12.07.2003 Handbuch Kanusport (Ausbildung/Gesundheit)
Axel Bauer & Sigrun Schulte haben eine
überarbeitete Neuauflage des folgenden Buches herausgebracht:
Handbuch für Kanusport. Training und
Freizeit
2. Aufl. 2003 (265 S.)
Auch wenn die Autoren sich neben dem
Wanderfahren überwiegend mit Wildwassfahren und Kanupolo auseinandersetzen,
fällt doch auch etwas für das Küstenkanuwandern ab, und zwar nicht nur die
Aussage, dass "Fahrer, die beim Vorwärtspaddeln den Paddelschaft weniger
steil führen, sinnvollerweise eine geringere Drehung (des Paddels) brauchen als
sehr steil fahrende Kanuten. Langstreckenseekajakfahrer haben teilweise 0°
Drehungen, diese Paddel scheränken ihre Einsatzmöglichkeiten allrdings
erheblich ein." (!?)
Immer wieder interessant ist die
Beschreibung des Grundschlag vorwärts, d.h. der "Erzeugung eines
geradlinigen Antriebs", und zwar auch für die, die meinen, ihn zu
beherrschen (s. S.88ff.).
Die folgenden Bewegungsschritte
werden u.a. aufgeführt:
- "Grundlage der Vortriebserzeugung im Wasser ist ... das
Bemühen, mit dem Paddelblatt im Wasser einen imaginären
"Fixpunkt", einen Widerstand zu finden, von dem man sich optimal
abdrücken kann." D.h.: "Fahrer und Boot ziehen sich am im Wasser
nahezu fixierten Paddelblatt vorbei."
- "Die Durchzugsrichtung des Paddelblatts im Wasser ist, vom
Fahrer aus betrachtet, nicht parallel zur Bootslängsachse, sondern
verläuft nach einem kurzen, geradlinigen Anriss nach hinten außen. ...
Diese Bewegungsrichtung hat neben ... hydrodynamischen Aspekten auch
muskelphysiologische Gründe. Würde man das Paddelblatt an der
Bootslängsachse entlangziehen, würde die Arbeit vorwiegen von der relativ
kleinen Muskulatur der Oberarme geleistet (statt von den) großen
Muskelgruppen des Rumpfs."
- "Ausgangspunkt der Bewegung beim Grundschlag vorwärts ist eine
Drehung des Oberkörpers um die Körperlängsachse ... In der
Ausgangsstellung - zum Beispiel beim ersten Schlag auf der linken Seite -
ist die Schulterachse um ca. 30-40° gegenüber dem Becken verdreht, sodass
die linke Schulter nach vorn zeigt."
- "Die Beugung zwischen Ober- und Unterarm nimmt während des
Vorbeiziehens nur leicht zu und erreicht in der Endphase einen Wert von
ca. 150°."
- "Die Funktion des Druckarms (rechter Arm bei Durchzug auf der
linken Seite) ist untergeordnet, sie hat Führungs-, Stabilisations,
Unterstützungs- und Lagerfunktion."
- Übrigens: "Die Bewegung geht vom Körperzentrum (Rumpfmuskulatur)
aus und setzt sich nach dem Prinzip der kinematischen Kette in die
Peripherie (Muskulatur des Unterarms) fort."
- "Das Paddelblatt verlässt das Wasser, wenn die Zughand
ungefähr auf Höhe des Körpers angelangt ist ,,,"
- "In der Aushubphase zeigt sich, warum die Paddelblätter
gegeneinander verdreht sind (je nach Stil, Disziplin und persönlichen
Vorlieben um 45-85°): Wird das Paddelblatt ... aus dem Wasser gehoben,
geschieht das dadurch, dass der Unterarm im Ellenbogengelenk um den
Oberarm rotiert, es ist also praktisch kein Nachdrehen im Handgelenk
erforderlich ... Dass das Paddelblatt auf der jeweils gegenüberliegenden
Seite aerodynamisch günstig flach durch die Luft geführt wird, ist ein
angenehmer Nebeneffekt ... aber nicht die Begründung für die
Blattdrehung."
- Es "ist darauf zu achten, dass der Paddelschaft locker in der
Hand gehalten wird. In der Zugphase liegt der Schaft in den
Fingergliedern, in der Druckphase in den Schwielen der Hand. Niemals
greift die Hand mit der ganzen Handfläche zu. Die
"Verkrampfungen" ... provozieren Fehlstellung im Handgelenk und
damit die Gefahr von Überlastungen."
... und die folgenden Anfängerfehler
u.a. erwähnt:
- "Das Handgelenk (des Druckarms) ist in
"Pfötchenstellung" über den Schaft abgeknickt bzw. überstreckt (Gefahr
von Sehnenscheidenentzündungen)."
- "Das Paddelblatt bleibt zu lange im Wasser, dadurch wirkt auf
das Boot mit jedem Schlag eine Drehkomponente (Wirkung des
Bogenschlags)."
