25.03.2004
Windeffekte (Wetter)
In
der YACHT liefert U.Janßen in einem umfassenderen Beitrag:
„Wind-Spezial“
umfangreichere
Informationen über die Ursachen (Temperatur, Labilität & Stabilität von
Luftmassen, Erdrotation & Corioliskaft, Reibung & Erdoberfläche),
Wirkungen und Phänomene des Windes. Besonders interessant sind die Ausführungen
in dem Artikel:
„Wissen, woher
der Wind weht“
Dort
werden 10 Windeffekte
vorgestellt, die vom Seewetterbericht meist nicht angezeigt werden. Es handelt
sich um lokale Winderscheinungen, denen man sich beim Küstenkanuwandern
bewusst sein muss, wenn man keine unliebsamen Überraschungen erleben möchte.
Die
Windprognose selber weist im Allgemeinen nur auf überregionale
Winderscheinungen hin, die dadurch entstehen, dass vom Hoch zum Tief ein
Druckausgleich stattfindet (sog. „Gradientwind“). Lokale Winde können jedoch
diesen Wind beeinflussen, sei es, dass sie ihn verstärken, abschwächen oder
ablenken. Wer die Seekarte bzw. topographische Karte richtig lesen kann, wird
sehr schnell erkennen können, mit welchen Windeffekten gegebenenfalls zu
rechnen ist und seine Route, Tagesetappe, Pausen- bzw. Übernachtungsplätze so
legen, dass der Wind und der von ihm unweigerlich hervorgerufene Seegang seine
Tour nicht gefährdet.
Seewind: Er weht
tagsüber in Richtung Küste, da das Land sich stärker erwärmt als das Wasser und
dadurch über Land warme Luft aufsteigt. Er beginnt mittags und erreicht ca. 2
Std. nach Sonnenhöchststand sein Maximum. Es handelt sich um eine lokale
Winderscheinung, die sich besonders dann bemerkbar macht, wenn ansonsten
Windstille vorherrschen würde. Von See aus ist dieser Windeffekt allein schon
daran zu erkennen, dass sich über Land thermische Wolken (Kumulus) bilden.
Die Stärke des Seewinds ist davon
abhängig, wie hoch die Temperaturdifferenz zwischen Land und Wasser ist: Bei
16° C Unterschied weht er mit 2 Bft., bei 28° C mit 5-6 Bft. Er kann dabei 10 – 40 sm auf See hinaus reichen. Deshalb
ist dieser Windeffekt in der Mittelmeerregion viel deutlicher zu bemerken, als
bei uns entlang der Nord- und Ostseeküste.
Landwind: Er weht
nachts in Richtung See, da über Land die Luft allmählich abkühlt und nun über
See die wärmere Luft aufsteigen kann. Es handelt sich ebenfalls um eine lokale
Windererscheinung, die sich gerade bei Flautenbedingungen voll entfalten kann.
Da die Temperaturdifferenz des Nachts
zwischen Land und Wasser niedriger ist, wird der Landwind im Allgemeinen nur
mit 1-3 Bft. wehen.
Thermikeffekt (Verstärkung): Hier weht der
überregionale Wind mit z.B. dem Seewind und verstärkt dadurch dessen
Wirkung (z.B. Westwind an der Westküste von Jütland)
Thermikeffekt (Abschwächung): Hier weht der
überregionale Wind gegen z.B. dem Seewind und wird dadurch abgeschwächt
(z.B. Westwind an der Ostküste von Jütland).
Thermikeffekt (Ablenkung): Hier trifft
der überregionale Wind seitlich auf z.B. den Seewind, was dazu führt, dass
beide Winde, nämlich der thermische Seewind und der überregionale
„Gradient“-Wind (der vom Hoch zum Tief weht) etwas abgelenkt und verstärkt wird
(z.B. kann ein Ostwind an der Seeseite der ostfriesischen Inseln durch den
eigentlich aus Norden kommenden Landwind so abgelenkt werden, dass beide
zusammen aus nordöstlicher Richtung wehen).
