21.07.2005 „Rund“ Helgoland (ca. 298 km in mind. 6
Tagen) (Revier/Inland)
Anmerkungen: Im Folgenden soll der
Ablauf einer Pfingsttour nach Helgoland beschrieben werden. Es handelte sich
dabei um die erste ausgeschriebene Vereinsfahrt, der es gelang, auf eigenem
Kiel nach Helgoland und retour zu paddeln. – Wer der erste Kanute überhaupt
war, der Helgoland per Kajak erreicht hat, ist mir unbekannt. Zumindest der
ACCer Hans-Jörg Otto paddelte 1963 im „Kette Langeiner“ (Faltboot) bei einer
3-Etappen-Tour Hamburg – Helgoland in der Nacht von Scharhörn (welches damals
noch betreten werden durfte) nach Helgoland, da er sich so wegen mangelnder
Ausrüstung besser am Leuchtfeuer des Helgoländer Leuchtturms orientieren
konnte. 1987 paddelte der Niederländer Hendrik Kingma mit seinem Freund Mathijs
von Wangersiel aus kommend über Minseneroog nach Helgoland, welches sie im
Nebel ohne GPS fanden. Udo Weiterer & Michael Koop gelang es 1989 nach
erfolgreicher Ansteuerung von Helgoland tags darauf bis zum ca. 60 km entfernt
liegenden Amrum weiter zu paddeln. Jürgen Hoh erreichte 1996 ebenfalls im
Faltboot anlässlich einer mehrwöchigen Elbefahrt von Tschechien aus kommend
nach 720 km Helgoland. Matthias Panknin & Karl Wolfner meisterten 1997
sogar innerhalb von ca. 17 Std. von St.Peter-Ording aus kommend eine
Retour-Tour nach Helgoland (ca. 90 km). Bislang hat es jedoch noch keiner
geschafft, die Deutsche Bucht von Borkum aus kommend so zu queren, dass mit
einem Zwischenstopp auf Helgoland nach insgesamt ca. 155 km Sylt erreicht wird.
Ebenfalls gelang es Arved Fuchs & Rainer Neuber nicht, 1987 Helgoland von
der ca. 460 km entfernt liegenden Humbermündung (England) aus zu erreichen, da
konstante östliche Winde sie in ihren Faltbooten einfach am Fortkommen
hinderten. Nach 9 Tagen gaben sie – nachdem sie sich nur ca. 280 km vom
Startort entfernt hatten - in Höhe der Niederlande entnervt auf.
*** * ***
„Helgoland reizt – wenn
überhaupt – nur jene, die noch nicht hinüber gepaddelt sind, ansonsten gibt es
entlang der Deutschen Bucht abwechslungsreichere Küstenkanuwanderpassagen!“ – 6 Kanuten und 1 Kanutin
spürten seit langem schon diesen Reiz und trafen sich deshalb am
Donnerstagabend vor Pfingsten, 19.05.94, im Westen von Cuxhaven in
Spieka-Neufeld, um sich einmal richtig „auszureizen“: Kai Ahrens aus Hamburg im
„AMRUM“, Arthur Buschardt aus Berlin im „CALYPSO“ (mit Skeg), Wolfgang Dinter
aus Berlin im „getunten“ „YUKON-E“, Bernhard Hillejan aus Köln im „MARINER“
(mit Skeg), Manfred & Berta Klingmann-Reiner aus Eppelheim im „PACIFIC“
(K2) und ich aus Hamburg im „SIRIUS“. Bis einschließlich Sonntag, 29.05.,
wollten wir auf der „Deutschen Bucht“ zwischen Wangerooge und St.Peter-Ording
hin- und her paddeln und darauf waren, dass uns ein Hochdruckkeil den Abstecher
zum „Heiligen Land“ („Helgoland“) erlaubt.
Gepaddelt
werden sollte in zwei „Dreier-Gruppen“ (d.h. je Gruppe 3 Kajaks), mit der
Auflage, in „Signalweite“ zusammenzubleiben. Nur im Notfall sollten sich die
beiden Gruppen „selbständig“ machen dürfen. Übrigens, die einzelnen Teilnehmer
waren so qualifiziert und ausgerüstet (z.B. 6 im Trockenanzug), dass sie zur
Not auch allein zurück ans Festland hätten paddeln können.
1. Tag (Spieka-Neufeld – Neuwerk)
(ca. 48 km in 10 Std.)
Route: Spieka-Neufeld – -Weser-Elbe-Wattfahrwasser – Robinsbalje –
Robbenloch – Nordertill – Neuwerkloch – Neuwerk (Anleger)
Entfernungen:
Spieka-Neufeld – Sandbank nahe Robinsbalje (West) =
22 km
Robinsbalje (West) – Robbenloch (West) – Neuwerkloch
(Süd) = 21 km
Neuwerkloch (Süd) – Neuwerk = 5 km
Start in Spieka-Neufeld: Hochwasser (HW) Spieka-Neufeld,
spätestens 2:30 Std. nach HW; denn danach fällt u.U. der Prickenweg trocken.
Stromkipp Robinsbalje (West): 5 Std. vor HW Helgoland
Ankunft Neuwerk: möglichst zwischen 2 Std. vor bis 2 Std. nach HW
Neuwerk; denn außerhalb dieser Zeitspanne könnte das Watt kurz vor Neuwerk noch
trocken gefallen sein.
Am
Abend vorher war es noch kalt und regnerisch. Es sollte jedoch ein Sonnentag
werden mit schwacher Brise aus östlicher Richtung. Nachdem wir unser Biwak am
Parkplatz neben dem Seglerhafen von Spieka-Neufeld abgebrochen hatten, ging es
Punkt 8.32 Uhr (= Hochwasser (HW)) aufs Wasser. Wolfgang führt uns. Das Ziel:
Richtung Robinsbalje, Umrundung der Knechtsände, mit
anschließendem Kurs auf Tonne Robbenloch. Es war ein weiter Weg, da ich
es versäumt hatte, einen Antrag auf Befreiung vom Befahrensverbot zu stellen.
