wo wir einen Radarreflektor wirklich brauchen, haben wir eigentlich
mit dem Seekajak nichts zu suchen.“ (J.G.)
Text: Eckehard
Schirmer