Er ist fast überall dort zu beobachten,
wo eine „Landnase“ (Kap, Huk) von der Seite her vom Wind angeblasen wird. Vor
dem Scheitelpunkt des Kaps weht es am heftigsten, u.U. bis zu 50% stärker. Je
nachdem, wie weit ein Kap aus einer Küstenlinie herausragt, desto größer wird
dieser Effekt und umso eher tritt nach dem Kap eine Verwirbelung des Windes,
gegebenenfalls mit einer völligen Winddrehung auf (z.B. ein Westwind mit 3
Bft., der auf die Nordspitze von Bornholm weht, wird dort entlang der Felsküste
mit 4-5 Bft. vorbei blasen).
Der Wind wird, wenn er durch zwei eng
beieinander liegende Landmassen weht (Meerenge, Düse), gestaucht und muss mit
erhöhter Geschwindigkeit den Engpass überwinden. Die Zunahme spürt man im
engsten Bereich und danach. Der Wind kann dabei um bis zu 3 Bft. zunehmen (z.B.
wenn ein westlicher Wind zwischen Korsika und Sardinien durch die Straße von
Bonifacio bläst).
Ähnliche Effekte (sog. „Tunneleffekte“)
treten auch auf, wenn der Wind durch Täler
bläst.
Übrigens, der von den Alpen her ins Tal
blasende „Mistral“ wird durch solche Tunneleffekte, die im
Rhone-Trichter entstehen, verstärkt.
Trifft der Wind senkrecht auf eine hohe
Steilküste, hat sie Schwierigkeiten abzufließen und wird reflektiert. Dadurch
wird der herankommende Wind aufgestaut und die Windstärke abgeschwächt. Jedoch
sind Turbulenzen mit laufender Winddrehung die Folge. Die Windstauzone
kann je nach Höhe der Steilküste mehrere Kilometer hinaus auf die offene See
reichen (z.B. bei den Kanarischen Inseln bis über 6 sm).
Die Problematik solcher
Windverhältnisse wird noch dadurch verstärkt, dass die dort einlaufende Windsee
bzw. Dünung von der Steilküste reflektiert wird und eine kabblige „Kreuzsee“
entstehen lässt.
Es sind hier zwei verschiedene Effekte
zu unterscheiden:
Zum einen erfährt der Wind durch die
Reibung an der Erdoberfläche einen abgeschwächen Effekt. Je dichter der
Wind über der Erdoberfläche weht und je rauer die Erdoberfläche ist, desto
größer ist die abbremsende Wirkung. Deshalb wird es dicht über dem Erdboden
immer weniger stark wehen, als weit draußen über der Meeresoberfläche. Wenn man
also bei ablandigem Wind mit seinem Kajak aufs Meer hinaus paddelt, sollte es
einem folglich bewusst sein, dass der Wind schon wenige hundert Meter draußen
auf dem Wasser viel stärker bläst. Jedoch kann der Seegang dafür sorgen, dass
der Wind dicht über der Wasseroberfläche weniger stark weht. Leider nutzt einem
dieser Effekt dann nicht mehr viel; denn je größer die abbremsende Wirkung des
Seegangs auf den Wind ist, desto unangenehmer wird der durch den Wind erzeugte
Seegang.
Zum anderen erfährt der Wind durch die
Reibung einen ablenkenden Effekt. Auflandiger Wind wird über - nicht so
hohe - Landmassen nicht nur durch Reibung abgeschwächt, sondern auch wegen der
Corioliskraft auf der Nordhalbkugel nach links abgelenkt. Weht er ablandig,
beschleunigt er wieder über dem weniger Reibung verursachenden Wasser und wird
dadurch nach rechts abgelenkt. Diese Rechtsdrehung ist umso stärker, je rauer
die Landoberfläche ist und je weiter der Wind sich vom Land entfernt. Sie kann
bis zu 20° betragen.
Weht der Wind parallel zu einer nicht
so bergigen Küste kann einer der beiden folgenden Effekte beobachtet werden.
