23.01.2006
Kälteschockreaktionen (Gesundheit)
Im SEEKAJAKFORUM.de erläutert Mark
Huber die Auswirkungen einer Kälteschockreaktion, nämlich den Verlust der
Atemkontrolle. Er schreibt u.a. folgendes:
Akutes Eintauchen in Kaltwasser führt zu einer Reihe von
Reaktionen, die nur teilweise bewusst beherrscht werden können, oft entziehen
sie sich einer willentlichen Kontrolle, wie z.B. der Verlust der Atemkontrolle:
- Kurzzeitige
Atemblockade: Gerät der Kopf plötzlich vollständig unter Wasser, kann das zu
einer Atemblockade führen, d.h. nach dem Auftauchen sind wir kurzzeitig
nicht in der Lage, zu atmen. Nicht auszuschließen ist dabei ein
Stimmritzenkrampf (Laryngospasmus), der zu trockenem Ertrinken
führen kann.
- Unkontrolliert tiefes
Einatmen: Ausgelöst durch den Kontakt der Haut mit dem Kaltwasser kann es
stattdessen auch zu einem nur schwer kontrollierbaren Reflex zu vertieften
Atemzügen kommen. Ist dabei der Kopf unter Wasser, wird Wasser inhaliert,
was zu einem akuten Lungenversagen und nassem Ertrinken führen
kann.
- Hyperventilation
(Hecheln): Nach den anfänglich tiefen Atemzügen kommt es nach ca. 30 – 60
Sekunden zur unkontrollierten Hyperventilation, d.h. zu einer 4- bis
5-fach gesteigerten Atemfrequenz. Auch Geübte brauchen dann etwa 5
Minuten, um die Atmung etwa auf eine 2-fach erhöhte Atemfrequenz
herunterzubringen.
- Hyperventilationstetanie: Diese
Hyperventilation führt zum vermehrten Abatmen von CO², was eine
Verschiebung des Blut-PH ins Basische verursacht (= respiratorische
Alkalose). Dies führt zur sog. Hyperventilationstetanie, die wiederum
Muskelzittern, Taubheitsgefühle, Krämpfe in den Armen und Beinen sowie
eine Minderung der Gehirndurchblutung zur Folge hat. Das kann einerseits
rasche Handlungsunfähigkeit zur Folge haben und führt andererseits zur
Verwirrtheit.
- Atemnot: Trotz der
beschleunigten Atmung und der vermehrten Atemtiefe besteht ein
„Lufthunger“, ein Gefühl der Atemnot, das in den ersten 3 Minuten zu einer
zunehmenden Panik führt, was zusammen mit der oben erwähnten Verwirrtheit
zu unkontrollierten Verhalten führen kann und den Versuch einer bewussten
Atemkontrolle erschwert oder unmöglich macht.
- Koordinationsprobleme: Der Verlust der
Atemkontrolle erschwert auch, die Schwimmbewegungen mit der Atmung zu
koordinieren, wodurch die Gefahr des Verschluckens oder Einatmens von
Wasser besteht, wobei ersteres zur rascher Unterkühlung und letzteres zu
Lungenversagen führen kann.
Dieser auf einen Kälteschock zurückzuführende Verlust der
Atemkontrolle macht deutlich, dass es Kanutinnen und Kanuten nichts nützt, wenn
sie die Rolle beherrschen, solange sie sich nicht durch entsprechende Kleidung
gegen das kalte Wasser schützen (z.B. Trockenanzug mit integrierten Füßlingen,
dicke Fleece-Unterbekleidung, Neohaube, Neohandschuhe) und – last not least –
mit Hilfe einer Nasenklammer, die sie spätestens bei kritischeren
Gewässerbedingungen aufsetzen, verhindern, dass kaltes Wasser über die Nase
direkt in den Kopf eindringen kann.
