17.07.2002 Fragen & Antworten zum
Seehundsterben (Natur)
Auf der Homepage des NATIONALPARKAMTES des
Schleswig-Holsteinischen Wattenmeeres findet man den folgenden Beitrag zum
Thema Seehundsterben:
"Seit Mai dieses Jahres wurden im
Kattegat und Skagerrak etwa 1.600 tote Seehunde (Phoca vitulina) gefunden
(Stand 16.7.2002). Bei Untersuchungen in den Niederlanden, Dänemark und
Schweden wurde das Seehundstaupevirus (Phocine Distemper Virus; PDV) als
Ursache der Erkrankungen nachgewiesen. Im Wattenmeer waren 14 Jahre zuvor 8.600
Seehunde Opfer einer Seehundstaupe-Epidemie geworden. Weil die Epidemie damals
vom Kattegat ausging, wird ein erneutes Seehundsterben im Wattenmeer
befürchtet.
Im niederländischen Wattenmeer wurden seit
Mitte Juni 70 Tiere gefunden. Bei 5 dieser Tiere wurde der Seehundstaupevirus
nachgewiesen. Im dänischen und deutschen Wattenmeer wurden bisher keine Tiere
mit Staupesymptomen und auch keine vermehrten Totfunde registriert. Ob es vor
unserer Küste zu einer Seehundstaupe-Epidemie kommen wird und wie viele Tiere
in diesem Fall betroffen wären, ist offen.
Die zuständigen staatlichen und privaten
Einrichtungen haben ein Frühwarnsystem eingerichtet und bereiten sich auf eine
Ausbreitung der Epidemie ins Wattenmeer vor. Hierzu gehört auch die umfassende
und aktuelle Information der Öffentlichkeit. Die nachfolgenden Informationen
können bereits jetzt viele der mit dem Seehundsterben in Zusammenhang stehenden
Fragen beantworten.
Wie ist der aktuelle Stand des
Seehundsterbens im Kattegat?
Im Kattegat leben über 5.000 Seehunde. Bis
zum 16.07.2002 wurden im dänischen Kattegat insgesamt 885 Seehunde tot gefunden
und im schwedischen Kattegat/Skagerrak 700 tote Tiere.
Bei Untersuchungen in den Niederlanden,
Dänemark und Schweden wurde das Seehundstaupevirus (in erkrankten Tieren
nachgewiesen. Zusätzlich wurden bakterielle (Bordetella bronchiseptica) und
parasitäre Infektionen festgestellt, die u.a. zu Lungenentzündungen bei den
Tieren führten. Sekundärerkrankungen dieser Art verursachten letztlich den Tod
der Seehunde.
Welche Folgen hatte das Seehundsterben
1988?
Im dänisch-deutsch-niederländischen
Wattenmeer starben damals rund 8.600 Seehunde, davon 5.800 in
Schleswig-Holstein. Das waren etwa 60 % des geschätzten Wattenmeer-Bestandes.
Welche Ursachen hatte das Seehundsterben
1988?
Ursache des Seehundsterbens war die
erstmalige Infektion mit dem Seehundstaupevirus (PDV). Wie es in die bis dahin
ungeschützte Population eingeschleppt wurde, ist letztlich nicht geklärt.
Infektionen mit dem Virus werden in ihrem Verlauf durch einen hohen
Parasitenbefall der Tiere und durch bakterielle Infektionen kompliziert.
In wie weit die nachgewiesene hohe Belastung
der am Ende der Nahrungskette stehenden Seehunde mit Schwermetallen,
chlorierten Kohlenwasserstoffen und PCB’s (Polychlorierte Biphenyle) das
Immunsystem der Tiere vorgeschädigt hat, ist unklar. Die Mehrzahl der
Wissenschaftler geht davon aus, dass dies der Fall ist. Darauf deutet der
ungewöhnlich hohe Anteil der von der Epidemie betroffenen Tiere hin (60 % der
Population). Die Beobachtung, dass in den gering verschmutzen Meeresgebieten am
Rande der Nordsee nur wenige (Schottland, Irland, Norwegen) oder keine (Island)
erkrankten Tiere gefunden wurden, obwohl PDV-Antikörper nachgewiesen wurden,
stützt diese Ansicht.