Der
Umweg westlich um die „Zone 1“ herum fiel uns schwer, da uns die Motivation
dazu fehlte; denn dort draußen herrscht doch eine „totale Wasserwüste“ vor:
Kein Vogel, keine Ente, kein Seehund war weit und breit zu sehen, nur die
Fische und Krabben waren zu erahnen. Anscheinend sind aber Fische, Krabben,
Muscheln u.ä. keine so„schutzwürdigen“ Tiere, obwohl sie die Fauna des
Wattenmeeres mit am stärksten prägen; denn sie dürfen dort „herausgepflügt, -gesiebt & -gebaggert“
werden, als ob es sich um ein Stück „vogelfreie“ Biomasse handelt. Die
Naturschützer sollten mal ihre „Ferngläser“ durch „Taucherbrillen“ ersetzen.
Vielleicht gelingt es ihnen dann, die „wahre“ Natur des Wattenmeeres zu
erkennen und die „wahren“ Feinde des Wattenmeeres aufzuspüren. Die paar
Küstenkanuwanderinnen und –wanderer, die sich ab & an mal auf der Nordsee
die Zeit vertreiben, gehören jedenfalls nicht dazu!!!
Von
der Tonne Robbenloch ging es wieder ostwärts durchs Robbenloch
zum von „Klapotis“ umsäumten Robbensand (Hinweis: Dieser Sand ist 2005
nicht mehr vorhanden!): „Zeit zum
Picknick“! Mit der Tidenströmung paddelten wir dann später Richtung Ostertill
zum Neuwerker Loch. Am an der Süd-West-Spitze von Neuwerk liegenden
Fähr-Hafen betraten wir nach ca. 51 km Tidenpaddeln etwa 2 Std. vor HW Neuwerk
(20.36 Uhr) Land. Wir rollerten mit unseren Kajaks zum Gasthof „Das alte
Fischerhaus“ im Süden von Neuwerk und schlugen dort unsere Zelte auf (www.neuwerk-hotel.de). Wir bekamen eine
eigene Wiese zugeteilt, da die andere schon von „bierseeligen“ Pfingst-Touristen
(Wattläufer und Kutschenfahrer) vollständig belegt war.
Hinweis: Weitere Aussetzstellen
liegen an der Badestelle im Süden der Insel östlich des kleinen Seglerhafens
oder an der West-Rampe nahe des Radar-Turms. Wildes Zelten ist auf Neuwerk nicht
erlaubt, aber auch nicht nötig.
2. Tag (Neuwerk – Helgoland) (ca. 55
km in 7:15 Std.)
Ein
paar Daten zur Off-Shore-Tour:
Route: Neuwerk (West-Rampe) – Elbe-Neuwerk-Fahrwasser – (Querung
Fahrwasser Unterelbe „Norderrinne“) - Leuchtturm Großer Vogelsand – Helgoland
(Düneninsel)
Entfernungen:
Neuwerk – Leuchtturm „Großer Vogelsand“ – Wrack = 12
km
Off-Shore-Strecke = 41 km
Anfahrt zum Nord-West-Strand der Düneninsel = 3 km
Start in Neuwerk (West-Rampe): 1:30 Std. vor Hochwasser (HW)
Neuwerk.
Vorbeifahrt am Leuchtturm „Großer Vogelsand“:
Bei HW Vogelsand sollten wir den Leuchtturm
passieren, d.h. 0:28 Std. nach HW Helgoland, obwohl die Strömung lt. Stromatlas
dort erst ab ca. 1:30 Std. nach HW Helgoland ablaufen soll!
Anlanden in Helgoland (Hafen auf der Westseite der
Düneninsel):
Bei Niedrigwasser (NW) Helgoland sollten wir in
Helgoland sein, spätestens jedoch 1 Std. nach NW Helgoland, d.h. 4:30 Std. vor
dem nächsten HW Helgoland; denn dann kippt die Tidenströmung und es fängt
wieder an, in östliche Richtung zu strömen, zunächst mit 1,1 km/h, später bis
2,5 km/h (max. 5,5 km/h bei starken westlichen Winden);
Hinweise:
Wenn bei Wind gepaddelt wird, sollte man es
eigentlich nur bei östlichen Winden bis 4 Bft. tun.
Bei westlichen Winden könnten bei 3 Bft. die
Probleme beginnen und ab 4 Bft. haben nur noch sehr leistungsfähige Kanuten
eine Chance, Helgoland zu erreichen.
Der Tour Cuxhaven - Helgoland ist mit etwa 66
km ca. 11 km länger und sollte nur bei östlichen und dann auch nur von sehr
leistungsfähigen Kanuten gewagt werden. Ab ca. 2:30 Std. nach HW Helgoland
beginnt das Wasser in Cuxhaven abzulaufen. Da man aber 4:30 Std. vor dem
nächsten HW Helgoland in Helgoland sein sollte, muss man diese 66 km in 5 Std.
schaffen.
Im Mai ist durchschnittlich mit 3 Tagen Nebel
zu rechnen (März = 8 Tage; August = 2 Tage).
Die mittleren täglichen Tiefst-/Höchstwerte der Lufttemperatur
liegen auf Helgoland im Mai bei: 7,8 – 12,9° C (extrem: 0 – 25,8° C) und im
August bei: 14,8 – 19,1° C (extrem: 7,2 – 31,6° C).
Die mittleren Wassertemperaturen
(Min./Max.-Werte) betragen bei Helgoland im Mai: 7 – 13° C (August: 15 – 20°
C).
Das
Wetter stimmte: schwache Brise aus süd-östlicher Richtung, d.h. „Salzwasserschwierigkeitsgrad
I“. HW Neuwerk war um 9.25 Uhr und NW Helgoland um 15.29 Uhr. Das bedeutete
„theoretisch“ 6 Std. für 55 km Strecke! Für den Fall des Abbruchs der Tour
wurden noch die folgenden Daten registriert:
·
Sonnenuntergang
(SU): 21.30 Uhr;
·
HW
Neuwerk: 21.50 Uhr;
·
HW
St.Peter-Ording: 22.06 Uhr;
·
HW
Wangerooge Ost: 21.19 Uhr;
·
NW
Helgoland am nächsten Tag: 4.08 Uhr.
