06.04.2005 50 Jahre Lindemann-Atlantik-Überquerung (Geschichte)
In der YACHT erinnert Udo Hinnerkopf in dem Beitrag:
„Kurs
West! Nicht aufgeben!“
an Hannes Lindemanns (nunmehr 82 Jahre
alt) erste Atlantiküberquerung im Einbaum. 1956, also 1 Jahr später,
wiederholte er die ca. 4.800 km lange Querung in einem Faltboot, wobei er
jedoch mehr über den Ozean gesegelt als gepaddelt ist.
Quelle:
YACHT, Nr. 8/05, S.64-67 – www.yacht.de
Anmerkungen
U.Beier: Übrigens:
- Hannes Lindemann brauchte 1956 für seine Querung im serienmäßigen
Klepper-Faltboot (520x87 cm; 27 kg) von Las Palmas nach St. Martin (Karibik)
insgesamt 72 Tage.
- Franz Romer dagegen benötigte 1928 im maßgeschneiderten
Klepper-Faltboot (640x100 cm; 73 kg) für die Strecke Las Palmas nach St.
Thomas (Virgin Islands (USA) 58 Tage:
è www.kuestenkanuwandern.de/aktuell.html
> Info v. 10.09.03 (Geschichte)
è www.kuestenkanuwandern.de/aktuell.html
> Info v. 8.04.04 (Geschichte)
- Pete Bray schaffte demgegenüber 2002 in einer Sonderanfertigung
von Kirton-Kayak (inkl. Schalfkabine) die Querung des Nordatlantiks von
Neufundland nach Beldereg (Irland) in 75 Tagen:
è
www.seakayakermag.com/02Feb/atlantic01.htm
è
www.outdoorchalenge.co.uk/nakc2000
è
www.kuestenkanuwandern.de/akutell.html
> Info vom 19.01.2002 (Abenteuer)
- Ed Gillet nahm sich den Pazifik vor. Die Hälfte der Strecke paddelte er notgedrungen – da Flaute
herrschte - , ansonsten ließ er sich von einem Drachsegel ziehen, 1987 in
63 Tagen in einem serienmäßigen Zweier-Seekajak von Monterey
(Kalifornien/USA) nach Maui (Hawaii).
- Und Christoph
Kolumbus segelte mit seiner Karavelle 1492 in 71 Tagen von Palos nach
San Salvador
Dr. med. Hannes Lindemann hat die
Erlebnisse seiner Touren in dem Buch
„Allein
über den Ozean“ (Edition Maritim (184 S.)
veröffentlicht. Hauptsächlich über
seine Faltboot-Tour habe ich 1988 die folgenden Zusammenfassung geschrieben
(siehe: Seekajak, Nr. 14/88, S.67-69):
Hannes Lindemann startet am 20.10.56
von Las Palmas aus mit Kurs auf St. Martin (Karibik):
- Sein Faltboot war ausgerüstet mit: Treibsegel (als
Fock), Gaffelsegel, ein hinter dem Rücken hochgestelltes halbes Paddel
(als Besammast) mit einem 0,75 m² Segel (gut auch als Windschatten), 1/3
Autoschlauch (aufgeblasen) als Ausleger (auf der Leeseite – die Polynesier
fahren den Ausleger auf der Luvseite) und ein um 1/3 verkleinertes
Steuerblatt (damit es von der Wasserwucht nicht so leicht beschädigt
wird!). Für fast alles brauchte Lindemann Ersatzteile; denn fast alles
ging irgendwann unterwegs einmal oder auch mehrmals kaputt!
Ihm ging es dabei nicht um den
„Rekord“, sondern „um die Lösung der
psychologischen Probleme des Überlebens auf See … die Lindemann im
kleinstmöglichen Boot, unter den extremsten äußeren Bedingungen, am besten zu
finden glaubte“. Außerdem wollte er „Schiffbrüchigenproblemen“ nachgehen. „Moral, Anpassungsfähigkeit, positive
Denkweise und richtige Führung“ scheinen für Lindemann der Schlüssel zum
Überleben auf See zu sein. So berichtet er von einem Notfall, wo fast alle
Schiffbrüchigen innerhalb von 6 Tagen umkamen, obwohl ohne jegliche Wasser- und
Lebensmittelvorräte in dieser Gegend 9 Tage Überleben möglich gewesen wäre. In
einem 24seitigen Schlussabschnitt Lindemann auf entsprechende Probleme ein, so
auch auf das Beten:
- „Richtiges Beten
kann Heilung und Entspannung Erholung und Kraftgewinn bedeuten.“
Lindemann weist besonders auf die
Bedeutung des „Autogenes Trainings“ hin:
- „Eine Methode,
sich konzentrativ zu entspannen, von der Außenwelt abzukehren und in sich
selbst zu versenken und … seinem Unbewussten Vorsätze zu geben, die in
kritischen Momenten durchbrechen und einem helfen sollen.“
So „pflanzte“
sich Lindemann vorher 6 Monate lang folgende „formelhaften Vorsätze“ in sein Unterbewusstsein ein:
- „Ich schaffe
es!“ – „Nicht aufgeben!“ – „Kurs West!“ – „Nimm keine Hilfe an!“
Lindemann ist der Überzeugung, dass er
die vielen Krisensituationen nicht ohne dieses mentale Training gemeistert
hätte.
