25.09.2006 Küstenkanuwandern: der stille Naturgenuss
(Revier/Inland)
Es gibt Seakayaking auch
als stillen Naturgenuss. Ein nachhaltiger Sport im Stillen.
Null Formalitäten. Starten,
wo und wann du es wählst. Autarkie pur, Leben aus und mit dem Kajak. Alles an
Bord. Freiheit vor der Haustür, die fast letzte.
Natur pur. Du siehst Sände vertreiben,
Priele versanden, Buchten verschlicken, es tauchen Kulturspuren nach Seeschlag
durch Sturmbrandung auf – 25 km vor den Festlandsdeichen, auf dem Außensänden,
eine Sahara im Meer. 270.000 Tiden nach Untergang ehemaligen Landes stürzt du
in eine frisch erschienene Ackerfurche.
Du hörst im Frühjahr und
Herbst auf Nebeltouren Konzerte von Abertausenden von Seevögeln. Ein Kikkern,
Gackern, Schreien, Rufen, Gurren, das sich tief in deine Seele gräbt wie in
anderen Meeren der Gesang der Buckelwale.
Du riechst Salzwiesen. Das
Watt knistert. Der Schlick blubbert. Der Priel plätschert. Sie See rollt. Die
Brecher donnern. Und die Gischt rauscht mit starkem Schwall heran.
Käferchen graben sich durch
den Urwald des Strandflieders. Sie erdulden wochenlangen Frost und Wüstenhitze,
tagelang Land unter und werden mit Salz und süßen Dauerregen fertig, wenn’s
sein muss. Der Halligfliederspitzmaulrüsselkäfer summt dem Paddler ein
Liedchen, wenn er in seinen Schlafsack kriecht. Natürlich nicht, wenn du vorher
in der Disco warst. Dein Ohr muss schon exzellent sein. Beachte mal seine
Größe.
Du kennst das
Austernfischerpärchen vor dem Zelt schon ein Jahrzehnt. Jedes Jahr zog es ein
Küken heran. Jetzt stimmst du dich wehmütig auf Abschied ein. Die Familie „A.
Fischer“ wird vom Winter zerrissen werden. Ein Altvogel humpelt mit
schleifender Schwinge über den Schlick und jagt Würmer, die erst vor dem
Füttern gewaschen werden. Mit gebrochener Schwinge kann er wohl öden Sommer
überleben, aber nicht überwintern!
Du inhalierst den würzigen
Duft der Salzwiese. Das Watt knistert, der Schlick schmatzt, der Priel
plätschert durch den Winzhafen.
Gepaddelt wird ohne Tamtam
doch mehr als mancher denkt, gerade zwischen Den Helder und Esbjerg. Inseln und
Halligen; kein riesiges Gebiet, aber einzigartig auf diesem Globus.
Die Insider triffst du
gerade zu ungünstigsten Jahreszeiten. Die erscheinen kaum auf einem Symposium,
auf keinem Workshop, in keiner Marathonrangliste. Event ist für die ein
Fremdwort, das sie höchstens an Wind erinnert. Menschenmassen ist für sie immer
gleich Stress. Stille, Weite, das Naturerlebnis lockt sie. Sie leiben die See,
und sind gerade dann draußen, wenn die See rau wird. Whitecaps können sie
verlocken, bleierne See wird eher als tranig empfunden.
Fix paddeln kannst du auch
alleine auf See. Z.B. am Strand entlang von St. Peter- Ording. Und wenn das dir
nicht genügt? Z.B. von Büsum nach Helgoland, nachts und allein!? Motiviert vom
Meeresleuchten. Nach dreieinhalb Stunden erst blinkt ganz unten am Rand des
Horizontes das schwache Licht des höchsten Leuchtfeuers überhaupt an der
Westküste. 35 Seemeilen bei Dünung, ohne Rückenwind, im Seekajak und mit
Gepäck. Auf dich wartet kein „Treppchen“. Mach dir keine Gedanken über die
Zeitnahme. Es gibt sie nicht, außer du schaust selber auf deine Uhr. Du bist
allein. Null Presse – warum auch, du bist ja heile angekommen! Null Applaus –
wieso auch, keiner sieht dich, keiner nimmt von dir Notiz, keine schlägt dir
auf die Schulter, aber auch keinem musst du auf die Schulter hauen. 6:28 h hast
du gebraucht. Glauben tut’s keine Landratte, kein Kanute, kein Seemann.
Aber sei sicher, bei
schwierigen Bedingungen, wenn die See rollt, der Himmel dunkel wird, die
Strecken lang und länger werden, kein Griff mehr zum Snack und zum Getränk
möglich ist, da zeigt sich immer schnell, wer nur flacheres Wasser und weder
Wind noch Seegang gewohnt ist, wer die Sicht auf ein Ufer und auf ein Ziel
braucht.
Also - es gibt viele Arten des Seakayaking. Nur die
Anfänger begnügen sich mit dem puren Erreichen des Zieles. Ihnen genügt es
meist auch, bei Sonnenschein neben ihrem Kajak zu sitzen und zu reden. Die
machen eigentlich ihr Kajak nass für Strecken, die sie eigentlich auch zu Fuß
gehen könnten. Sie navigieren, wo nichts zu navigieren – zum Ziel könnten sie
Spucken, der Streckenverlauf ist ab Deichkrone beim Hafen zu übersehen. Sechs
Stunden Auto für zwei Mal sieben Kilometer!?
Anderen dagegen wollen
erleben, sehen, fühlen, hören. Sie navigieren bei null Sicht ohne Karte,
Kompass, GPS; denn sie können regelrecht riechen, wo eine Sandbank liegt, sie
können hören, wo eine Pricke steht, sie können spüren, wenn eine Insel naht … Ja, sie kennen sich draußen im
Watt aus wie im eigenen Zimmer bei Nacht.
Text: Eckehard Schirmer