Ist das Seehundsterben ein natürlicher
Vorgang?
Die Mehrzahl der Wissenschaftler hält das
Seehundsterben für einen natürlichen Vorgang. Viren, Bakterien und Parasiten
sind Teil der Natur. Damit sind auch Epidemien und Seuchen natürliche Vorgänge.
Durch sie wurde noch nie eine Tier- oder Pflanzenart ausgerottet. Dennoch
können Epidemien das ökologische Gefüge einer Region wesentlich verändern. Da
der Mensch das Seehundsterben nach Auffassung von Fachwissenschaftlern durch
die Verschmutzung der Meere in seinen Auswirkungen verstärkt hat, haben wir
eine besondere Verantwortung.
(Anmerkung U.Beier: In den vom Nationalparkamt
herausgegebenen "NATIONALPARK-NACHRICHTEN" (Nr.7-8/02) ist hierzu
ergänzend folgende Bemerkung von Frau Dr. U.Siebert, Leiterin der Arbeitsgruppe
"Ökologie der Vögel und Säugetiere" des Forschungs- und
Technologiezentrum Westküste (FTZ) zu den möglichen Ursachen des
Seehundsterbens zu lesen: "Epidemien gehören im Wildtierbereich mit
Sicherheit zu den natürlichen Phänomenen. Was natürlich genau geprüft werden
muss, ist, inwieweit anthropogene Einflüsse Schuld daran haben. Zum Beispiel
dass diese Seuche schonzum zweiten Mal auf der gleichen Insel ausgebrochen ist,
lässt natürlich Fragen aufkommen: Ist dort irgendwo ein Virusreservoir? Das
wird auch schon geprüft. Wir waren gerade in Dänemark im Urlaub, und da war ich
schockiert über die dichte von Nerzfarmen in dem Gebiet und wie nah die am Meer
waren. Nerze haben eine sehr hohe Durchseuchung mit Staupe. Für mich ist es
absolut plausibel, dass auf diesem Wege immer wieder was in die
Wildtierpopulation eingetragen werden könnte.")
Wie viele Seehunde gibt es? Wie viele
waren bisher betroffen?
Durch Untersuchungen ist bekannt, dass die
im dänisch-deutsch-niederländischen Wattenmeer lebenden Seehunde als eine
gemeinsame Population anzusehen sind. Daher ist eine gemeinsame Betrachtung
notwendig. Aus alten Jagdstatistiken konnte errechnet werden, dass um 1900
schätzungsweise 37.000 Seehunde im gesamten Wattenmeer lebten. Die Population
schrumpfte - vor allem wegen der Bejagung – auf etwa 4.000 Tiere im Jahr 1974.
Nach dem wattenmeerweiten Verbot der Jagd stieg sie bis 1988 auf etwa 10.000
Tiere an. Im Sommer nach dem Seehundsterben wurden insgesamt 5.000 Tiere
gezählt. Die Population wuchs dann rasch (durchschnittlich größer 10 %
jährlich). 2001 wurden rund 20.000 Tiere gezählt, davon 7.500 in Schleswig-Holstein.
Wie ist der derzeitige Gesundheitszustand
der Seehunde?