Um
5.30 Uhr wurden die Zelte abgebrochen. Ich verteilte „Zintona“-Kapseln gegen
Seekrankheit, jedoch war ich der einzige, der dieses Ingwerwurzelstockpräparat
schluckte. Außerdem empfahl ich jedem, vor dem Start eine extra Portion Wasser
zu trinken (ca. ½ Liter). Um 7.55 Uhr, also 1:30 Std. vor HW Neuwerk, setzte
der letzte mit 10 Minuten Verspätung an der West-Rampe sein Kajak ins
Wasser. Natürlich hätten wir vom Segler-Hafen aus im Süden der Insel starten
können. In Anbetracht der bevorstehenden stundenlangen „Sitzpassage“ zogen wir
den 1 km langen Fußmarsch mit unseren Seekajak auf dem Bootswagen vor. Sparten
wir doch so fast 2 km „Gegenstrom“-Paddelei ein. Unser erster Zielpunkt lag 9
km vor uns: Leuchtturm Großer Vogelsand.
Das
Wasser strömte anfangs noch mit max. 1,8 km/h auf uns zu, aber das machte
nichts; denn von der West-Rampe Neuwerk bis zum Nord-West-Strand der Düneninsel
Helgoland waren es eine Menge Kilometer. Wer da nicht genug Kraft in den Armen
hat, muss das durch einen „Frühstart“ kompensieren. Außerdem sah fast jeder
ein, dass es psychisch angenehmer ist, am Anfang der Tour freiwillig
gegen den Tidenstrom anzupaddeln statt u.U. an ihrem Ende zwangsweise gegen den Tidenstrom anzuknüppeln.
Die
Querung des Fahrwassers der Unterelbe (Norderrinne) erfolgte ohne
Probleme nach den folgenden Regeln & Grundsätzen:
·
Schifffahrtsstraßen sind im
„Pulk“ auf dem direktesten Weg zu queren, sodass möglichst die Kielrichtung im
rechten Winkel zur allgemeinen Verkehrsrichtung verläuft!
·
Etwaig erforderliche
Kursänderungen sind so deutlich vorzunehmen, dass andere Verkehrsteilnehmer sie
unmissverständlich als solche erkennen können!
·
Bestehen Zweifel, dass die
Querung nicht vor Ankunft des nächsten Schiffes gelingen könnte, wird nicht
schneller gepaddelt, sondern mit der Querung gewartet, bis das Schiff einen
passiert hat!
Übrigens,
lt. Stromatlas soll die Elbströmung vor Neuwerk (Norderrinne) erst um
ca. 10.25 Uhr (d.h. 0:25 Std. nach HW Cuxhaven) Richtung West kippen. Als wir
nach 9 km um 9.30 Uhr am Leuchtturm Großer Vogelsand vorbei paddelten, mussten
wir jedoch schon Stillwasser gehabt haben. Wir nahmen daher sofort unseren errechneten
Kurs auf und steuerten die Tonne „Düne S“ 3 km vor Helgoland an.
Vor
uns lagen ca. 41 km „off-shore“-Strecke. Das war nicht sehr aufregend. Nichts
hatte mehr mit dem Gedicht „Untiefen“ von B.Pixner zu tun, an welches ich mich
in der Nacht zuvor während eines Albtraumes etwas vage erinnerte:
Der weiße
Brecher,
die
Mörderwelle,
die Welle des
Tages schnappt nach mir.
Sie stürzt
mir nach,
sie riecht
meinen Schweiß,
sie wittert
meine Angst.
Mein Kajak
ist schwer,
der Hafen
weit.
Wenn bloß der
Wind nicht dreht!
Viele Wellen
kreuzen meinen Kurs.
So viele
Stunden nagen an meinen Händen!
Mein Mund
verdorrt.
Weiß
aufschäumend steigt die See empor,
schlägt auf
meine Schulter,
leckt mir das
Gesicht.
Ohne Becher
nehm’ ich einen Schluck,
gedankenverloren,
verträumt, verängstigt.
Helgoland ist
weit.
Die Tiefe
bleibt verwehrt.
Ich paddle an
der Oberfläche,
manchmal nur
eine Handbreit Luft unter’m Kinn.
Die See mein
Los,
mag sein
schon beim nächsten „Kaventsmann“
oder erst
kurz vor’m roten Felsen
beim Anblick
der „Langen Anna“?
Mein Kajak
schwojt.
Es stampft
und bohrt und platscht.
Aus dem
Wasser wachsen Wellen.
Neben mir
sechs nasse Kameraden.
Sie
durchschneiden die Seen,
wie einst die
Schweinswale es taten.
Teilen wir
ihr Schicksal?
Alle
anderthalb Stunden nahmen wir knapp 10 Minuten lang unsere geplante
„Fünf-Minuten-Pause“. Auf Backbord sahen wir noch sehr lange die dicken
Containerschiffe im Fahrwasser. Über uns flogen insgesamt 2 Flugzeuge Richtung
Helgoland. Zwei Kameraden bekamen mit ihren Skeg-Kajaks plötzlich Probleme („So lange sind wir noch nie mit Rückenwind
gepaddelt!“). Zwei andere Kameraden spürten allmählich ihre Handgelenke.
Sie hatten wohl die von mir vorgegebenen Trainingseinheiten nicht ernst
genommen? Außerdem hatten sie sich schon am ersten Tag übernommen. Alle Männer
hatten „Blasenprobleme“. Frauen haben wohl hier einen natürlichen
„Trainingsvorsprung“? Der „Pinkler“ (Reißverschluss) im Trockenanzug war
diesbezüglich der beste „Problemlöser“: Reißverschluss öffnen,
Thermoskannenbecher abschrauben, Pi… und Spülen, Pi… und nochmals Spülen.
Anschließend Essen und „Nachtanken“, und zwar alles während der
„Fünf-Minuten-Pause“. Lediglich einer, der hatte es nicht leicht; denn sein
Trockenanzug verfügte über keinen „Pinkler“. Wohl oder übel musste er
irgendwann seinen Trockenanzug von innen wässern. Im Sitzen wollt das jedoch
nicht so recht klappen. Erst als er sich in seinem Seekajak hinkniete, lief’s.
Die zweite Gruppe beantragte einmal eine Pausenverlängerung. Da sie autark war,
durfte sie darüber selber entscheiden … und anschließend der ersten Gruppe
etwas schneller folgen.
