06.12.2005 Unterkühlung: Praxiserfahrungen contra
Statistikzahlen? (Gesundheit)
Im
SEEKAJAKFORUM.de finden wir einen kurzen Beitrag über
„Kaltes Wasser
Selbstversuch 111 m bei 5 Grad“
In
dem Thread berichtet der Schweizer Rene
von einem Versuch, bei dem er im Rahmen einer Schwimmveranstaltung
(„Sanmichlaus Schwimmen“) unter Aufsicht im ca. 5° C kalten Wasser ca. 111 m
weit geschwommen ist, und zwar ohne sich vorher mit Melkfett eingeschmiert zu
haben und mit nichts an außer einer Badehose und Badekappe.
Der Selbstversuch von Rene
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Zeitpunkt |
Empfindungen |
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Vorbereitung: Warmpaddeln, anschließend ein Kübel Wasser über den Körper und dann ab ins
Wasser. |
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0 Meter |
„Das
Reinspringen … spüre ich nicht so … erstaunlich erträglich!“ |
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5 Meter |
„Ist
ja erbarmungslos kalt. Scheiße, was mach’ ich da!“ |
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20 Meter |
„Schweine
kalt und schon außer Atem … ich muss relaxen!“ |
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35 Meter |
„Wo
sind die nächsten Rettungsboote (eine erste ernste Krise)!“ |
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55 Meter |
(spätestens
nach ca. 67 Sek.): ´“Die Hälfte … Krise … Beine sinken immer tiefer … Kopf ja
nicht ins Wasser … einfach zu kalt. Ich schaffe es nicht!“ |
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75 Meter |
(spätestens
nach ca. 90 Sek.): „Endlos weit noch und Krämpfe in den Beinen … Wasserlage
immer schlechter … (Ich muss es schaffen … Zweifel…)!“ |
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90 Meter |
„Ich
kann es schaffen … Schwimmbewegungen schon verlangsamt!“ |
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100
Meter |
(spätestens
nach ca. 109 Sek.): „Wann hört es auf. Es ist bitter kalt und alles in
Zeitlupe!“ |
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111
Meter |
(nach
135 Sek.): „Mit Krämpfen in den Beinen steige ich aus … Das ganze dauerte ca.
2 – 2:15 Minuten … sonst schwimme ich 100 m in 1:20 Minuten. |
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Quintessenz: „Ich hätte keine 100 m weiter ausgehalten. …“ „Bei kaltem Wasser
gehe ich nur noch mit dem Trockenanzug Paddeln!“ |
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Untergangsszenario
Jeder
„Selbstversuch“ ist anerkennenswert, sofern er unter kontrollierten Bedingungen
erfolgt und die Ergebnisse Nutzen für die Allgemeinheit versprechen. Rene
schwamm quasi „unter Aufsicht“. Hoffentlich hätte die „Aufsicht“ (hier: Taucher
im Begleitboot), die ja sicherlich auch auf die anderen Schwimmer aufzupassen
hatte, rechtzeitig das Untergehen von Rene bemerkt. In der Regel versinkt
nämlich bei Kalt-Wasser-Bedingungen ein Schwimmer:
Trotzdem
steht es gerade uns Kanutinnen und Kanuten nicht an, Rene den Vorwurf zu
machen, dass er sich bei diesem Versuch in Lebensgefahr gebracht hat. Das gilt
zumindest für die meisten von uns, die bei Kalt-Wasser-Bedingungen, also
zwischen November und März, paddeln gehen und sich dabei mehr oder weniger
bewusst ebenfalls einem Selbstversuch unterziehen, oder nicht!?
Ich
sehe es zumindest als ein Selbstversuch mit eben demselben Risiko an, welches
Rene einging, wenn wir ohne Kälteschutzkleidung (Neo bzw. Trockenanzug) und
ohne Rettungsweste in der Wintersaison ohne Beherrschung der nötigen
Rettungstechniken (hier: Rolle bzw. Wiedereinstiegstechniken) solo paddeln
gehen, und quasi davon ausgehen, nicht zu Kentern, bzw. darauf setzen,
irgendwie nach einer Kenterung schon an Land zu kommen. Wir tun’s einfach und
lassen es immer und immer wieder darauf ankommen, getreu des Mottos:
„Das gefährlichste an
unserer Tour ist die An- und Rückfahrt mit dem Auto!?“
Im
Unterschied zu Rene begeben wir uns aber „ohne Aufsicht“ aufs Wasser. Das
trifft nicht nur für Solo-Paddler zu, sondern gilt auch bei einer Gruppenfahrt,
und zwar dann:
Kalt-Wasser-Folgen
Ist
es erstaunlich, dass Rene diese Schwimmstrecke geschafft hat? Die von mir gesammelten
statistischen Daten zu den Folgen der Unterkühlung:
www.kanu.de/nuke/downloads/Gefahr-Unterkuehlung.pdf
sprechen
nicht dagegen:
Diese Zahlen betreffen einen durchschnittlichen
Bevölkerungskreis. Rene ist sicherlich zu den sportlicheren, zäheren Typen zu
zählen und gehört eher ins erste Drittel der Überlebenden und nicht ins letzte
Drittel der Sterbenden. Außerdem ist über die Hälfte dieser Todesfälle auf ein
Krampf im Luftweg zurückzuführen (sog. „Trockenes Ertrinken“), der automatisch
eintreten kann, wenn kaltes Wasser in Mund oder Nase eindringt. Rene ist nun
aber nicht per Kenterung kopfüber ins Wasser geraten, sondern zu Fuß ins Wasser
gestiegen.
