Ich
traf einst mal an der Nordostspitze Schottlands ein paar Briten, die mich nicht
nur vor den gefährlichen Strömungen dort oben warnen wollten, sondern mich auch
– obwohl ich ein Skeg-Seekajak paddelte – darauf hinweisen wollten, dass sie es
vorzögen, ganz ohne Steuer bzw. verstellbarem Skeg zu paddeln; denn wenn etwas
an einem Seekajak kaputt ginge, dann ist es i.d.R. das Steuer bzw. Skeg.
Richtig, … aber auch beim „Unten-ohne’“-Seekajak kann etwas kaputt gehen:
nämlich derjenige, der solch ein Kajak unter raueren Bedingungen paddeln muss.
Experten
können sehr gut selber entscheiden, was für sie für welches Paddelrevier und
welches Tourenziel geeigneter ist: Steuer, Skeg oder nix davon. Insofern sind
die folgenden Ausführungen nicht für sie bestimmt, sondern nur für jene
Kanutinnen und Kanuten,
Okay,
bis 2-3 Bft. Wind bzw. bei Gegenwindkursen sind auch diese Kanutinnen und
Kanuten nicht auf ein Steuer-Seekajak angewiesen. Unter solchen Bedingungen
müssten sie ein Skeg-Seekajak bzw. eine „Unten-ohne“-Seekajak beherrschen
können. Viele von ihnen demonstrieren das auch stolz und paddeln ihr Seekajak
meist auf Binnengewässern mit hochgezogenem Steuerblatt. Die Probleme fangen
jedoch – je nach Leistungsfähigkeit – spätestens ab einem 3-4er Seiten- bzw.
Rückenwind an, und zwar insbesondere vor der Küste. Dann trägt nämlich das
hochgezogene Steuerblatt zur Luvgierigkeit bei und müsste eigentlich
vernünftigerweise heruntergelassen werden, wenn man sich nicht Schultern, Ellenbogen,
Handgelenke bzw. den Rücken kaputt paddeln möchte.
Die
meisten Kanuten, die ein „Unten-ohne“-Seekajak
paddeln, scheitern eigentlich schon daran, dass sie nicht den Trimmpunkt ihres
Seekajaks kennen und nicht in der Lage sind, es richtig zu trimmen. Je
schlechter ein solches Seekajak jedoch getrimmt ist, desto besser müssen aber
die Paddeltechnik und die Kondition sein. Leider benötigt ein Kanute viel
Erfahrung, um den Trimmpunkt seines Seekajaks zu bestimmen; denn ich kenne
keinen Hersteller von Seekajaks, der den Trimmpunkt seiner Seekajaks
kennzeichnet.
Entsprechendes
trifft auch für die Skeg-Seekajaks
zu. Das Skeg stellt wohl eine Trimmhilfe dar, ist aber nur bedingt in der Lage,
ein vertrimmtes Seekajak so zu trimmen, dass es wieder neutral läuft, d.h.
weder luv- noch leegierig ist. Das Skeg dient nämlich in erster Linie dazu, ein
richtig getrimmtes Seekajak auch bei Seitenwindkursen geradeaus laufen zu
lassen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass das Skeg die richtige Größe hat.
Wenn der Hersteller nämlich ein zu kleines Skegblatt ausgewählt hat, kann der
Paddler sein luvgieriges Seekajak nur mit Paddeltechnik (hier: asymmetrische
Vorwärtschläge bzw. Rund- bzw. Ziehschläge; Ankanten) und auf Dauer zusätzlich
nur mit Kondition am Anluven hindern. Eine weitere Voraussetzung ist jene, dass
nicht mit Decklast gepaddelt werden sollte. Kaum ein Skeg ist nämlich in der
Lage, die Luvgierigkeit zu korrigieren, die z.B. ein auf dem Achterdeck
verstauter dicker Packsack auslöst. Helfen tut dann nur noch z.B. ein zweiter
Packsack, der aufs Vorderdeck geschnallt wird. Ja, und was ist, wenn in einem
Seekajak das Gepäck so verstaut wird, dass es von Anfang an leegierig ist. Nun,
so etwas kann passieren, wenn die schweren Gegenstände nur im Heck verstaut
werden. Dann heißt es Anlanden und umpacken; denn allein mit Hilfe des Skegs
kann ein leegierig getrimmtes Seekajaks nicht korrigiert werden.
Was
kann nun den anfänglich charakterisierten weniger erfahrenen Kanutinnen und
Kanuten empfohlen werden: Steuer, Skeg oder „unten ohne“?