Um
kurz vor 12 Uhr, also 3 Std. vorher, meldete Wolfgang „Helgoland voraus!“ Auf einmal meinte doch jeder, die 60 Meter hohe
Insel mit seinem bis auf 82 m Höhe hinaufragenden Leuchtturm längst viel
frühere als Schatten oder als „Wolke“, bzw. als „Wunschgebilde“ (?) am Horizont
ausgemacht zu haben. Übrigens, die Düneninsel von Helgoland blinzelte erst in
der letzten Stunde über die Wellenkämme. Die erste Trottellumme umflog uns 23
km und der erste Tordalk umschwirrte uns 5 km vor Helgoland. Die erste
Plastikflasche tauchte 3 km vorher auf.
Die
einzige Abwechslung brachte uns alle halbe Stunde „Magellan“, das von Berta
bediente GPS-Gerät:
„Berta, drück’ mal die
Taste.“ – Eine
Minute später: „Udo, wir fahren 200 Meter
zu weit links. …(Und beim nächsten Mal:) „… Jetzt sind es 600 Meter zu weit rechts.“ – „Berta, wie läuft die
Strömung?“ – „Es strömt mit 5,5 km/h, obwohl der Strömungsatlas doch nur max.
2,5 km/h angibt.“ – „Wie ist unser Tempo?“ – „Spitze, wir paddeln jetzt 12,3
km/h …“
Wer
auf solche Informationen verzichtet, kommt auch an, zumindest bei solch idealen
Gewässerbedingungen. Trotzdem reizt es immer mehr Kanuten, sich solch ein Gerät
anzuschaffen. Wir hatten zwei davon dabei, je Gruppe eines. Für alle anderen
Kanuten, die Helgoland „ohne“ erreichen wollen, habe ich eigentlich nur ein
„Schulterzucken“ übrig … Mit einer Ausnahme: Wenn es die „Zuckersackfahrer“
ganz „ohne“ – d.h. wie früher die Inuits – versuchen würden, und zwar ohne
Seekarte (Wozu haben wir denn unser Gedächtnis?), ohne Kompass (Wozu scheint
denn die Sonne?), ohne Gezeitenkalender (Wozu haben wir denn Augen?), ohne
Stromatlas (Den haben sowieso die meisten nicht dabei!) und ohne
Seewetterbericht (Wozu gibt es denn Wolken?). Übrigens, mein Clubkamerad
Hans-Jörg Otto hatte 1963 im „Kette Langeiner“-Faltboot vorexerziert, wie man
auch ganz „ohne alles“ Helgoland erreichen kann, nämlich nachts immer dem Feuer
des Helgoländer Leuchtturms nach. Der damals 22jährige benötigte von Scharhörn
aus kommend (was früher noch möglich war) übrigens 4:30 Std.
Um
14.30 Uhr lagen wir endlich vor Helgoland. Schlagartig fing es an, auf 4 Bft.
aufzubrisen und zu regnen. Hinter uns am Horizont tauchten die ersten Spinnaker
der Segelboot-Pfingst-Regatta Cuxhaven – Helgoland auf. Eine ¾ Std. später
betraten wir den Sandstrand im Norden der Düneninsel. Von dort ging es
äußerst mühsam über den tiefen Sand zum Zeltplatz direkt unter der Einflugschneise
des Helgoländer Flugplatzes. Aber das gehört dazu; denn auch das ist Helgoland.
Übrigens,
spätestens 1 Std. nach NW Helgoland, als etwa 16.30 Uhr, hätten wir in
Helgoland sein müssen; denn ab dann sollte es wieder mit anfangs 1,1 – 1,8 km/h
und 1 Std. später mit 2,5 km/h Richtung Büsum strömen. Daher würde ich es auch
keinem nicht „durchtrainierten“ Kanuten empfehlen, bei Gegenwind von Neuwerk
nach Helgoland zu paddeln. Und auch bei östlichem Wind ab 5 Bft. könnte es
Probleme geben, und zwar in der Einfahrt vor Helgoland, und zwar aus zwei
Gründen:
(1)
Zum einen setzt eine knappe Stunde vor NW Helgoland ein Kehrstrom
zwischen den beiden Inseln Richtung Süd-Ost ein. Beim Auftreffen dieser ca. 1,8
km/h starken Strömung auf den Richtung West fließenden Tidenstrom können Strömungswellen
entstehen.
(2)
Zum anderen lassen die im Osten liegenden Untiefen (hier: Danskermannshörn
und Hamburger Loch) die bei einem 5er Ostwind anrauschende Windsee als Grundseen
aufbäumen.
Beim
Aufeinandertreffen beider Wellensysteme kann ein unangenehmer kabbliger Seegang
entstehen, den ein durch lange Fahrt erschöpfter Kanute nur mit Mühe meistern
wird. Kommt dann noch gerade einer der vielen Touristendampfer vorbei, könnte
dessen Bug- bzw. Heckwelle einem dann den Rest geben. Es ist daher bei solch
einem Wind zu raten, auf die Durchfahrt zwischen den beiden Helgoländer Inseln
zu verzichten und über die weniger eindrucksvolle Nord-Ost-Spitze der
Düneninsel auszuweichen.
Nachdem
die Zelte standen, machten wir uns „inselfein“, bestiegen ein „Börteboot“,
setzten zur Hauptinsel über und besichtigten den Inselfelsen inkl. Todalks,
Trottellummen (über 900 Paare), Basstölpel (brüten wieder), diverse
Bombentrichter (von 5.000-kg-Bomben) und den Leuchtturm (Leuchtweite: 52 km!).
Wenn es keine Geologen gäbe, müsste man sich schon wudnern, wie am Rande einer
flachen Wattenmeerlandschaft solche eine Insel entstanden ist:
Vor langer
Zeit quoll unter dem Meeresboden ein Salzstock auf und drückte ein Felsgemenge
aus Buntsandstein, Kreide und Gips nach oben. Daraus entwickelten sich im
Westen rote Felsklippen („Westerkliff“) und im Osten weiße Kreideklippen
(„Wittkliff“). Die Kreide- und Gipsbestände wurden im Laufe der Jahrhunderte
bis auf Meereshöhe abgebaut und ans Festland verkauft. Im Jahr 1702 trennte
dann eine Sturmflut das „Wittkliff“ vom Felsensockel ab. Die Düneninsel war
geboren.
Übrigens,
auf der Insel feierten hunderte von Seglern Pfingsten. Kurz vor Mitternacht
überreichte uns noch der Zeltplatzwart „Schöne Grüße“ von zwei jungen Kanuten,
die aus St.Peter-Ording kommend ebenfalls mit GPS-Unterstützung einen Tag vor
uns die Paddel-Saison auf Helgoland eröffnet hatten: René Möllenkamp (im
„NORDKAPP“) und Hagen Strodthoff (im „NORDSTERN“).