Kommt der Wind z.B. von West und bläst
am Nordufer (d.h. links) der Landmasse entlang, wird der Wind, der über das
nahe Land weht abgebremst und dreht wegen der Corioliskraft nach links. Dadurch
kommt es zur Annäherung (sog. „Konvergenz“) des über dem Land wehen
Windes mit jenem Wind, der parallel dazu über der See weht. In einem schmalen
Bereich von 2 – 3 sm vom Ufer entfernt wird dadurch der über See wehende Wind
Richtung offene See abgelenkt und verstärkt (max. um 25 %).
Bläst derselbe Wind entlang des
Südufers (d.h. rechts) der Landmasse dreht er an Land ebenfalls nach links und
wendet sich folglich von der Küste ab Richtung Land (sog. „Divergenz“),
was eine abschwächende Wirkung für den Wind hat, der entlang der Küste auf See
weht.
Wenn ein „Kaltluftpaket“ aus
über 1.000 m von den Bergen hinunter in die Täler „fällt“, können Fallwinde
entstehen. Die in der Adria zu beobachtende „Bora“ ist ein solcher
Fallwind. Sie entsteht, wenn kalte Luft aus Nordosten durch die Triest-Ebene
oder über die Berge der adriatischen Ostküste aus Ostnordost in die Adria
einfällt. Innerhalb einer Stunde kann der Wind von 3 auf 8 Bft. zunehmen (im
Golf von Triest wurden max. knapp 200 km/h gemessen). Das Tückische daran ist,
dass die Bora bei Sonnenschein, guter Sicht und konstantem Luftdruck auftreten
kann.
Fallwinde können aber auch bei
ablandigem Wind an über 100 m hohen Steilküsten auftreten. Teilweise können
sie, wenn sie auf die Wasseroberfläche treffen, das Wasser hoch spritzen lassen
und dann als Gischt horizontal dicht über die Wasseroberfläche blasen.
Ist die Ecke, um die der Wind weht zu
scharf, die Kurve zu eng oder die Abbruchkante einer Küste zu steil, dann reißt
der Wind ab und eine Wirbelschleppe bildet sich hinter dem Hindernis
aus. Der Wind weht dort wohl turbulenter, aber weniger stark. Im Abstand der
5-fachen Höhe der Barriere herrscht noch 40% des ursprünglichen Windes, in
einer Entfernung des 10-fachen der Höhe 65% und erst nach einer Distanz der
30-fachen Höhe ist man aus dem Windschatten wieder draußen (z.B. reicht bei den
Kanarischen Inseln die Abdeckung von den Leeküsten im Südwesten und Westen über
10 – 15 sm seewärts).
Trifft der Wind auflandig auf eine
erhöhte Landmasse, kann nicht nur ein Windstau, sondern auch eine Windablenkung
entstehen (an Steilküsten bis zu 90°), die mit einer Windbeschleunigung
verbunden ist (bis zu 15 kn). Die Auswirkungen eines solchen Leiteffekts können
bis zu 5 – 10 sm seewärts zu beobachten sein (z.B. ist die Südwestküste
Sardiniens als solch eine Windverstärkungszone bekannt).
Bläst es parallel zur Küste, ist die
Ablenkung nicht ganz so stark.
und
letztlich gehören dazu auch:
Böen liegen dann vor, wenn der Wind
sich plötzlich & kurzfristig in Stärke bzw. Richtung vereändert. Die Gründe
hierfür können auf andere Windeffekte zurückzuführen sein, z.B. Kap-, Düsen-,
Tunnel- und Fallwindeffekte.
Eine Variante des Böen verursachenden
Fallwindes, die nicht auf landschaftliche Besonderheiten zurückzuführen ist,
ist jene, bei der i.d.R. stärker wehende Höhenwinde auf den Boden auftrifft,
nachdem zuvor bodennahe Luft aufgestiegen ist.
Aber auch durchziehende Gewitter können
zu Beginn ihres Ausbruchs Böen hervorrufen. Meist erkennt man das vorher schon
an der besonderen Wolkenformationen (sog. „Böenkragen“).
Quelle: YACHT, Nr.
7/04, S.34-48 – www.yacht.de