Seit 1988 wird der Gesundheitszustand der
Seehunde regelmäßig untersucht. Hierzu werden jährlich etwa 20 Wildtiere
kurzzeitig gefangen sowie Totfunde analysiert. In den ersten Jahren nach der
1988er Seehundepidemie war die Immunität des schleswig-holsteinischen Bestandes
gegenüber dem PDV-Virus relativ hoch. Im Zuge der natürlichen
Bestandserneuerung nimmt die Anzahl der Tiere, die Antikörper besitzen, ohne
erneute Infektionen aber ab. In den vergangenen fünf Jahren waren keine
Antikörper mehr nachweisbar. Die Seehunde im Wattenmeer wären einem erneuten
PDV-Virus gegenüber relativ ungeschützt. Generell sind die Seehunde im
Wattenmeer heute in einem guten Gesundheitszustand. Dies belegen Beobachtungen
von Wildtieren ebenso, wie Untersuchungen von lebenden und tot aufgefundenen
Tieren. Bei ihnen werden der Konditionsindex, die Speckdicke sowie verschiedene
physiologische Parameter ermittelt. Durch die Einrichtung des Nationalparks mit
seinen Schutzzonen und speziellen Robbenschutzgebieten werden die Tiere auch
weniger durch Schiffe gestört, als in früheren Zeiten. Dazu tragen auch
freiwillige Vereinbarungen, vor allem mit Sportbootfahrern, bei.
Wie werden die Seehundbestände überwacht?
Seit 1988 werden die Bestände der Seehunde
im Wattenmeer fünfmal jährlich vom Flugzeug aus an ihren Liegeplätzen gezählt.
Dieses Monitoring ist Teil des gemeinsamen Monitoringprogramms der drei
Wattenmeerländer (Niederlande, Dänemark und Deutschland). Es wurde gemeinsam mit
anderen Maßnahmen 1990 im Abkommen zum Schutz der Seehunde im Wattenmeer von
Dänemark, Deutschland und den Niederlanden beschlossen.
Erkranken die Seehunde, weil es zu viele
gibt?
Nein. Epidemien können immer dann entstehen,
wenn genügend empfängliche Tiere vorhanden sind. Sozial lebende Tiere wie
Seehunde, die unter einander enge Kontakte haben, sind besonders gefährdet. Die
epidemische Gefährdung ist von der Größe des Bestandes unabhängig. Seehunde
sind Rudeltiere. Auch bei niedrigen Beständen würden sich die auf den
Sandbänken eng beieinander liegenden Seehunde durch Tröpfcheninfektion
anstecken. Die Bestandsdichte wird bei Robben vor allem durch das
Nahrungsangebot und eine zu- oder abnehmende Fruchtbarkeit der Tiere reguliert.
Epidemien sind bei Robben kein üblicher Mechanismus zur Regulation von
Beständen und wurden bei Seehunden im Wattenmeer vor 1988 auch nie beobachtet,
obwohl die Bestände Anfang des Jahrhunderts mehrfach höher waren als 1988.
Krankheiten und Epidemien sind in Robbenbeständen aber grundsätzlich keine
ungewöhnlichen Ereignisse. Anzeichen für eine zu große Population wären
innerartliche Aggressivität, die Teilung der Rudel, ein schlechter
Ernährungszustand und starker Parasitenbefall der Tiere. Dies alles wurde nicht
beobachtet.
Können Seehunde vorsorglich gegen Staupe
geimpft werden?
Dies ist neuerdings möglich und wurde in der
niederländischen Seehundstation in Pieterburen gemacht. Eine Impfung der über
20.000 wildlebenden Tiere ist nicht möglich, da man allenfalls einige Dutzend
auf den Sandbänken einfangen und behandeln könnte. Die Tiere würden sehr
schnell wieder so scheu werden, wie sie einmal waren und sich nicht mehr
einfangen lassen. Grundsätzlich ist es nicht das Ziel des Artenschutzes,
wildlebende Tiere durch Medikamente vor Krankheiten zu schützen.
Können erkrankte Tiere behandelt werden?
Bei einem Teil der 1988 infizierten Tiere
brach die Krankheit nicht aus. Von den erkrankten Tieren überlebten jedoch nur
wenige. Erkrankte Tiere gelangen erst in einem weit fortgeschrittenem Stadium
in die Hand des Menschen. Ihnen kann dann kaum noch geholfen werden. Zudem
besteht keine Möglichkeit, Dutzende oder gar Hunderte von Seehunden so lange zu
pflegen, bis sie wieder selbständig in Freiheit leben könnten. Dies würde
Monate dauern und wäre auch aus Tierschutzgründen abzulehnen, weil keine
artgerechte Haltung möglich wäre. Bei Robbenepidemien in anderen Teilen der
Welt wurden derartige Rettungsversuche bisher nicht durchgeführt. Für den
Erhalt des Wattenmeerbestandes wäre die Behandlung und Pflege einzelner Tiere
ohne Bedeutung.
