31.01.2005 Sturmflut-Gefahr
(Natur)
In SPIEGEL-ONLINE.de berichtet J.Bölsche in dem Beitrag:
„Sturmflut-Gefahr“
über die Probleme, mit denen in Zukunft an der deutschen Küste zu
rechnen ist:
„Die Deiche an deutschen Küsten und Flüssen wiegen Anwohner in
trügerischer Sicherheit. Der Anstieg des Meeresspiegels, so warnen Experten,
erhöht zusammen mit der Landabsenkung und einer verfehlten Schifffahrtspolitik
die Gefahr von Katastrophen in den kommenden Jahrzehnten. …
Hinterm Deich
sinkt das Schutzniveau
Eine zunehmende Zahl von Klimaforschern und Küstenschützern warnt
vor wachsenden Gefahren, die den Anrainern der deutschen Wasserkante fast ein
halbes Jahrhundert nach der großen Hamburger Sturmflut drohen. Denn obwohl
seither die Deiche erhöht worden sind, wird es sich an Deutschlands Küsten in
den kommenden Jahrzehnten stellenweise keineswegs sicherer leben lassen als im
Katastrophenjahr 1962. "Delikat" nennt die "Frankfurter
Allgemeine" den Inhalt eines soeben im Heidelberger Springer-Verlag
erschienenen 80-Euro-Wälzers mit dem Titel "Klimawandel und Küste".
Für dieses Werk haben die Wissenschaftler Bastian Schuchardt,
Michael
Schirmer und 20 Mitautoren Zahlen recherchiert … , Die Forscher haben das
Schutzniveau der Deiche in verschiedenen Abschnitten der Nordseeküste
verglichen - und sind zu verblüffenden Erkenntnissen gekommen.
"Jahrtausendflut"
- in welchem Jahr?
Mustergültig erscheinen die besonders dicht besiedelten
Niederlande, die Wiege des Wasserbaus. Dort, wo 1953 bei einer gewaltigen
Sturmflut rund 1800 Menschen umkamen, ist der Küstenschutz heute so üppig
bemessen, dass er sogar Ereignissen standhält, wie sie sich rechnerisch nur
alle 4000 bis 10.000 Jahre ereignen. Deutsche Deiche hingegen sind für eine "Wiederkehrhäufigkeit"
extremer Zustände von lediglich 3000 Jahren (rechts der Weser) beziehungsweise
1000 Jahren (links der Weser) ausgelegt. Selbst solche Zahlen wirken auf Laien
beruhigend. Doch Mathematiker wissen, dass das Eintreten einer so genannten
Jahrtausendflut im ersten Jahr des Jahrtausends genauso wahrscheinlich ist wie
im letzten Jahr.
Politischen Sprengstoff birgt eine andere Berechnung der Autoren.
Das ohnehin vergleichsweise niedrige Schutzniveau der deutschen Deiche wird
sich demnach bis zum Jahr 2050 unweigerlich weiter verringern, und zwar um den
Faktor 5 bis 10. Der Küstenschutz links der Weser etwa würde bereits bei
Extremsituationen versagen, wie sie statistisch alle 130 Jahre eintreten.
Dass die Schutzwirkung der deutschen Deiche derart rasch
zerbröselt, begründen die Wissenschaftler mit zwei parallel ablaufenden
Prozessen. Bis zur Jahrhundertmitte werde der Boden der Wesermündung um 15
Zentimeter absacken - eine unabwendbare, auf tektonischen Ursachen beruhende
"säkulare Senkung". Zugleich werde der Meeresspiegel der Nordsee
infolge des vom Menschen verursachten globalen Klimawandels zugleich um 40
Zentimeter steigen.
Das Zusammenspiel beider Trends werde zudem bewirken, dass der
Reibungsverlust abnimmt, der beim Heranrollen der Wellen an die Küsten
entsteht. Dieser Effekt entspreche einer Reduzierung der Schutzwirkung um
weitere 15 Zentimeter Deichhöhe. Die Dämme müssten also - summa summarum - um
70 Zentimeter erhöht werden, wenn auch nur das jetzige Schutzniveau gehalten
werden solle. …
Bereits im 20. Jahrhundert ist der Meeresspiegel um etwa 20
Zentimeter gestiegen. Dass sich dieser Trend noch verstärken wird, steht außer
Frage. Der globale Klimawandel, der die Meere erwärmt und die Gletscher
abschmelzen lässt, sei "nur noch eine Frage des Ausmaßes", resümierte
unlängst eine der Koryphäen auf diesem Gebiet, der Kieler Professor Mojib
Latif, bei einem Küstenschutz-Symposium in Bremen.
Ähnlich wie der Bremer Schirmer argumentiert seit längerem auch
dessen Hamburger Forscherkollege Professor Helmut Graßl, Direktor am
Max-Planck-Institut für Meteorologie. Entlang der Elbe, warnt Graßl, sacken wie
an der Weser die Landmassen links und rechts der Ufer zunehmend ab - mitbedingt
nicht zuletzt durch das Abpumpen von Erdgas und von Grundwasser. …
"Sturmwind-Wetterlagen
nehmen zu"
Weil in Norddeutschland "immer mehr Gebiete bis zu zwei
Metern unter Null"
liegen, wären die Folgen von Deichbrüchen laut Graßl verheerender als in
früheren Jahrzehnten. …
Der globale Anstieg der Weltmeere potenziert die Wirkung der
Landabsenkungen, wie sie auch im Emsland und in Dithmarschen beobachtet werden.
Jede künftige Sturmflutwelle "reitet schließlich auf dem gestiegenen
Meeresspiegel", erläutert Graßl. Fatalerweise bewirkt der Klimawandel …
jedoch nicht nur einen rascheren Anstieg des Meeresspiegels, sondern auch immer
heftigere Sturmfluten. "Sturmwind-Wetterlagen nehmen an Stärke und
Häufigkeit deutlich zu", registrierten Klimaforscher der Universität
Oldenburg. "Die bisherigen Extremwasserstände bei Sturmfluten werden immer
öfter erreicht bzw. überschritten."
Orkanfluten
setzen neue Höchstmarken
Jahrzehntelang galten an der Nordsee die Hochwassermarken der
1962er Schicksalsflut, die vier bis sechs Meter über Normalnull aufgelaufen
war, als Basis für die Berechnung der "Bemessungswasserstände" für
Deiche. Doch diese vermeintlich langfristige Absicherung war, so die
Oldenburger Wissenschaftler, bereits wenige Jahrzehnte später nicht mehr
gewährleistet. Extremwasserstände und Orkanfluten setzten bald schon neue
Höchstmarken - so bereits 1975, 1976, 1981, 1990 und 1992. …
Text: Jochen Bölsche
Quelle: SPIEGEL ONLINE
v. 31. Januar 2005, 10:58
è www.spiegel.de/wissenschaft/erde/0,1518,338485,00.html