Wer
von ihnen schneller unterwegs sein will und schneller Kursänderungen vornehmen
möchte, dem kann ich nur zu einem Seekajak
mit Steuer raten. Kurs zu halten, fällt einem in einem Steuer-Seekajak
einfach leichter. Das gilt insbesondere bei Seiten- und Rückenwindkursen.
Natürlich verursacht das Steuerblatt einen zusätzlichen Wasserwiderstand. Aber
in Anbetracht dessen, dass man sich bei einem
Steuer-Seekajak voll auf den Geradeausschlag konzentrieren kann, wird der
bremsende Effekt eines Steuerblattes mehr als kompensiert. Darüber hinaus ist
es bei rauem Seegang vielen nur mit Steuer möglich, ohne große Kenterängste
zügig eine 180°-Kurve zu paddeln. Experten brauchen wohl für solch eine Kurve
kein Steuer und sind mit dem Seekajak auch schneller rum, aber nur die trauen
es sich, unter solchen Seegangsbedingungen ihr Seekajak bis zum Süllrand
anzukanten und dann mit Steuerschlägen herumzuziehen.
Wer
sich nun für ein Steuer-Seekajak entscheiden
möchte, der sollte insbesondere eines mit integriertem Steuer in die engere
Wahl seiner Kaufentscheidung ziehen. Ob er sich dann auch für solch ein Seekajak
entscheidet, hängt natürlich auch von anderen Faktoren ab:
Für
mich bieten „Unten-ohne“-Seekajaks
keine Vorteile. Sie sind eigentlich ein „Nischenprodukt“, sog. „Spielboote“,
geeignet, um in der Brandung, insbesondere in „Tidalraces“ zu paddeln. Wer
damit tagelang Strecke paddeln will, muss topfit sein und sich bewusst sein,
dass er es am Ende der Tour dann u.U. nicht mehr ist.
Skeg-Seekajaks bieten für mich gegenüber
den „Unten-ohne“-Seekajaks den Vorteil, dass sie sich mit dem Skeg leichter
trimmen lassen. Der alleinige Vorteil gegenüber einem Steuer-Seekajak besteht
darin, dass es – den richtigen Trimm vorausgesetzt – nicht ganz so schlimm ist,
wenn das Skeg mal kaputt geht; denn insbesondere die britischen Skeg-Seekajaks
sind so gebaut, dass sie – bei entsprechender Leistungsfähigkeit des Kanuten –
auch ohne Skeg-Einsatz gepaddelt werden können.
Steuer-Seekajaks haben für mich allesamt
den Nachteil, dass immer mal wieder an der Steueranlage etwas kaputt gehen
kann. Mir selber sind in den letzten 25 Jahren zwei Mal die Steuerblätter
abgebrochen. Meist ist der Schaden weniger gravierend, aber weitab von der
Küste vielfach nicht unkritisch:
Eine
Gefahr, die wir kennen, ist keine Gefahr! Wer also ein Steuer-Seekajak paddelt,
sollte vor größeren Touren die Steueranlage daraufhin überprüfen, ob noch alles
in Ordnung ist. Das gilt auch für per Schraubendrehung verstellbare
Sitzschalen. Denn wenn plötzlich die Sitzschale verrutscht, kann weder das
Steuer richtig bedient werden noch verfügt man über den entsprechenden
Sitzhalt, der nötig ist, um ein Seekajak bei Seegang auch ohne Steuereinsatz
auf Kurs zu halten.
Steuer-Seekajaks
mit integrierte Steueranlage (z.B. von Pietsch & Hansen bzw.
Lettmann) haben den Vorteil, dass das Steuerblatt bei Grundberührungsgefahr in
den Rumpf eingezogen werden kann, ohne dass dadurch das Seekajak besonders
luvgierig wird. Sie haben den Nachteil, dass das Steuerblatt bzw. der
Steuerschacht im Unterwasserschiff beschädigt werden kann, wenn man
Grundberührungen mit herunter gelassenem Steuerblatt billigend in Kauf nimmt.
Übrigens, im Falle einer Beschädigung der Steueranlage sind insbesondere die
Pietsch & Hansen-Seekajaks auf Grund ihres ausgeprägten Kielsprungs ab
einem 4er Wind auch von Experten nicht immer beherrschbar. Bei den
Lettmann-Seekajaks wird das wegen des für Lettmann-Seekajaks typischen
geringeren Kielsprungs nicht ganz so problematisch sein, vorausgesetzt der Trimm
stimmt.