Hinweis: Wer nicht auf dem
Dünen-Zeltplatz übernachten möchte (warum eigentlich nicht?), kann sich einen
Bungalow auf der Düne mieten oder landet gleich an der Nordspitze der
Hauptinsel an, um in der Jugendherberge zu übernachten (warum eigentlich?),
bzw. legt an der westlichen Seite des Vorhafens der Hauptinsel an (hier:
einzementierter Brandungsüberflutungskanal nahe der Windkraftanlage) und
schlägt dann in der Dämmerung sein Biwak (warum nicht gleich im Seekajak sitzen
bleiben?) oben auf einer ollen Trümmerwiese auf.
3. Tag (Ruhetag)
Das
Wetter war durchwachsen. Die Windvorhersage sprach nicht für St.Peter-Ording
und nicht für Wangerooge. Außerdem hatten wir noch nicht alles von Helgoland
erlebt. Die 24 km lange Umrundung der Hauptinsel im Seekajak war uns jedoch zu
eintönig; denn wir hätten ein bis zu 5 km hinaus reichendes Naturschutzgebiet („Befahren verboten, Tauchen erlaubt!“)
im Westen der Insel umfahren müssen. Also blieben wir an Land und wanderten
nochmals den knapp 3 km langen Klippenrundwanderweg auf dem Oberland der nur 1
qkm großen Insel entlang. Anschließend ging es auch unter die Erde, und zwar
durch die Bunkergänge von Helgoland. Summa summarum sollten sie während des 2.
Weltkrieges 22 km lang gewesen sein. Leider war das Aquarium der Biologischen
Anstalt geschlossen.
4. Tag (Helgoland – St.Peter-Ording)
(ca. 51 km in 5:45 Std.)
Ein
paar Daten zur Rück-Tour:
Route: Direttissima Helgoland (Düneninsel) – St.Peter-Ording
(Orteilsteil: Ording)
Entfernung: ca. 51 km;
Start in Helgoland (Hafen-Düneninsel):
5 Std. vor HW Helgoland; 0:25 Std. später kippt die
Tide und es strömt wieder gen Ost;
Anlanden in St.Peter-Ording:
Bei HW St.Peter-Ording, spätestens jedoch 2 Std. nach
HW, da es dann wieder westwärts strömt;
Hinweis:
Wenn man bei Wind paddelt, sollte man es eigentlich
nur bei westlichen Winden bis 4 Bft. tun.
Der
Wetterbericht sprach von einer schwachen Brise aus westlicher, dann östlicher
und später wieder westlicher Richtung. Unser Ziel stand fest: Der Strand von St.Peter-Ording,
genau dort, wo jedes Frühjahr die Brandungsübungen stattfinden. NW Helgoland
war um 5.09 Uhr. Die Tidenströmung sollte 4:35 Std. vor HW Helgoland kippen,
also um 6.13 Uhr, und nach 4 Std. vor HW Helgoland, d.h. ab 6.48 Uhr, deutlich
mit 1,1 km/h (max. 2,5 km/h) Richtung Osten strömen. In St.Peter-Ording war um
11.50 Uhr HW. Spätestens ab 3 Std. nach HW Helgoland, also 13.48 Uhr sollte es
dann wieder Richtung Westen strömen mit 1,1 – 1,8 km/h.
Für
den Fall des Abbruchs der Tour wurden noch die folgenden Daten registriert:
·
Sonnenuntergang
(SU): 21.33 Uhr;
·
HW
Büsum: 11.50 Uhr;
·
HW
Neuwerk: 11.33 Uhr;
·
NW
Helgoland: 17.39 Uhr.
Wir
waren wieder „topfit“: Kai unterdrückte erfolgreich mit Hilfe von Aspirin, der
Umstellung der Paddelschränkung von rechts auf links und einer Prise Motivation
seine sich andeutende Sehnenscheidenentzündung. Bernhard schützte mit „einem
Meter“ Tesaband seine unzähligen Blasen. Ich schluckte erneut als einziger –
die anderen hatten nun wirklich keinen Grund dazu – meine „Zintona“-Kapseln,
schließlich waren sie ja schon bezahlt. Für Wolfgangs Handgelenkprobleme war
wohl Paddeln & Wärme die beste Medizin. Und der Rest der Gruppe ließ sich
zumindest nichts anmerken.
Später
als geplant saß auch der letzte, nämlich ich, um kurz nach 6 Uhr im Boot; denn
ich versuchte nochmals von der Telekom den aktuellsten Seewetterbericht zu
bekommen (Tel. 0190/1169-31). Ergebnis: „Typisch Monopol – Der Preis war Wucher
(ca. DM 4,-) und die Qualität war mies (Bericht vom Vortrag 12.00 Uhr)!“
Übrigens, das nächste Mal würde ich direkt bei der „Wetterstation“ auf
Helgoland anrufen (Tel. 04725-606).
Hinweis: Starten sollten wir vom
Börte-Boot-Anleger im Westen der Düneninsel; denn dorthin kann wir leicht
allein per Bootswagen hinkommen. Außerdem stören wir nicht in der Früh die am
Nordstrand ruhenden 107 Seehunde (Wolfgang hat sie gezählt!). Als alternativer
Startplatz bietet sich auch der Südstrand der Düneninsel an, da wir dort die
Kajaks nur ca. 30 m über den Sand zu ziehen brauchen!