Auch versuchte er mit Hilfe des „Autogenen
Trainings“ die Durchblutung der problematischen Körperteile zu beeinflussen und
zu fördern. So betrieb er 3x täglich für 5 Minuten „Gefäßgymnastik“, d.h. in
völlig entspannter Lage konzentrierte er sich auf Folgendes:
- „Ich bin ruhig –
ganz ruhig, alles ist ruhig, mein Körper ist locker – ganz locker,
vollkommen entkrampft, meine Sitzfläche wird warm – ganz warm, sie ist
warm, meine Sitzfläche wird angenehm warm durchflossen.“
Diese Übung setzte er solange fort, bis
er die vermehrte Durchblutung als Wärmegefühl empfand. Bei bewegtem Wetter
verzichtete er jedoch hierauf. Mehr dazu kann in seinem folgenden Buch
nachgelesen werden:
„Überleben
im Stress. Autogenes Training“
Was ist aus der Sicht des
Küstenkanuwanderns sonst noch besonders bemerkenswert?
- Presse: Von seinen
Touren wurden vorher nur einige wenige Eingeweihte informiert. Die Presse
blieb außen vor.
- Verpflegung: ca. 100
kg (Erbsen, Bohnen, Honig, Fruchtsalat, Knoblauch, Karotten, Käse, Thunfisch,
pro Tag 1x Biere und kondensierte Milch in Dosen bzw. Gläsern) insgesamt
1.300 Kilokalorien pro Tag und 0,6 Liter Flüssigkeit pro Tag.
- Fischfang: per
Hand, mit Blinker, mit Köder, am besten mit Unterwassergewehr bzw.
Dreizack (von der 3. – 7. Woche je Tag ca. 850 – 1.000 Kilokalorien/Tag =
1 kg).
- Wassersuche: per
Segel auf Spritzdecke und über Schwamm in Flaschen (aber erst ab der 2.
Reisehälfte). Dem Fischfleisch war jedoch kein Wasser zu entziehen (z.B.
durch Kauen, Ausquetschen bzw. V-förmige Einschnitte) und der Konsum von
Fischfleisch macht die Zufuhr zusätzlichem Wassers zwecks Verdauung
erforderlich. Der Morgentau brachte auch nichts.
- Stuhlgang: alle 5-7
Tage bei ruhigem Wetter.
- Hygiene: sofern
möglich jeden Mittag – Kleider trocknen! – Körper wachsen und einpudern –
Sonnenbaden. (Im obigen YACHT-Beitrag ist dazu Folgendes zu lesen: „… der
Preis (dafür) ist hoch. Sein Gesicht ist gezeichnet von einer Operation. „Ich habe mich damals nicht genügend
geschützt. Heute wissen wir mehr übere Hauptkrebs. Ich dachte, wenn ich
gut gebräunt bin, ist das genug. Ich hatte keinen Kopfschutz dabei. Die
Haut verzeiht nichts.““)
- Hände: Wenn mit nassen
Händen zu lange gearbeitet werden musste, „ließen sich die Schwielen an den Händen wie Zwiebelschalen
abpellen. Mitunter kam sogar das rohe Fleisch zum Vorschein, sodass die
Hände mit Mull, Tüchern und Strümpfen umwickelt werden mussten, um
überhaupt noch etwas anfassen zu können.“
- „Psychohygiene“: „Das wichtigste ist in guter seelischer
Verfassung zu bleiben, Humor zu behalten und die Moral nicht zu
verlieren.“
- Hungergefühl: nur in
den ersten Wochen.
- Schlaf: max. 4 Tage und
Nächte war es möglich, wach zu bleiben (mit je 5 Minuten „Schlafkonzentration“),
dann waren alle 2 Tage ein paar Stunden Schlaf fällig. Sonst: viel Dösen,
Entspannung (Puls ging von 60 auf 32 herunter) und kurzes Einnicken (das
schlechte Gewissen und das Wetter weckten einen schon wieder auf!).
Schlaftechnik: Nach links zum Auslegen auf die Seite legen und schlafen,
bis es drückt, dann Druckstellen kurieren lassen und erneuter Versuch usw.
usf. (jede Schlafphase dauerte höchstens ½ Std.). Ab Windstärke 5 Bft. war
aber freiwilliges Einschlafen nur im Schutz eines Treibankers (der sich
jedoch mit der Ruderanlage leicht verhedderte) möglich.
