3.09.2004
Vorurteile über Seehunde (Natur)
In
den NATIONALPARK-NACHRICHTEN, dem Info-Blatt des Nationalparkamtes
Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, führt der Seehundforscher Dr. Kai Abt in dem Beitrag:
Was Sie nicht über Seehunde
wissen sollten.
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immer noch weit verbreitete Irrtümer über Seehunde auf:
„1. Die
jährlichen „Bestandszahlen“ der Seehunde …
… sind genau genommen gar
keine. Gezählt werden immer nur die Tiere, die gerade auf den Sandbänken
liegen. Die sorgfältige Einhaltung methodischer Standards kann aber den
gezählten Anteil der Seehund-Population (nach heutiger Schätzung etwa 70-80%)
über die Jahre konstant halten. Die Zahlen bilden den sog. BestandsINDEX, der
die Entwicklung der Population ziemlich genau abbildet.
2. Seehunde
kommen im Sommer ins Wattenmeer, um sich satt zu fressen.
Zweimal falsch … Erstens
finden Seehunde ihre Nahrung hauptsächlich in der Nordsee – deshalb liegen die
größten Rudel auch auf den Außensänden. Zweiteens fressen sie im Sommer weniger
als im Herbst und Winter. Am ende des Sommers sind sie deshalb magerer als zu
anderen Jahreszeiten.
3. Im Winter
wandern viele Seehunde in die freie Nordsee und den Atlantik ab.
... Man sieht im Herbst und
Winter zwar viel weniger Seehunde auf den Bänken als im Sommer, aber die
übrigen sind deshalb nicht verschwunden – sie sind einfach nur seltener an
Land, machen mehrtätige Ausflüge in der Nordsee, kommen aber immer wieder zu
ihren Liegeplätzen im Wattenmeer zurück.
4. Seehunde
werden im Juni und Juli geboren.
So war es noch vor 25
Jahren … Im Laufe der Zeit hat sich die Wurfsaison aber um 3 Wochen nach vorn
verschoben. Heute beginnt sie Ende Mai und ist im Juni bereits zu Ende.
95% der jungen Seehunde
werden innerhalb von nur 3-4 Wochen geboren.
5. Seehunde
schädigen die Fischerei.
Zwar können Seehunde lokale
Fischbestände beeinflussen. Insgesamt betrachtet ist es aber die Fischerei, die
die Bestände von Scholle, Dorsch und Hering in der Nordsee gefährdet – und
damit indirekt auch die der Seehunde und Schweinswale.
6. Wenn die
Nahrung für die Seehunde knapper wird, sinkt ihre Geburtenrate.
Auch in schlechten Zeiten
oder bei hoher Bestandsdichte ändert sich die Geburtenrate kaum. Stattdessen
sterben viele Seehunde an Nahrungsmangel. Dies ist der natürliche Weg, auf dem
die Population reguliert wird.
7. Ist der
Bestand zu hoch, breiten sich Seuchen aus, und die Population bricht zusammen.
Die Seehundesstaube, die
einzige bislang bekannte Seuche, kann bei ganz unterschiedlichen Bestandsgrößen
auftreten: 2002 gab es doppelt so viele Seehunde wie 1988. Die
Krankheits-Übertragung findet auf den Sandbänken statt, wo sie sich immer in
Rudeln versammeln – egal wie groß der Bestand insgesamt ist.
8. Die
Sterblichkeit junger Seehunde ist im Wattenmeer höher als anderswo.
Wegen der Verminderung der
Störungen während der Aufzuchtphase gehört heute das Nachwuchsproblem der
Vergangenheit an; denn zwischen 1988 und 2002 vermehrten sich die Seehunde im
Wattenmeer um durchschnittlich fast 13% pro Jahr. Diese Rate wird von keiner
anderen Seehundpopulation auf der Welt übertroffen.“
Quelle: NATIONALPARK-NACHRICHTEN,
Nr. 7-8/2004