D.h. nicht jeder erleidet einen Kälteschock. Wer
vorher wie Rene seinen Kreislauf auf Schwung bringt und sich dann auch noch mit
einem Kübel Wasser abkühlt, bevor er ins Wasser springt (ich vermute, Rene tat
es nicht per Kopfsprung!?) hat größere Chancen, am Kälteschock vorbei zu
schrammen, als einer, der gesundheitlich geschwächt und durch lange Fahrt
körperlich ausgelaugt ist.
I.d.R. kann dies nur gelingen, wenn wir uns mehrmals
wöchentlich dem kalten Wasser aussetzen. - Ich kenne einen Winterschwimmer, der
nach einer 14-tägigen Auszeit wegen Grippe mitten im Winter sich nicht mehr in
der restlichen Winterzeit ans kalte Wasser gewöhnen konnte. Abgesehen davon
hängt die „Kaltwassertüchtigkeit“ einer Person auch von individuellen Faktoren
ab. Rene ist kein „harter“ Bursche weil er kalt duscht, sondern er duscht kalt
und geht bei 5° C schwimmen, weil er ein „harter“ Bursche ist!
D.h. bei +5°C Wassertemperatur verbleibt uns eine
Nutzzeit von 5 Minuten. Danach bekommen wir ernsthafte Probleme. Rene hat die
ersten Probleme schon nach 1 ½ Minuten. Er sagt selber, dass er weitere 100 m
Schwimmstrecke nicht geschafft hätte. Für die ersten 100 m hat er ca. 2 Minuten
benötigt, die zweiten 100 m hätte er sicherlich nicht innerhalb der Gesamtzeit
von 5 Minuten geschafft.
Nach diesen Zahlen hätte Rene zumindest die Chance
gehabt, ca. ½ Std. lebend zu erreichen, so lange es im gelungen wäre, sich an
einem Gegenstand über Wasser zu halten.
D.h. nach diesen Daten haben die Retter noch verdammt
lange Zeit, einen zu bergen, sofern die im Wasser treibende Person über ein
Auftriebsmittel (hier: ohnmachtsicher Rettungsweste?) verfügt. Spätestens nach
3 Std. sind wir nach diesen Daten ohnmächtig, aber dank einer ohnmachtsicheren
Rettungsweste noch längst nicht tot.
Fazit
Rene’s
Entschluss nach diesem Schwimmerlebnis, bei Kalt-Wasserbedingungen nur noch mit
Trockenanzug zu paddeln, ist nur konsequent. Fast jeder Küstenkanuwanderer, der
mal bei solchen Temperaturen gekentert ist, hat nahezu dieselben Konsequenzen
gezogen. Wir sollten aber dabei nicht vergessen, dass der Trockenanzug als
solcher nur für die Trockenheit im Anzug sorgt (vom Schweiß mal
abgesehen). Für die Wärme sorgt allein dicke Fleece-Bekleidung,
die wir unter dem Trockenanzug tragen. …. Aber wie uns die Zahlen verdeutlich,
reicht ein Trockenanzug inkl. Fleece-Bekleidung allein nicht aus. Zumindest im
Winter sollte auch eine ohnmachtsichere Rettungsweste getragen werden
wenn es hinaus auf ein Großgewässer geht.
Zum
Schluss sollte uns eines noch klar sein. Beim Kalt-Wasser-Paddeln dürfen wir nie
auf eine einzige Karte setzen. Zu unseren
„Trümpfen“ zählen:
Je
mehr „Trümpfe“ wir in der „Hand“ behalten, desto geringer ist das Risiko, das
„Spiel mit dem Tod“ zu verlieren.
Unter
„Constitution“ ist übrigens die körperliche Verfassung &
Leistungsfähigkeit zu verstehen. Wir können sie persönlich eigentlich erst dann
beurteilen, wenn wir ins kalte Wasser gefallen sind.
Und
unter „Distanz“ ist die Entfernung zum rettenden Ufer gemeint. Sie ist
so minimal wie möglich zu halten. Dass Rene, nur mit Badehose und Badekappe
bekleidet, bei 5° C Wassertemperatur 111 m schwimmend zurücklegen konnte, soll
uns nicht denken lassen, dass wir das auch schaffen können. Selbst Rene kann
sich nicht sicher sein, beim nächsten Mal wieder 111 m weit zu kommen. Ein
kleiner Infekt, etwas unausgeschlafen, 2 Wochen nicht mehr Sport getrieben, von
langer Tour ausgelaugt bzw. vom Windchill ausgekühlt, eine sich nur schwer
öffnende Spritzdecke u.v.a. reichen aus, um urplötzlich in Schwierigkeiten zu
geraten.
Wenn
dann die „Ausrüstung“ nicht stimmt (z.B. seetüchtiges Kajak,
kältetüchtige Bekleidung) und es an der „Begleitung“ mangelt, sei es,
dass wir als überzeugte Solisten ganz auf sie verzichteten bzw. dass sie nicht
in der Lage ist, uns zu helfen, befinden wir uns auf einer „Gratwanderung“,
deren Ausgang offen ist.
Text: U.Beier – www.kanu.de/kueste/
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