Wir
nahmen Kurs auf die 28 km entfernt im Osten liegende Tonne „Außeneider“ (gibt
es 2005 nicht mehr). Die „Anti-GPS-Fraktion“ war leider nicht bereit
vorauszufahren! Dank GPS trafen wir die Tonne auf den Punkt. Mit Hilfe GPS
konnten wir auch manch a-typischen Strömungsverlauf und mach a-typische
Strömungsgeschwindigkeit feststellen. Wer da einen Tag vorher „per Daumen“ bzw.
mit Bleistift und Papier mit Hilfe der theoretisch bekannten Stromabdrift
(siehe Stromatlas) und der ebenfalls nur theoretische bekannten Windrichtung
(siehe Seewetterbericht) und der auch den britischen Seekajakherstellern
unbekannten Windabdrift ihrer Seekajaks seinen Kurs für den nächsten Tag
errechnet, und zwar grob gerechnet für jede Stunde eine neue Kursvorgabe,
braucht sich dann am nächsten Tag nicht zu wundern, wenn er plötzlich auf dem Süderoogsand
oder in Büsum anlandet und damit auch noch zufrieden ist, wie der
clevere Jäger, von dem Manfred erzählt: „Der
schoss zunächst und nannte dann erst sein Ziel!“
3,5
km vorher (lt. GPS) tauchte dann die ersehnte Tonne am Horizont auf. Wir nahmen
anschließend den erforderlichen Kurswechsel vor und peilten den Ortsteil Ording
an. Die Sicht war äußerst diesig. Erst 1 Std. vor Ankunft nahmen wir die Häuser
und Stelzenhütten von St.Peter-Ording wahr. Der Leuchtturm Westerhever
war überhaupt nicht auszumachen. Bei höchstem Wasserstand betraten wir wieder
das Festland. Für die ca. 51 km benötigten wir 5:45 Std. Fischerboote,
Netzbojen, ein paar Fahrwassertonnen am Horizont waren unsere einzigen
Sichtkontakte. Ach ja, gegen Ende der Etappe umflogen uns noch zwei neugierige
Entenschwärme: ein Schwarm links herum und ein anderer rechts herum. Als die
beiden Schwärme sich dann begegneten, erinnerte mich das ein wenig an das Getümmel
auf der Mönckebergstraße in Hamburg.
5. Tag (St.Peter-Ording – Büsum)
(ca. 38 km in 6 Std.)
Route: St.Peter-Ording – Eingang Fahrwasser „Norderpiep“ (westl.
von Blauortsand) - Büsum
Entfernungen:
St.Peter-Ording – Eingang Fahrwasser „Norderpiep“ =
21 km
Eingang Fahrwasser „Norderpiep“- Büsum = 17 km
Start in St.Peter-Ording: frühestens 5:30 Std. vor HW
Helgoland
Ankunft in Büsum: spätestens HW Büsum ≈ 1 Std. nach HW Helgoland
Hinweis: Der Tidenstrom unterstützt einem erst, wenn man das
Fahrwasser „Norderpiep“ erreicht hat, ansonsten strömt es Richtung Ost, d.h.
wer nicht vorhält, treibt auf die Wattflächen.
„Die Luft war ’raus!“- Nachdem wir Helgoland hinter uns hatten, mochte
eigentlich keiner mehr so recht paddeln. Dennoch rafften wir uns auf. Zum x-ten
Mal standen wir wieder um 4 Uhr auf und brachen unser Biwak mehr oder weniger
trocken ab. Hatten doch einige die Höhe des Nacht-Hochwassers unterschätzt;
denn in den Sommermonaten läuft häufig das zweite Hochwasser höher auf als das
erste: Wer dann zu dicht am Spülsaum des ersten Hochwassers biwakiert, braucht
sich nicht zu wundern, wenn ihn das zweite Hochwasser von der Iso-Matte spült.
Wir
starteten etwas spät um 6.00 Uhr. An der Westseite vom Blauortsand sollte um
6.23 Uhr NW sein. Die Ostströmung solle schon kurz nach 6 Uhr, d.h. 5.30 Std.
vor HW Helgoland, einsetzen. HW Büsum war um 12.38 Uhr.
Das
Gewässerbedingungen sorgten für kein Stimmungshoch: ca. 4 Bft. Wind gegenan und
teilweise auch gegen die Strömung. Das vorzeitige Pausieren im Westen des Wesselburener
Lochs wurde mit einer Abdrift von 4 km/h bestraft! Als wir schließlich das
Fahrwasser nach Büsum erreichten, ging es endlich wieder im „Schweinsgalopp“ (=
12 km/h) voran.
Kurz
vor 12 Uhr landeten wir am westlichen Ende der Büsumer Freizeitanlage
(Eintritt: DM 4,50) (westlich des Hochhauses) an. Dieses Mal sollte es auf den
Zeltplatz gehen. Drei hatten wir zur Auswahl. Für den Westlichsten entschieden
wir uns. Unter Umständen hätten wir – jedoch etwas weniger komfortabel – im
Seglerhafen von Büsum (hier: auf der Wiese im Nordwesten gegenüber dem
Segelboothafen) lagern können.
Das
Wetter wurde besser. Die Motivation stieg plötzlich wieder an. Oder lag’s
einfach daran, dass es wieder zurück Richtung Neuwerk ging.
6. Tag (Büsum – Wrack „Ondo“ –
Neuwerk) ( ca. 57 km in 11 Std.)
Route: Büsum – Meldorfer Bucht - Wattenhoch vom Prickenweg
Hoogen/Muschelloch/Altfelderpriel – südlich vorbei an Vogelschutzinsel Trischen
(„Neufahrwasser“) – Gelbsand – Leuchtturm Großer Vogelsand – Wrack „Ondo“ –
Wattkante Scharhörn – Elbe-Neuwerk-Fahrwasser – Neuwerk (Wests-Rampe)
Entfernungen:
Büsum – Wattenhoch Hoogen (südwestlich vom
Bielshövensand) = 12 km
Wattenhoch – Gelbsand = 20 km
Gelbsand – Wrack „Ondo“ = 13 km
Wrack „Ondo“ – Neuwerk = 12 km
Start in Büsum: 2 Std. vor HW Friedrichskoog Spitze
Einfahrt Elbe-Neuwerk-Fahrwasser: frühestens 4 Std. vor HW Helgoland
Ankunft in Neuwerk: spätestens bei HW Neuwerk
Wolfgang
wollte uns nach Neuwerk bringen. Das Wetter war okay. Kein „Zintona“-Wetter:
erst fast windstill und diesig warm, später 4 Bft. aus nord-westlicher
Richtung. Wir starteten um 11.15 Uhr direkt am Ende der recht pflegeleichten,
da „zugeteerten“ Freizeitanlage vor dem Hochhaus. Da wir keinen „Eintritt“
bezahlen mussten, durften die Badegäste auch „ganz umsonst“ zuschauen, wie wir
unsere Seekajaks zu Wasser ließen. HW Büsum war um 13.30 Uhr, also etwa zu dem
Zeitpunkt, wann wir uns nach einer Durchquerung der Meldorfer Bucht am
Ende des Altfelder Priels (im Osten von Trischen) befinden wollten. Wir
hatten viel Zeit; denn NW Leuchtturm „Großer Vogelsand“ war um 19.49 Uhr
und die Strömung auf der Mitte des Elbfahrwassers Norderrinne sollte
erst etwa um 21.15 Uhr kippen (d.h. 4 Std. vor HW Helgoland). Wir wechselten
das Fahrwasser und paddelten zwischen der Vogelschutzinsel Trischen
(Betreten verboten!) und der Ölbohrinsel Mittelplate (Rauchen verboten!)
durch in Richtung Westspitze Gelbsand (Zelten verboten!), einer sich
stetig verändernden Wattfläche nord-östlich des Fahrwassers Norderrinne.