Ein solcher Kälteschutz beugt nicht nur dem Verlust der
Atemkontrolle vor, sondern auch allen anderen Kälteschockreaktionen:
- Luftknappheit: Die Fähigkeit die
Luft anzuhalten ist im Kaltwasser wenigstens um 2/3 vermindert. Eine
Studie an Freiwilligen zeigte in +5° C kaltem Wasser eine
durchschnittliche Reduktion von 45 Sekunden auf 9,5 Sekunden. D.h. nach
einer Kenterung empfinden wir sofortigen „Lufthunger“. Da bleibt wenig
Zeit, kontrolliert die Spritzdecke zu öffnen und auszusteigen, geschweige
denn, sich auf die Durchführung der Rolle zu konzentrieren und sie
fehlerfrei auszuführen.
- Kälteschmerz: D.h. nach dem Kentern
löst der Kontakt mit dem kalten Wasser am Kopf solch einen
handlungslähmenden Schmerz aus, dass an ein Hochrollen nicht mehr zu
denken ist.
- Verlust des
Gleichgewichtsgefühls: D.h. nach dem Unterwasserausstieg, wissen wir nicht mehr,
wo die Wasseroberfläche ist.
- Panik: Nicht nur plötzliche
Luftnot, sondern auch der Kälteschmerz und Desorientierung können zu Panik
führen, die wiederum einen Flush von Stresshormonen freisetzt, der für
Menschen mit vorgeschädigten Herzkranzgefäßen einen so massiven
cardiovaskulären Distress bedeuten kann, dass diese an einem akuten
Herzinfarkt versterben können.
In einer Ergänzung zu diesem Beitrag schildert Ralf Schmidt die Auswirkungen einer
Kenterung in einem eiskalten Badesee, auf dem er an einem Märztag (!) gepaddelt
ist.
Im letzten März habe ich im nahen Badesee ein bisschen Rollen
& Stützen geübt, natürlich mit Trockenanzug, Neoprenhaube und Handschuhen.
Das eiskalte Wasser war auszuhalten. Ich hatte keine Probleme. Danach wollte
ich mich etwas auflockern und bin ein paar mal den See hoch und runter
gepaddelt, habe so nebenbei noch etwas Ankanten geübt, danach Aufkanten,
Hochkanten und bin dabei ganz plötzlich gekentert. Die Neohaube hatte ich
vorher ausgezogen, ebenso die Schwimmbrille (die ich zuvor beim Rollen zum
Schutz der Kontaktlinsen trug) und die Handschuhe.
Der Kälteschock kam
dann auch sehr schnell:
- Das eiskalte Wasser am
gesamten Kopf und in der Nase, ein ganz kurzes verkrampftes Einatmen und vergessen
war das Rollen. Die Luft reichte nur noch zum Öffnen der Spritzdecke und
zum Aussteigen.
- Meine Stimmritzen
haben sofort auf „zu“ geschaltet. Ich brauchte einige Sekunden, um wieder
annähernd ruhig atmen zu können. Ähnliches hatte ich schon vorher mal im
Schwimmbad erlebt, als ich anlässlich von Rollübungen eine größere Menge
Wasser geschluckte hatte und mich dann „jappsend“ zum Beckenrand schleppen
musste.
- Aus dem Wissen heraus,
dass ein Stimmritzenkrampf auch zu einem kurzen „Blackout“ führen könnte,
schwamm ich in Ermanglung einer Rettungsweste sofort zurück zu meinem
Seekajak und klemmte die Unterarme unter die Rettungshalteleine, um bei
einer möglichen, kurzen Bewusstlosigkeit nicht mit dem Kopf ins Wasser
abzutauchen.
- Danach versuchte ich, mit
Trockenanzug, Schwimmweste und Kajak die paar Meter zum Land zu schwimmen.
Meine verblüffende Erkenntnis: „Da wird der See zum Meer!“
Quelle: SEEKAJAKFORUM
v. 20.01.06 und 23.01.06 – www.seekajakforum.de