Im
WATTREPORT (hrsg. von der Schutzstation Wattenmeer) wird vom bedenklichen
Verschwinden der Miesmuscheln berichtet:
„Die Miesmuschel war
einzigartig: Kein anderes Tier konnte wie sie auf dem freien Watt siedeln.
Keine andere Muschel filtert so eifrig Wasser. Kein anderes Tier bildete so
viel Biomasse. Und kein Tier im Wattenmeer wurde in so großer Menge gefischt
und gegessen wie sie. Doch die Zeiten ändern sich.
Wo früher dichte
Miesmuschelbänke auf dem Watt zu finden waren, stößt man heute auf nackten Sand
– oder auf Pazifische Austern. Seit 1996 hat die Miesmuschel im
schleswig-holsteinischen Wattenmeer keinen guten Nachwuchsjahrgang mehr gehabt.
Da die Muschel nur etwa sechs bis acht Jahre alt wird, ist ihr Bestand
inzwischen drastisch geschrumpft. Von ehemals bis zu 1.500 Hektar
Miesmuschelbänken in Schleswig-Holstein sind derzeit noch 500 Hektar übrig. Die
Ursache dieses Wandels sind warme Winter und hungrige Krebse. Nur nach
Eiswintern können Miesmuschellarven hinreichend dicke Schalen bilden, ehe die
Larven von Garnelen und Strandkrabben über sie herfallen. Sind die Winter warm,
wird fast der gesamte Miesmuschelnachwuchs gefressen. Fehlen die Muscheln,
haben Strandkrabben weniger Verstecke, haben Seepocken und Blumentierchen
weniger Haftgrund und haben viele Seevögel weniger Nischen für die
Nahrungssuche.
Etwa 40 Tierarten und 20
Großalgen können auf Miesmuschelbänken leben. Fast zeitgleich mit dem Schwinden
der Miesmuschel breitet sich die Pazifikauster dramatisch im Wattenmeer aus.
Über 100 Millionen Austern siedeln inzwischen in Nordfriesland dort, wo früher
Miesmuscheln lebten.
Austern können 30 Jahre alt
und 300 Gramm schwer werden – kein Platz mehr für Miesmuscheln und wegen ihrer
scharfen Schalenkanten auch weniger Platz für Wattwanderer.
Hätten Sie gedacht, dass …
… das mittelhochdeutsche
Wort „mies“ = Moos der Muscheln den Namen gab, weil kleine Algen und ihre
Byssusfäden, mit denen sie sich aneinander festhalten, wie Moos auf der Schale
wirken?
… die Muscheln durch
ruckartiges Zuklappen der Schale „niesen“, wenn sie zu viel Schlick eingesaugt
haben und ihn nicht ausstrudeln können?
… die innere Perlmuttschicht
kleine Perlen bilden kann, wenn Sand in die Muschel gelangt ist?
Übrigens, neue Probleme für
die Natur bringt jetzt die Miesmuschelwirtschaft. Da die Miesmuschel im
Wattenmeer derzeit kaum Nachwuchs hat, dürfen die Muschelfirmen seit 2007 trotz
Einspruchs der Naturschutzbehörden junge Miesmuscheln aus Großbritannien und
Irland als „Saatmuscheln“ in den Nationalpark importieren. Mit den Importen
kommen auch andere Arten ins Watt. Außerdem ist in Irland eine zweite
Miesmuschelart heimisch, die sich mit unserer Miesmuschel kreuzt. Um die
drohende genetische Verfälschung unserer Muschelbestände und die Einschleppung
fremder Arten zu bremsen, klagt die Schutzstation Wattenmeer mit Unterstützung
des WWF gegen die Genehmigung der Muschelimporte.“
Quelle: WATTREPORT – www.schutzstation-wattenmeer.de