Dort wollten wir auf dem trocken gefallenen Sand ausgiebig Pause machen. Das
Wetter wurde jedoch feucht-kühl und die Sicht äußerst schlecht. Die
Berufsschifffahrt war kaum zu erkennen. Vom Wasser aus beobachtete eine
Kegelrobbe, wie vom Sand aus ein paar Küstenkanuwanderer eine Kegelrobbe
beobachteten.
Zum
Leuchtturm am Großen Vogelsand waren es nur noch knapp 9 km, bei einer zu
erwartenden Strömungsgeschwindigkeit von knapp 5 km/h nicht viel. Trotzdem
legten wir viel zu früh vom Gelbsand ab. Strömung und Wind produzierten
einen herrlichen Seegang. Obwohl wir dicht entlang der Norderrinne
paddelten, „lutschte“ uns die Strömung des Luechterlochs Richtung Nord.
Wolfgang hatte uns jedoch im Griff und mit einem kräftigen „Seilfährenspurt“
dicht hinter der Tonne LL 6 waren wir wieder auf Kurs West.
Im
Wellenschutz der Sandbänke ließen wir uns gemächlich zum Leuchtturm treiben.
Ansonsten war die Sicht nicht besser geworden: Wir konnten nicht die Schiffe
auf der anderen Seite des Fahrwassers ausmachen. Sollten wir jetzt schon
hinüber, wo wir Neuwerk vermuteten? Oder sollten wir erst das Schiffswrack
„Ondo“ anlaufen? Die Mehrheit entschied sich für die „Ondo“. Wir wurden
dafür mit zunehmend besser werdender Sicht belohnt. Kurz nach 20 Uhr
überquerten wir noch bei leichter Westströmung das Unterelbefahrwasser. Um 22
Uhr betraten wir dann die West-Rampe von Neuwerk (3 ¾ Std. vor dem
nächsten HW). Wir zelteten wieder auf der Wiese bei „unserem „Gasthof“. Aus
„Mitleid“ bewirtete uns als einzige Gäste der Chef persönlich bis in den
nächsten Tag hinein.
7. Tag (Ruhetag)
Wolfgang,
Kai und Bernhard waren wieder voll motiviert. Sie hatten etwas Großes mit uns
vor. Deshalb sollte auf Neuwerk ein Ruhetag eingelegt werden. Dafür planten sie
für den nächsten Tag, einem Freitag, einen Frühstart über die Leuchttürme „Alte
Weser“ und „Roter Sand“ Richtung Wangerooge. Unser nach
Helgoland zweiter Höhepunkt stand uns bevor. Wir nutzten die Zeit zum
Regenerieren: Schlafen, Essen, Inselrundgang, Schlafen, Vogelbeobachtung mit
dem Vogelwärter von Scharhörn, Essen, Seewetterbericht abhören …
…
Vorbei mit der Motivation; denn 6 Bft. aus Nord-West waren angesagt. Bis auf
Bernhard wollten nun plötzlich alle nach Hause. Es bot sich auch keine
„vernünftige“ Tour bei solch einem Wind an. Als dann der Seewetterbericht von
NDR-Info um 22.05 Uhr (702 kHz) „Entwarnung“ gab, d.h. nur 4 Bft. aus West
prognostizierte, war die Mehrheit „innerlich“ schon daheim und somit nicht mehr
umzustimmen. Ja, das ist wohl typisch für „Helgoländer“. Während andere
Donnerstagabend nach getaner Arbeit anreisen, um in den kommenden 3 Tagen
einmal wieder ordentlich zu paddeln, freut sich ein echter Helgolandfahrer nach
getaner Tour wohl schon Donnerstagabend darauf, Freitag nach Hause fahren zu
dürfen!?
8. Tag (Neuwerk – Spieka-Neufeld
u.a.) (ca. 37 km in 6 Std.)
Route: Neuwerk (Badestelle/Seglerhafen) – Neuwerkloch – Nordertill
retour – Ostertill (Weser-Elbe-Wattfahrwasser – Spiekaer Tief – Spieka-Neufeld
Entfernungen:
Neuwerk – Neuwerkloch (Süd) = 5 km
Nordertill (retour) (bis Wattkante westlich von Tonne
Ostertill Weser-Elbe) = 17 km
Wattkante – Spieka-Neufeld = 15 km
Start in Neuwerk: spätestens 2 Std. nach HW Neuwerk
Ankunft in Spieka-Neufeld: frühestens 2:30 Std. vor HW
Spieka-Neufeld
Um
4 Uhr standen wir auf. Bernhard war heute der Schnellste. Obwohl wir erst um 6
Uhr auf dem Wasser sein wollten, verließen die ersten schon um 5.30 Uhr den
Segler-Hafen. Eigentlich war das viel zu spät; denn um 2.36 Uhr war HW gewesen.
Ich kam als einziger noch glatt durch bis ins etwas tiefere Wasser. Bernhard
musste schon stochern. Und die anderen, ja, die durften treideln. Eigentlich
ist Treideln nicht schlimm, wenn man nicht ein Seekajak mit einem verstellbaren
Skeg („Northshore“-Boote) hat. Während das „Pietsch“-Steuer vom „AMRUM“ allen
Gerüchten zum Trotz unversehrt das Treideln überstand, wurden die Skeg-Schächte
vom Schlick zugekleistert. Bernhard bekam sein Skeg nach kurzer Reparatur mit
Hilfe eines Messers wieder frei. Arthur dagegen machte einen kardinalen Fehler:
Er zog das Skeg mit den Fingern heraus und – das durfte nicht sein: - drückte
es anschließend mit der Hand wieder hinein (statt es über den Handschieber
wieder einzufahren!). Die Folge: Das Skegdraht knickte um und das Skeg ließ
sich nicht mehr per Drahtzug verstellen. D.h. ein Trimmen seines Seekajaks per
Skeg war nicht mehr möglich!