- "Der Oberkörper weicht dem aufzubauenden Druck aus und bewegt
sich ähnlich wie beim Rudern um die Breitenachse nach vonre und
hinten."
- "Der Fahrer "hängt" in Rückenlage im Boot ... und
vernachlässigt (dadurch) die Rückenmuskulatur."
Leider sagen die Autoren nichts darüber aus:
- mit welcher Armstellung das Paddel zu halten ist?
- wie steil bzw. wie flach das Paddel zu führen ist?
- wie die Beine beim Paddeln einzusetzen sind?
Nicht weniger aufschlussreich sind die
Aussagen zum Erlernen der Kenterrolle (didaktische Vorüberlegungen,
Funktionsanalyse, methodische Überungsreihe, Fehler, Verfestigen des
Eskimotierens, Feinformen u.a.).
Informativ sind auch die Ausführung zum
Thema Verletzungen und Überlastungen.
Das gilt auch für jenes, was über Sehnenscheidenentzündungen
geschrieben wird, einer Verletzung, die doch immer wieder bei längeren Küstenkanuwanderungen
auftreten, bei den bei meist kälterem Wetter nicht so durchtrainierte und
erfahrene bzw. nach langer Winterpause wieder im Kajak sitzende Kanuten allzu
verkrampft paddeln und nicht die Ruhe finden, sich zwischendurch zu erholen:
Krankheitsbild:
- "Am häufigsten ist sie durch das Paddeln im Bereich des
Handgelenks zu finden."
- "Sie zeichnet sich durch eine Verdickung des erkrankten
Sehnenbezirks mit Druck und Bewegungsschmerzen aus."
- "Die Bewegung ist eingeschränkt, führt zu Schmerzen und ist
manchmal mit einem knarrenden Geräusch verbunden."
Ursachen:
- "Sie wird durch ein verkrampftes
Führen des Paddels unter Mitbewegung der Handgelenke hervorgerufen, tritt
also häufig im Anfängerbereich auf."
(Anmerkung: Aber auch bei anhaltend schwierigen Gewässerbedingungen (hier:
böiger Wind, kabbliger Seegang) bzw. lang andauernden Tour mit relativ
hohem Tempo, d.h. wenn alle Aufmerksamkeit der Umgebung gewidmet wird und
nicht der Paddelführung.)
- "Kalte Witterungsbedingungen fördern ihre Entstehung."
Abhilfe:
- "Das Warmhalten der Arme (vermindert die Gefahr, dass die
Sehnen sich entzünden)."
(Anmerkung: Erreicht werden kann das durch Paddelpfötchen bzw.
(abschnittene) Ärmel mit festem (Neo- o. Latex-Bund).)
- "Das Erlernen einer lockeren Paddelführung, bei der die
Handgelenke nicht mitbewegt werden, setzt die Gefahr einer
Sehnenscheidenentzündung herab."
- "Lockerungs- und Dehnungsübungen dürfen bei jeder längeren
Beanspruchung nicht vernachlässigt werden."
(Anmerkung: Es sind also immer wieder Pausen einzulegen, in denen man
nicht nur trinken, sondern auch seine Arme lockern sollte.)
Weitere Ausführungen gibt es über Schulterverletzungen
(Problem: "Hohe Stütze"), richtige Sitzhaltung und die
richtigen Dehn- & Kräftigungsprogramme. Letzteres wird beim
Küstenkanuwandern nicht immer ganz "ernst" genommen, obwohl es doch
ab & an - z.B. bei Touren durch die Brandungszone - angebracht wäre, vorher
ein paar "Aufwärmübungen" anzusetzen. Dabei macht das Buch auf Folgendes
aufmerksam:
- "Bei Dehnübungen sollte beachtete werden, das statische,
gehaltene Dehnprogramme nach heutigem Kenntnisstand nicht zur entspannend
wirken und damit die psychische Leistungsbereitschaft herabsetzen, sondern
auch die Fähigkeit zur anschließenden Kraftentwicklung herabgesetzt.
Dynamisches, aktives, federndes Dehnen ist deshalb vor der Belastung
sinnvoller."
- "Statische Dehnprogramme empfehlen sich nach dem Paddeln zur
Kompensation, Regeneration, zum so genannten Cool down. ... Eine häufige
Wiederholung derselben Übungen verbessert die Durchführung erheblich und
ist deshalb einem ständig wechselnden Programm vorzuziehen."
Insgesamt werden 14 Dehnübungen bildlich
vorgestellt und erläutert. Dazu kommen noch 6 abgewandelte Dehnübungen, die
unterwegs im Kajak praktiziert werden können. Weiterhin wird "zum
Ausgleich muskulärer Dysbalancen" ein kanuspezifisches Kräftigungsprogramm
mit 5 Übungen vorgeschlagen.
Die Autoren außern zum Schluss ihres
Handbuchs noch ein paar Gedanken über Naturschutzinteressen & umweltpädagogischer
Verantwortung.
Bezug: www.amazon.de