- Krankheiten:
Hautallergie wegen Ölhauthose (d.h. nur mit erprobter Kleidung sollte
gestartet werden), Eiterpusteln auf der Haut (öffnen und bei Sonne
trocknen lassen), Knieschwellungen (Penicillinspritzen), Magenkrämpfe
(Entspannungsübungen), Sodbrennen vom rohen Fischfleisch. Allgemein gilt: „Der Zustand der Haut ist ein getreues
Abbild des Wetters!“ – War die Sitzfläche durchnässt, „dann zeigte sich binnen Stunden eine
schmerzhafte Rötung, der schnell Pusteln und Furunkel folgten.
Gummiluftkissen verschlimmerten die Situation, weil sie die nasse Kleidung
erst richtig an den Körper drückten und keine Luft zum Trocknen heran
ließen.“
- Halluzinationen:
Geräusche wandeln sich zu menschlichen Stimmen – Lindemann unterhält sich
mit dem Segel und Ausleger. Von einem vorbeikommenden Dampfer wird ihm
zugerufen. „Mein lieber Lindemann,
seien Sie doch kein Dickkopf …“ Der Dampfer war wohl - wie
Nachprüfungen ergaben - echt, alles andere aber Einbildung! Optische
Halluzinationen (z.B. Lebensmittelgeschäft, Windstille hinterm Bootshaus)
verleiten ihn dazu, sein Boot zu verlassen. – Akustische und optische
Halluzinationen traten meistens während der Sturmzeiten auf. Geringe
Nahrungsaufnahme und ein paar Minuten Schlaf können sie wieder
verschwinden lassen!
- Dampferbegegnung am 36. Tag: Gratisverpflegung wird dringend benötigt, aber
revlexartig (dank Autogenem Trainings?) abgelehnt.
- Wetter: An den ersten
28 Tagen insgesamt 9 Tage Gegenwind (d.h. Segel ‚runter und Treibanker
‚raus). Die letzten 3 Wochen nur noch Sturm (bis 8-9 Bft.) (d.h. 3 Wochen
nasse Kleidung und Hautprobleme). – Übrigens bei seiner Einbaum-Tour
herrschten in den ersten 41 Tagen 17 Tage Gegenwind und 10 Tage recht
flaue Nordostwinde.
- Sturm: „Brecher donnerten wie Streifschüsse am
Boot vorbei! … Sie polterten wie Felsen auf mein Deck!“
- Haie: Alle Haie
benahmen sich aufdringlich, wenn das Boot nur langsam vorankam. Sie
suchten regelrecht mit ihrem Rücken bzw. ihren Flossen die Berührung mit
dem Bootsrumpf. Einmal wurde sogar die Steueranlage beschädigt.
- Navigation:
Lindemann benötigte Kompass, Libellensextant, Küstenhandbücher, Seekarten,
Chronometer, Navigationstafeln, Sonne und Sterne. Insbesondere die
Breitenbestimmung war auf +/- 10 Seemeilen genau. Die Längenbestimmung
ermittelte er grob aus dem Zeitunterschied zwischen Greenwich- und
Lokalzeit.
- Vögel: Die Kenntnis
einiger Seevögel hilft einem bei der Orientierung, z.B. gehört der
atlantische Sturmvogel zur Ostseite des Atlantiks (Lindemann sah ihn etwa
die Hälfte seiner Tour), Tropikvögel sind „Amerikaner“ (da sie nur
tagsüber auf dem Meer sind, künden sie max. 200 Seemeilen nahes Land an)
und Küstenseeschwalben (dann sollte man sich schon auf den Landgang
vorbereiten, wenn man nicht aus Versehen zwischen den Kleinen Antillen
durchsegelt ins nochmals bis zu 2.300 km breite Karibische Meer).
1. Tag: Polizeiboot überfahrt den Ausleger;
2. Tag: Seitenschwert geht verloren;
57. Tag:
Kenterung (fast alles geht verloren; 9 Std. im Wasser);
59. Tag:
Kenterung (der Rest ist auch weg, bis auf 11 Dosen Milch á 410 gr.);
60. Tag:
Sextant ist verrostet;
66. Tag:
Steuerblatt verloren (zum zweiten Mal; nun wird mit dem Paddel gesteuert, mal
vorwärts, mal rückwärts!).
- Erlebnis: „Während der Nacht baumelt ein frischer Köder im
Wasser, der bald hell aufleuchtet. In seinem ich konnte ich lesen.“
- Körpergewicht: Vor der
Fahrt wurde soviel wie möglich gegessen. Die Umstellung von „Völlerei“ auf
„Schmalspurkost“ ist unproblematisch. Startgewicht bei 1,83 m Körpergröße:
90 kg – Gewichtsverlust: 25 kg.