Steuer-Seekajaks
mit Heckumklapp-Steueranlage („Flip-off“) (hier wird das Steuerblatt
soweit hochgezogen, bis es auf dem Achterdeck liegt) haben zusätzlich gleich
mehrere Nachteile:
Steuer-Seekajaks
mit dem finnischen „Navigator-Rudder“ haben darüber hinaus den Nachteil,
dass das Steuerblatt beim Surfen relativ schnell aufschwimmt und somit den
großen Vorteil von Steuer-Seekajaks, nämlich länger als mit Skeg-Seekajaks surfen
zu können, nicht besitzen. Deshalb würde ich das
„Navigator-Rudder“ als nur bedingt „surftüchtig“ einstufen.
Steuer-Seekajaks
mit den bei Flusswanderkajaks bekannten „Klapp-Steueranlagen“ haben
demgegenüber den Nachteil, dass das Steuerblatt auch im hochgezogenen Zustand
bei einer Kenterung in der Brandung nicht vor Beschädigung geschützt werden
kann. D.h. kentern wir in der Brandung mit solch einem Steuer und packt die
Brandung das Seekajak und treibt es „rollenderweise“ in Flachbereiche, wird das
Steuerblatt bei Grundberührung abbrechen, zumindest aber verbiegen. Insofern
sind solche „Klapp-Steueranlagen“ praktisch nicht „brandungstüchtig“;
denn gerade in der Brandung sind Kenterungen nicht auszuschließen. Gadermann
bietet u.a. solch eine Steueranlage für seine Seekajaks an. Auch gibt es eine
Firma in Vorpommern, die eine „Klapp-Steueranlage“ entwickelt hat.
Schließlich
gibt es immer mal wieder Seekajaks mit einer Flossen-Steueranlage. Bei
der ist das Steuerblatt wie bei manchen integrierten Steueranlagen unter dem
Rumpf montiert, es kann jedoch nicht in den Rumpf eingezogen werden. Solange es
möglich ist, mit einem solchen Seekajak stets im tieferen Wasser einzusteigen
und ansonsten keine Gefahr der Grundberührung besteht, ist nichts gegen solchen
eine Steueranlagen-Technik einzuwenden. Gerade fürs Paddeln entlang der Küste,
insbesondere bei Brandungsbedingungen sind Grundberührungen jedoch nicht
auszuschließen. Insofern können Flossen-Steueranlagen als nicht
„brandungstüchtig“ eingestuft werden! Eine Ausnahme dazu stellt die vom
finnischen Seekajakhersteller KAJAK-SPORT entwickelte Flossen-Steueranlage dar.
Sie befindet sich nicht unter dem Heck, sondern am Ende des Hecks und besteht
aus elastischem, aber releativ formbeständigem Plastik. Grundberührungen
verkraftet das Steuerblatt ohne Weiteres. Selbst das
Ziehen über Strand und Steine bereitet keine Probleme. Lediglich beim Starten
vom Ufer aus (sog. „Robbenstart“) könnte dieses Steuerblatt einem
Schwierigkeiten machen; denn es scharrt wie ein Pflug über den Boden und bremst
einem dabei ab. Insbesondere bei Brandungsbedingungen könnte es dann passieren,
dass es einem – wenn überhaupt - erst nach mehreren Anläufen gelingt, ins
tiefere Wasser vorzurobben. Solange man immer einen Kanuten im Hintergrund hat,
der einen ins Wasser schiebt, ist das jedoch nicht als kritisch anzusehen.
Ansonsten wird es einem bewusst werden, dass der Start vom Flachen durch die
Brandung ins Tiefe der schwierigste Teil einer Brandungsfahrt ist.
Last
not least, zur Steueranlage gehören auch die Pedalen. In Anbetracht dessen,
dass Paddelarbeit zum Teil auch „Beinarbeit“ ist, sollte darauf geachtet
werden, dass die mit jedem Vorwärtspaddelschlag verbundene Beinbewegung nicht
zu einer Verschiebung der Pedalen und somit zu einem
ungewollten Steuerblattausschlag führt. Steuerpedalen, die es ermöglichen, dass
zumindest der Hacken der Füße so abstützt werden kann, dass daraus keine
Pedalbewegung resultiert, erfüllen diese Forderung. Das trifft in der Regel
jedoch nicht für jene – insbesondere bei den meisten britischen und
finnischen Seekajaks eingebauten - Steuerpedalen zu,
die seitlich, nahe der Innennahtverklebung auf einer Schiene angebracht sind.
Text: U.Beier