Die
Motivation sank auf den Nullpunkt. Bei der folgenden Gruppenfahrt zum im Westen
liegenden Robbensand (diese Wattfläche gibt es nicht mehr, da der Sand
von den Gezeiten & Sturmfluten verdriftet wurde) konnte man das deutlich
erkennen. Bernhard, der am liebsten nach Wangerooge wollte, weil er sich Mitte
nächster Woche für eine Borkum-Umrundung verabredet hatte, fuhr vorne weg.
Arthur, der mit seinem kaputten Boot „Calypso“ tanzte, wollte nichts mehr
riskieren und blieb hinten, begleitet vom Heimweh geplagten Kai, dem plötzlich
seine Sehnenscheidenentzündung besonders doll weh tat. Ich paddelte in der
Mitte. Das Wetter reizte mich wohl, aber 2 Tage früher zu Hause zu sein, ist
auch ganz schön.
Am
Robbensand fiel dann die Entscheidung: Bernhard fuhr um 8 Uhr allein
weiter über die Leuchttürme „Alte Weser“ und “Roter Sand“ nach Horumersiel,
wo er eine halbe Stunde vor Hochwasser (um 15 Uhr) eintraf (insgesamt ca. 55
km). Und der Rest wartete den Tidenwechsel (um 9 Uhr) ab und paddelte dann
unter Arthurs Führung über das Ostertill zurück nach Spieka-Neufeld.
Es war eigentlich unsere gemütlichste Tour: entspanntes Paddeln mit der
Tidenströmung, bei Rückenwind und Sonnenschein. Wolfgang hatte sein Fernglas
mehr in der Hand als sein Paddel. Um kurz nach 12 Uhr war dann unsere
Pfingsttour beendet. Die „Verluste“ hielten sich in Grenzen. „Neptun sei dank!“
*** * ***
Kurz-Infos:
Grundsatz:
Wer nach Helgoland paddelt,
sollte immer auf das Schlimmste gefasst und entsprechend vorbereitet sein.
Anforderungen:
Sowohl
das Kajak als auch der Kanute sollte seetüchtig sein. Hierzu zählt nicht nur
Seegangstüchtigkeit, sondern auch Navigationstüchtigkeit, Kentertüchtigkeit,
Seenottüchtig, Reisetüchtigkeit und Verkehrstüchtigkeit. Siehe hierzu:
è www.kanu.de/nuke/downloads/Safety-first.pdf
Außerdem
sollten wir nicht solo, sondern nur in einer Gruppe solch eine Tour
unternehmen:
è www.kanu.de/nuke/downloads/Solotouren.pdf
è www.kanu.de/nuke/downloads/Gruppenfahrten.pdf
Schließlich
sollten alle Teilnehmer über eine entsprechende Kondition verfügen, um notfalls
doppelt so lange unterwegs sein zu können, wie eigentlich sonst benötigt wird,
um Helgoland zu erreichen. D.h. wir sollten fit sein, um 12 Std.
hintereinander, ohne auszusteigen, paddeln zu können.
Weitere
Infos finden wir auf der DKV-Homepage www.kanu.de/kueste/
, insbesondere auch unter den folgenden Links::
è www.kanu.de/nuke/downloads/Seekajakkauf-Hinweise.pdf
è www.kanu.de/nuke/downloads/Ausruestungsgegenstaende.pdf
è www.kanu.de/nuke/downloads/Sichtbarkeit.pdf
è www.kanu.de/nuke/downloads/Trockenanzug.pdf
è www.kanu.de/nuke/downloads/Rettungsweste.pdf
è www.kanu.de/nuke/downloads/Life-Line.pdf
è www.kanu.de/nuke/downloads/Seenot-Signalmittel.pdf
è www.kanu.de/nuke/downloads/Gepaeckverteilung.pdf
è www.kanu.de/nuke/downloads/Ernaehrung.pdf
è www.kanu.de/nuke/downloads/Trinken.pdf
è www.kanu.de/nuke/downloads/Sehnenscheidenentzuendung.pdf
è www.kanu.de/nuke/downloads/Seewetterberichte-D.pdf
è www.kanu.de/nuke/downloads/SSG.pdf
è www.kanu.de/nuke/downloads/Fahrregeln.pdf
Zeitspanne: Um sich nicht in Zugzwang
zu bringen, sollten wir für eine Helgoland-Tour mehr als 3 Tage ansetzen, damit
wir bei ungünstiger Wetterlage noch Zeitreserven haben.
Literatur:
Werner,J.:
Nordseeküste 1 (Cuxhaven bis Den Helder) (4. Aufl.)
Werner,J.:
Nordseeküste 2 (Elbe bis Sylt) (3. Aufl.)
Siehe
hierzu auch die folgenden Literaturhinweise:
è www.kanu.de/nuke/downloads/Kuestenlitereatur-Touren.pdf
> „Nordsee“
è www.kanu.de/nuke/downloads/Online-Kuestenliteratur-Touren.pdf > „Nordsee“
Seekarten: (jährlich neu)
Sportbootkartensatz
Nr. 3014 (Helgoländer Bucht)
Sportbootkartensatz
Nr. 3013 (Nordfriesische Insel) (Blatt 10) oder Seekarte Nr. 106
Es
ist empfehlenswert, sich von den benötigten Kartenausschnitten DIN
A3-Farbfotokopien zu erstellen und sie einlaminieren zu lassen (mit
Vorder-/Rückseite je ein Blatt). Siehe hierzu:
è www.kanu.de/nuke/downloads/Navigationstuechtigkeit.pdf
Gezeiten
& Strom:
Gezeitenkalender
(Hoch- und Niedrigwasserzeiten für die Deutsche Bucht) (jährlich neu)
Stromatlas:
„Der küstennahe Gezeitenstrom ín der Deutschen Bucht“ (2002)
Text: U.Beier
Hinweis: Der Bericht erschien 1994
im Seekajak, Nr. 44, und wurde aktualisiert.