Besteht für Menschen ein Infektionsrisiko
beim Kontakt mit kranken oder toten Seehunden?
Nein. Das PDV-Virus ist nicht auf den
Menschen übertragbar. Seehunde, besonders wenn sie an Seehundstaupe erkrankt
sind, können jedoch andere Infektionserreger (Viren, Bakterien) ausscheiden,
die auf den Menschen übertragbar sein können und unter Umständen auch zu
Erkrankungen führen. Daher sollten Menschen Abstand zu toten oder kranken
Seehunden halten. So schützt man sich sicher vor etwaigen Infektionen - und
schmerzhaften Bissen.
Besteht ein Infektionsrisiko für andere
Tiere?
Auf einige Tierarten, beispielsweise Hunde,
Nerze, andere Robbenarten und möglicherweise auch Katzen, ist PDV übertragbar.
So weit bekannt, erkranken Hunde und Katzen daran aber nicht. Nerze dagegen
können Krankheitserscheinungen zeigen und auch selbst PDV-Überträger werden,
für Hunde ist dies nicht bekannt. Von den ebenfalls im Wattenmeer heimischen
Kegelrobben erkrankten 1988 zwar einige durch PDV-Infektionen, sie hatten
jedoch einen leichten Krankheitsverlauf.
Kann man im Meer baden, obwohl die
Seehundedort sterben?
Ja. Das Baden im Meer ist generell möglich.
Aktuelle Informationen zur Badewasserqualität findet man unter
www.badewasserqualitaet.schleswig-holstein.de
Was sollte mit kranken und toten
Seehunden geschehen?
Tote Tiere werden normalerweise von
Seehundjägern und Nationalparkrangern geborgen. Im Falle eines großen
Seehundsterbens würden sich Mitarbeitern staatlicher Einrichtungen beteiligen.
Erkrankte Tiere würden im Falle einer Epidemie in der Regel nicht geborgen oder
getötet werden. Gezielte Abschüsse hätten keinen Effekt auf die Ausbreitung der
Epidemie und würden die Population unnötig beunruhigen. Kranke Tiere, die sich
in Gebieten mit Besucherverkehr aufhalten oder bereits in der Hand des Menschen
befinden, würden aus Tierschutzgründen von ihren Qualen erlöst werden.
Wissenschaftler des Forschungs- und Technologiezentrums Westküste in Büsum
(Universität Kiel) würden kranke Tiere und Totfunde untersuchen.
Wer gibt Auskünfte über Seehunde?
Auskünfte erteilen folgende Institutionen:
• Nationalparkamt Tönning, Tel. 04861 616-0,
info@nationalparkamt.de
• NationalparkService gGmbH Tönning, Tel.
04861 616-70
•Seehundstation Friedrichskoog, Tel. 04854
1372
• Die 24 Seehundjäger an der
schleswig-holsteinischen Westküste. Ihre Adressen und Telefonnummern sind in
der Region bekannt und hängen aus.
Was ist zu tun, wenn man einen Seehund
findet?
Bei Sichtung kranker und toter Tiere sollten
die o.g. Institutionen verständigt werden. Keinesfalls sollte man selbst
Bergungs- und Behandlungsversuche unternehmen und – besonders bei lebenden
Tieren – einen gebührenden Sicherheitsabstand wahren.
Nationalparkamt Schleswig-Holsteinisches
Wattenmeer
Schloßgarten 1, 25832 Tönning / Tel. 04861 616-0, Fax –69 / info@nationalparkamt.de
Quelle:
www.wattenmeer-nationalpark.de
>Aktuelle Information des Nationalparkamtes